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Große Pläne: Pinneberg träumt von einem Mega-Freizeitpark

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Marie Birmanns
Die Zeitungsseite des Abendblatt mit dem „Südseezauber“ aus dem Jahr 1999.

Die Zeitungsseite des Abendblatt mit dem „Südseezauber“ aus dem Jahr 1999.

Foto: Archiv HA / HA

Kreisstadt soll ein „Waikiki-Erlebnisbad“ bekommen. Dafür wird Kita-Kindern das Spielzeug weggenommen. Warum? Ein Blick ins Archiv.

Pinneberg. Das Jahr vor dem Millennium startet für ein Rellinger Ehepaar brutal. Während die beiden in ihrem Garten das Feuerwerk beobachten, tauchen zwei maskierte, bewaffnete Männer auf und bedrängen die Eheleute. Die Räuber überwältigen das Paar und fesseln sie im Haus. Das erbeutete Diebesgut: 20.000 D-Mark und Schmuck.

Die Mitglieder der Ratsversammlung entscheiden, ob der Pinneberger Marktplatz nach Ideen des Buxtehuders Unternehmens AVW bebaut werden soll. Die CDU unterstützt das Millionenprojekt, das ein SB-Warenhaus, Fachgeschäfte sowie Wohnungen und eine Tiefgarage auf dem Marktplatz vorsieht. Wenig begeistert von den Bebauungsplänen: Bürger und Kaufleute. 500 von ihnen versammeln sich und beschließen bei nur elf Gegenstimmen eine Resolution gegen die Bebauung. CDU-Vorsitzender Uwe Lange zum Protest: „Die Kaufleute waren immer rückwärts orientiert und haben noch nie die sich bietenden Chancen erkannt.“ Als Reaktion auf die scharfe Kritik überlegen die Kaufleute, eine neue Partei zu gründen, die der CDU auf Kommunalebene Konkurrenz macht.

Spannend bleibt es auch beim berühmt berüchtigten Hallen-Ei in Halstenbek. „Wann die schrottreife Kuppel endlich abgebaut wird und das vor sich hin rostende Bauwerk eine Abdeckung erhält, steht weiter in den Sternen“, heißt es im Abendblatt. Gleicher Ort, anderer Bau: Polizei und Feuerwehr entdecken ein verwahrlostes Haus mit 20 Katzen. Ein Tier ist sogar tot und schon mumifiziert.

Nach zwölfeinhalb Jahren wird ein Hemdinger Dreifach-Mord aufgeklärt. 1986 tötete Vladimir E. Jürgen Lange, seine Frau Christa und ihren Stiefsohn Frank Junge. Habgier scheint das Motiv der Bluttat zu sein. Eine Staubmaske, die Vladimir E.’s DNA enthält, überführt den Tschechen.

In Waldenau endet eine Ära: 50 Jahre lang diente das Gutshaus im Pinneberger Stadtteil als Kinder- und Jugendheim. Der Waldenauer Bürgerverein will aber verhindern, dass das Grundstück mit einem Wert von fünf Millionen Mark abgerissen wird.

Quickborn, die Stadt ohne Zentrum, feiert am 27. Januar 1999 ihr 25-jähriges Bestehen. Im Kreis können alle Senioren ab 70 Jahren ihren Führerschein gegen ein kostenloses Bus-Abo eintauschen. Und, innovativ: Busse werden mit Ortungssystemen ausgestattet, damit Nutzer den Standort im Blick haben.

Wachwechsel im Wedeler Rathaus im Februar: Aus der ersten direkten Bürgermeisterwahl geht der parteilose Diethart Kahlert als Sieger hervor. Mit 57 Prozent kann er sich gegen Amtsinhaber Gerd Brockmann durchsetzen. In Schenefeld steht der gefeuerte Diakon Uwe Sanneck vor Gericht. Rechnungen gefälscht, Geld unterschlagen, Lügen – das wirft ihm der Kirchenvorstand vor. Sannecks Rauswurf spaltet die Schenefelder Gemeinde. Die Junge Gemeinde, für die der Diakon zuständig war, startet eine Unterschriftenaktion, um Sanneck wieder einzustellen.

Von zunehmend „erheblichen Mängeln“ spricht der TÜV bei Hauptuntersuchungen der Autos. Der bundesweite Trend bestätigt sich im Kreis Pinneberg. Gehen im Jahr 1997 noch 45,4 Prozent der Fahrzeuge ohne Mängel über die Bühne, so sind es im Jahr 1998 nur noch 42,9 Prozent. Der Grund: Autofahrer geben weniger Geld für die Wartung ihrer Wagen aus. Ein interner Vergleich zeigt: Elmshorn hat die schnellste Post. Das Briefzentrum 25 in Elmshorn zählt zur Spitzengruppe der bundesweit 83 Briefzentren, was das Tempo bei der Zustellung angeht – und landet damit vor Hamburg.

Der März beginnt für die Kommunen mit einer „kalten Dusche“. Auf sie kommen ungeplante Mehrausgaben in Millionenhöhe zu. Der Grund: der Tarifabschluss im öffentlichen Dienst. Eingeplant war eine einprozentige Erhöhung, nun müssen Städte und Gemeinden eine Lohnerhöhung von 3,1 Prozent verkraften. „Ein Prozent, das hätte 324.000 Mark ausgemacht. Jetzt rechnen wir mit rund 900.000 Mark.“ Im Verwaltungshaushalt sei keine Luft, sagt Peter Elfendahl, Kämmerer in Elmshorn.

Im Uetersener Ludgerus-Kindergarten ist dagegen Verzicht das Stichwort. Beim Experiment „Spielzeugfreier Kindergarten“ werden alle Kuscheltiere und Lego-Steine für drei Monate auf den Dachboden verbannt. Ziel: Bei den Drei- bis Sechsjährigen soll ein Beitrag zur Suchtprävention geleistet werden. Und die Kinder? Stapeln Matratzen zu einem Auto und spielen mit Keksdosen.

Erschreckender Anstieg von Sexualdelikten: Im Kreis geht die Zahl der Taten um 17,1 Prozent nach oben. Und auch die übrigen Straftaten werden mehr. Immerhin sei laut Polizei auch die Aufklärungsquote auf 39,7 Prozent gestiegen. Ebenso erfreulich ist die Entwicklung der Aids-Zahlen im Kreis. Während 1994 noch 14 Menschen an der Immun-Krankheit starben, sind es 1997 lediglich drei. Amtsarzt Dr. Rainer Peters sieht den gestiegenen Kondomverbrauch als Grund: „Das ist ein Indiz, dass die Dinger auch benutzt werden“, sagt Peters.

In Quickborn müssen sich 1300 Sportfreunde ein neues Fitnessstudio suchen. 500.000 Mark Schaden und ein untergetauchter Geschäftsführer – das ist die Bilanz der bankrotten Fitnesspoint GmbH. Ein Schild mit der Aufschrift „Aus organisatorischen Gründen geschlossen“ ist die einzige Information.

Pinneberg soll wachsen – 200 neue Wohneinheiten sollen in den kommenden Jahren auf einem 2,8 Hektar großen Areal an der Elmshorner Straße entstehen. Damit könnte die Kreisstadt die 40.000-Einwohner-Marke knacken. Für neue Hürden sorgt die „630-Mark-Regelung“ der Bundesregierung bei Sportvereinen und Volkshochschulen. Beide sind von der Sozial- und Steuergesetzgebung betroffen und sehen ihre Existenz gefährdet. Mehrkosten und abwanderndes Personal werden befürchtet.

Von „Südseezauber in Pinneberg“ an der Burmeisterallee ist im April die Rede. Eine Schweizer Investorengruppe hat die Kreisstadt zum Standort für einen gigantischen Bade- und Freizeitpark erkoren. Mehr als 75 Millionen Mark will Aqua-Planet-Projects in das „Waikiki-Erlebnisbad“ stecken. Doch noch bevor Begeisterung ausbrechen kann, kündigen sich ernsthafte Probleme an: Die Frage nach der Verkehrserschließung etwa. Nach Prognosen der Schweizer sollen jährlich bis zu 1,2 Millionen Gäste das Erlebnisbad besuchen. Rellinger Straße und Burmeisterallee wären diesem Ansturm nicht gewachsen. Und nicht nur das. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Schweizer. Der Vorwurf: Subventionsbetrug bei einem anderen Freizeitbad-Neubau. Pinnebergs Bürgermeister Horst-Werner Nitt sieht keinen Grund zur Beunruhigung: „Eine Vorprüfung hat keinen Anlass gegeben, an der Seriosität der Investoren zu zweifeln.“

Heftiger Widerstand wächst gegen die Planung der A 20 nebst Elbquerung. Bürgerinitiativen formieren sich. Ein Arbeitskreis namens „contra Autobahnkreuz“ entsteht in Klein Offenseth-Sparrieshoop, wo die neue Autobahn auf die A 23 treffen soll. Eine Teilung des Ortes wäre die Folge, das wollen sich die Bürger nicht gefallen lassen. Pinneberg bekommt ein Finanzamt. Anfang Mai beschließt der Ausschuss des Landes, auf dem Rathausareal der Kreisstadt einen Finanzamts-Neubau errichten zu lassen.

Gewalt unter Jugendlichen, besonders auf dem Schulhof, ist schon 1999 ein Alltagsproblem. Verbale Provokationen, Bedrohungen und Prügeleien sind an der Tagesordnung. Auch im Rellinger Schulzentrum Egenbüttel. Dort gibt es eine Gruppe von Skinheads, die der rechten Szene zugeordnet werden. Rassistische Sprüche wie „Euch hätte man auch vergasen sollen“ oder „Niggerschlampe“ machen auf dem Schulhof die Runde.

Den Sportvereinen droht bundesweit die Vergreisung – nur nicht in Pinneberg. Fast jeder dritte Bürger des Kreises ist im Sportverein. Und: Der Anteil der Jugendlichen war noch nie so hoch. 32.613 Kinder verzeichnet der Kreissportverband Pinneberg – der höchste Mitgliederstand seit 1946.

„Prost“ lautet das Motto im Juni. Ein Punker siegt im Rechtsstreit gegen die Stadt Elmshorn, die mit einer Trinkersatzung versuchte, den öffentlichen Genuss von Alkohol in der City zu verbieten. Das Verwaltungsgericht entscheidet: Die Satzung sei nichtig, da sie geltendem Recht widerspreche. Auf den Sieg gibt es erst mal: eine Dose Bier.

Die Debatte um die Bebauung des Pinneberger Marktplatzes findet vorerst ein Ende. Beim ersten Bürgerentscheid in der Geschichte der Stadt erteilen 70,8 Prozent der Bürger und Bürgerinnen den Plänen des Buxtehuder Unternehmens eine Absage. Für Günter Kleinschmidt, Vorsitzender der Gemeinschaft für Handel ist dieses Votum „ein Stück lebendiger Demokratie“ in Pinneberg.

Giftalarm in Barmstedt – dort finden sich im Grundwasser zum wiederholten Mal Reste des Pflanzenschutzmittels Di-Trapex. Das Trinkwasser könne jedoch „ohne Einschränkung für den menschlichen Genuss“ verwendet werden. „Altlasten der Vergangenheit“ sind laut Bürgermeister Nils Hammermann die Pflanzengifte. Ab ins Herz der Innenstadt: Im Juli zieht diese Zeitung in die ehemaligen Räume der Karstadt-Filiale in der Lindenstraße 30.

Lehrstellenmangel? Von wegen. Im Kreis sind bei den Handwerksbetrieben noch weit mehr als 100 Ausbildungsplätze unbesetzt. Das gilt für alle Berufszweige des Handwerks. Worin Unternehmen den Grund für fehlende Nachwuchshandwerker sehen: Schulabgänger erkennen nicht, wie viele Chancen ihnen eine handwerkliche Ausbildung biete.

Die Cyclassics ziehen im August Zehntausende in Wedel und Holm auf die Straßen. Die Rolandstadt ist durch den Einsatz der Kaufleute zur festen Größe beim Radrennspektakel geworden. Ziemlich viele Menschen zieht auch die Hochseeinsel Helgoland an. Im Jahr 1999 verzeichnen die Helgoländer rund zehn Prozent mehr Gäste als im Vorjahr. Die Stadt Elmshorn boomt ebenfalls. Ob Stadthalle „Farmer’s Market“ oder „Cineplex“ – das Gewerbegebiet „Grauer Esel“ wächst und wächst. Weniger erfreulich: Der Kreis gehört zu den sozialen Verlierern im Land. Dieses Ergebnis geht aus dem Landesarmutsbericht hervor. Nur in Nordfriesland und Dithmarschen steigt die Sozialhilfebedürftigkeit ähnlich stark an.

Erstaunlich: Als Goethe nach Uetersen schrieb. Anlässlich Goethes 250. Geburtstags gibt Heimat-Historikerin Elsa Plath die Briefe an seine damalige, im Uetersener Kloster wohnende Freundin Augusta Stolberg neu heraus. Aus ist dagegen im September der Traum vom Tropenparadies in Pinneberg. Bürgermeister Horst-Werner Nitt, lange Befürworter des Projekts, gibt bekannt: Das „Waikiki“-Projekt wird nicht weiterverfolgt. Weiter geht die Amtszeit für Schenefelds Bürgermeister Günter von Appen, der mit 87,2 Prozent der Stimmen klar gewinnt.

Eine Debatte um den Namen der Wittekstraße in Thesdorf startet, nachdem eine Anwohnerin herausfindet, dass der Namensgeber, Erhard Wittek, ein fanatischer Hitler-Anhänger war. Die Mehrheit der Anlieger will den Namen behalten. Bestehen bleibt auch die Quickborner Rettungswache. Trotz eines gegenteiligen Gutachtens gelingt es, so viele Argumente zu sammeln, dass Kreis und Krankenkassen die Station aufrechterhalten.

Im November verharrt ein Wedeler stur in seiner Wohnung – die Räumungsklage kümmert Friedrich W. nicht. Jegliche Verhandlungen mit dem 64 Jahre alten Mann, der mehr als 10.000 Mark Mietschulden hat, scheitern. Also muss das SEK anrücken, die Wohnung stürmen und Friedrich W. überwältigen. In Uetersen tritt Bürgermeister Karl Gustav Tewes eine weitere Amtsperiode als Bürgermeister an - Konkurrenten hatte er bei seiner Wahl keine.

Die Frage, ob Pinnebergs Bürgermeister Horst-Werner Nitt unerlaubt eine Baugenehmigung in Waldenau erteilte, beschäftigt die Stadt im Dezember. Zwei „Blue Sheriffs“ patrouillieren täglich zudem durch die Fußgängerzone und sorgen, ausgerüstet mit Schlagstöcken, für Sicherheit. Und das ausgerechnet im Vorjahr der Feierlichkeiten zu 125 Jahren Stadtrechten für Pinneberg.

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