Bundestagswahl

Pinneberg 007 – der Wahlkreis mit der Lizenz zum Orakeln

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Alexander Sulanke
Autos fahren am Morgen an Wahlplakaten vorbei.

Autos fahren am Morgen an Wahlplakaten vorbei.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Wer ins Kanzleramt einzieht, wissen Pinneberger seit 1953 als Erste. Warum das so ist und was ein Professor dazu sagt.

Kreis Pinneberg.  Es ist der 6. September 1953, ein Sonntag, der für den Kreis Pinneberg ein historisches Datum werden soll. Doch das ahnt noch niemand, als um 18 Uhr die Wahllokale schließen und die zweite Bundestagswahl in der jungen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu Ende ist. CDU und CSU bekommen deutschlandweit 45,2 Prozent der Zweitstimmen, Konrad Adenauer bleibt Kanzler, weil es Erich Ollenhauers SPD nur auf 18,8 Prozent schafft.

Die Union wird 130 direkt gewählte Abgeordnete nach Bonn entsenden. Einer von ihnen ist der damals 52 Jahre alte Jurist und Landwirt Wilhelm Goldhagen aus Bokel, der sich an diesem 6. September 1953 mit 38,9 Prozent Erststimmen gegen die damals 33 Jahre junge Annemarie Renger von der SPD (33,7 Prozent) durchsetzt, die später im Leben einmal Bundestagspräsidentin werden wird. Der an sich unspektakuläre Sieg des CDU-Direktkandidaten – er begründet bis heute eine Legende.

Denn seit diesem 6. September vor 68 Jahren holt im Kreis Pinneberg immer derjenige Kandidat das Direktmandat, dessen Partei später auch den Kanzler oder die Kanzlerin stellt – zuletzt vor vier Jahren CDU-Mann Michael von Abercron bei seiner ersten Kandidatur überhaupt. Das ist einmalig in Deutschland und hat „Pinneberg 007“, wie die offizielle Bezeichnung seit 1976 lautet, zum Wahlkreis mit der Lizenz zum Orakeln gemacht. Zum Kanzlermacher-Kreis.

Selbst bei den Wahlen 1969, 1976 und 1980 liegt das Orakel richtig

„Das ist lustig“, sagt der Kieler Professor für Politikwissenschaften Christian Martin von der Christian-Albrechts-Universität gegenüber dem Abendblatt, „das ist insofern interessant, als dass es auch auf die Koalitionsbildung ankommt. Wir wissen ja, dass der Kanzler oder die Kanzlerin nicht automatisch von der Partei mit den meisten Stimmen kommen muss.“

Aber auch dieser Umstand bringt das Pinneberger Kanzler-Orakel nicht ins Straucheln, als es diesbezüglich 1969 zum ersten Mal auf die Bewährungsprobe gestellt wird: Die CDU mit dem amtierenden Kanzler Kurt Georg Kiesinger als Kandidaten geht aus der Wahl am 28. September mit 46,1 Prozent zwar klar als Sieger hervor, Regierungschef wird später aber Willy Brandt, der für die SPD nur 42,7 Prozent einfährt, aber ein sozialliberales Bündnis mit der FDP schmieden kann.

Und im Kreis Pinneberg? Dort gewinnt mit dem 39 Jahre alten Pinneberger Juristen Hans-Ulrich Brand erstmals ein Sozialdemokrat das Direktmandat und läuft seinem 1965 noch direkt in den Bundestag gewählten Mitbewerber Rolf Bremer von der CDU ganz knapp den Rang ab. Auch bei den Wahlen 1976 und 1980 liegt das Orakel in einer vergleichbaren Situation richtig.

Kann das alles Zufall sein?

Wie kann es passieren, dass ein einziger Wahlkreis schon am Wahlabend die spätere Kanzlermehrheit so treffsicher abbildet? Der Politikwissenschaftler Martin muss da selbst orakeln. „Es mag vielleicht auch so sein, dass der Kreis Pinneberg in puncto Demografie besonders typisch ist“, sagt er. Seine eigentliche Erklärung ist aber weitaus einfacher: Zufall, der statistisch durchaus noch im Rahmen ist. „Bei nur zwei Möglichkeiten ist es nicht unwahrscheinlich, dass einer von 299 Wahlkreisen 18-mal in Folge immer richtig gelegen hat.“

Armin Laschet, Olaf Scholz oder Annalena Baerbock – werden die Menschen im Kreis Pinneberg denn auch am Abend des kommenden Sonntags schon wissen, wer ins Kanzleramt einzieht? „Ich könnte mir vorstellen, dass die Serie dieses Mal bricht“, sagt Prof. Martin. Wenn Statistik das Geheimnis hinter dem Orakel ist, dann sinkt zwangsläufig mit jeder weiteren Wahl die Wahrscheinlichkeit, dass es richtig liegt.

Viele Wähler sind noch unentschlossen

Inhaltlich möchte sich der Hochschullehrer ohnehin nicht festlegen. Er hält die Wahl noch für offen. „Die Menschen schauen genauer hin, die Parteibindung sinkt“, sagt Martin. „40 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind immer noch unentschlossen. Das ist viel für deutsche Verhältnisse.“

Zu dieser Einschätzung gelangt auch der Fernsehjournalist Klaus Scherer, dessen Reportage „Unter Wählern“ an diesem Montagabend in der ARD ausgestrahlt wird. Der Grimme-Preisträger und sein Team haben seit Jahresbeginn in drei deutschen Wahlkreisen mit der Kamera Wählerinnen und Wähler bei der Entscheidungsfindung beobachtet – unter anderem im Orakel-Kreis Pinneberg.

„Nie schienen mir so viele von ihnen derart ratlos“, bilanziert der ARD-Autor, „und das lag nicht nur daran, dass die gefühlte Dauerkanzlerin Angela Merkel nicht mehr antritt.“ Einer der Protagonisten seiner Reportage ist der Helgoländer Logistikunternehmer Heiko Ederleh, den das Team im Frühjahr mitten im Corona-Lockdown besucht und gefilmt hat. Ederleh sagt: „Bei den letzten Wahlen wusste ich immer, was ich wollte. Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich will. Also – doch, ich weiß wohl, was ich will. Rechts will ich nicht. Aber alles andere ist ganz schwierig.“

Kann das Pinneberger Kanzler-Orakel mit solchen Aussagen umgehen? Oder endet Sonntag eine Geschichte, die am 6. September 1953 begonnen hat?

Serie: Von Dienstag an stellen wir die Direktkandidaten im Kreis Pinneberg vor.

TV-Dokumentation: „Unter Wählern“,Mo 20.9., 22.50 Uhr, ARD, abrufbar auch in der ARD-Mediathek

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