Ehrung

Bewahrerin des jüdischen Lebens in Elmshorn

| Lesedauer: 7 Minuten
Anne Dewitz
Alice Fuhlbrügge steht vor dem Schrein mit der Thora-Rolle. Der Erker, verziert mit Davidsternen, war schon beim Einzug vorhanden.

Alice Fuhlbrügge steht vor dem Schrein mit der Thora-Rolle. Der Erker, verziert mit Davidsternen, war schon beim Einzug vorhanden.

Foto: Anne Dewitz

Walter-Damm-preis für Alice Fuhlbrügge, Vorsitzende und Gründerin der Jüdischen Gemeinde. Wofür sie geehrt wird.

Elmshorn. Ein wenig holprig war der Beginn der Jüdischen Gemeinde in Elmshorn. Alice Fuhlbrügge erinnert sich noch gut daran. Schließlich war sie es, die die Gemeinde 2003 ins Leben rief. „Wiedergründete“, sagt sie. Auf diese Unterscheidung legt sie Wert. Denn bis 1941 hatte es eine sehr aktive Jüdische Gemeinde in der Krückaustadt gegeben, bis die Nationalsozialisten sie auflösten.

„Anfänglich hatten wir weder Gebetsbücher noch Gebetsschals“, sagt die 82-Jährige. Alles musste mühsam zusammengetragen werden. Ihr Mann und sie entwarfen sogar Muster für die Gebetsschals, Tallit genannt. Denn die Vorlagen, die sie im Internet auf US-amerikanischen Seiten fand, waren sehr blumig und trafen nicht ihren Geschmack.

Walter-Damm-Preis für Fuhlbrügges Engagement

Ihrem ehrenamtlichen Engagement ist es zu verdanken, dass es in Elmshorn heute wieder jüdisches Leben gibt. Als Vorsitzende der Gemeinde hat sie sich auch entscheidend für die Wiederherstellung des jüdischen Friedhofes von 1685, dem zweitältesten in Schleswig-Holstein, eingesetzt. Ihr Einsatz gegen das Vergessen der Schoah, ihre soziale Verantwortung gegenüber jüdischen Mitbürgern, die aus anderen Ländern kamen, und ihrem Bemühungen um wechselseitiges Verstehen unterschiedlicher Glaubensrichtungen wird mit dem Walter-Damm-Preis der SPD gewürdigt.

„Wir sehen uns als Nachfolgerin der traditionellen Gemeinde, die auf das Jahr 1685 zurückging“, sagt die Klein Nordenderin. Damals stellte Graf Detlev von Rantzau dem jüdischen Händler Berend Levi einen Schutzbrief aus. Damit erlaubte er dem Juden, sich niederzulassen, seinen Glauben zu leben, ein Geschäft zu betreiben und einen Friedhof zu gründen.

Der Beginn der Jüdischen Gemeinde, die heute aschkenasisch ist. So wird die Strömung der Juden aus Osteuropa bezeichnet. Aufgrund einer Vereinbarung zwischen Bundeskanzler Helmut Kohl und dem Zentralratsvorsitzenden Heinz Galinski wurde die Einwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion ermöglicht. In der neuen Gemeinde sollten sie ein religiöses Zuhause finden.

Erste Gottesdienste in der katholischen St. Marienkirche

„Eigene Räume hatten wir anfänglich nicht“, sagt sie. Die katholische St. Marienkirche gewährte Gastfreundschaft. „Wir durften unsere Gottesdienste dort abhalten.“ 2005 bezog die Jüdische Gemeinde dann zwei kleine Räume in einem Hinterhof an der Holstenstraße. „Eine sehr steile Stiege führte zu den Gemeinderäumen“, sagt Fuhlbrügge. Von den Mitgliedern wurde sie gern Jakobsleiter genannt. Daraus leitete sich der hebräischer Name der Gemeinde ab.

2006 bekam die Gemeinde ihre eigene Thorarolle. Die handgeschriebene Rolle aus Pergament, die mit koscheren Sehnen vernäht ist, enthält den unvokalisierten hebräischen Text der fünf Bücher Mose. „Eine Thorarolle für den Gottesdienstgebrauch muss per Hand von einem Sofer, einem speziell dafür ausgebildeten Schreiber, geschrieben werden“, erklärt sie. Um sie nicht zu beschädigen, wird mit einem Yad, einem Thorafinger – meist ein silberner Stab, an dessen vorderem Ende sich eine kleine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger befindet – Zeile für Zeile gelesen.

Inzwischen ist die Jüdische Gemeinde in einem repräsentativeren Haus aus dem Jahr 1890 am Flamweg untergekommen – die alte jüdische Gegend, der „Grindel“ Elmshorns. Hier lebten bis 1941 immer wieder jüdische Menschen. Davon zeugt auch der Erker im Gebetsraum, der mit geschnitzten Davidsternen verziert ist. „Er war schon bei unserem Einzug hier“, sagt Fuhlbrügge, die als Zehnjährige mit ihren Eltern aus Litauen, „jenseits der Memel“, nach Deutschland kam. Die alte Synagoge lag nur 150 Meter weiter an derselben Straße.

Stadt unterstützt Gemeinde bei der Miete

Die Thora wird im Schrein aufbewahrt, den eine Gemeinde aus Wien gespendet hat. Der Parochet, also der Vorhang vor dem Thoraschrein, ist aus dem Stoff, den die Zweite Vorsitzende Bella Sapozhnikowa aus ihrer Heimat, der Krim, mitgebracht hat, in der Absicht, sich daraus ein schönes Abendkleid zu nähen. Fuhlbrügges Nachbarin nähte mit einem Samtband einen Davidstern auf den Stoff. Über dem Schrein brennt das ewige Licht als Symbol zur Erinnerung an die ständige Gegenwart Gottes. In dem Schrank steht eine zweite Thorarolle, eine Leihgabe. „Unsere Thora ist beschädigt und muss von einem Sofer repariert werden“, erklärt Fuhlbrügge. Um die Reparatur bezahlen zu können, ist die Gemeinde auf Spenden angewiesen.

Die Stadt Elmshorn fördert das Gemeindeleben mit einem monatlichen Zuschuss zur Miete. „Wir fühlen uns hier erwünscht, haben inzwischen regelmäßige Gottesdienste, feiern unsere Feste, unterhalten einen Friedhof und unterstützen unsere Mitglieder“, sagt sie. „Wir sind eine offene Gemeinde, die Gäste willkommen heißt, wenn auch in der Corona-Krise etwas eingeschränkt.“ So steht Fuhlbrügge im Austausch mit christlichen und muslimischen Gemeinden, hat regelmäßig Schüler zu Besuch, denen sie ihre Religion erläutert, und arbeitet mit der Elmshornerin Annkatrin Holbach zusammen, die auf Stadtführungen auch den jüdischen Spuren folgt.

Preisverleihung am 19. September in Appen

Offiziell hat die Gemeinde 45 Mitglieder. „Plus 30 Vaterjuden“, sagt Fuhlbrügge. Laut Religionsgesetz, der Halacha, ist jüdisch, wer Kind einer jüdischen Mutter ist. Der Zentralrat der Juden in Deutschland folgt dieser Ansicht orthodoxer Rabbiner. Aus dem Osten kommen aber viele Menschen, deren Väter Juden waren und die sich genauso als Juden begreifen. Fuhlbrügge hofft, dass dieser Zwiespalt bald aufgehoben wird und auch Vaterjuden offiziell anerkannt werden, wie es in den USA der Fall ist.

Dort erkennt das Reformjudentum seit 1983 Kinder jüdischer Väter als jüdisch an, wenn sie sich mit dem Judentum identifizieren. Alice Fuhlbrügge spricht sich dafür aus, religiöse Vorschriften so anzupassen, dass sie gelebt werden können. „Ich lebe so gut ich kann koscher“, sagt sie. Ihr Mann, ein Nicht-Jude, und sie haben zum Beispiel getrennte Kühlschränke. Doch sei sie am Schabbat, dem Ruhetag, auf das Auto angewiesen. Mit ihrem Mann hat sie Vereinbarungen getroffen, die auch seinem Wunsch nach einem Weihnachtsfest nachkommen.

Die Walter-Damm-Preisverleihung ist am Sonntag, 19. September, 11 Uhr, im Appener Bürgerhaus, Hauptstraße 79. Die Laudatio wird Ralf Stegner halten. Der Walter-Damm-Preis, den die Kreis-SPD ins Leben gerufen hat, wird zum 25. Mal vergeben. Die Auszeichnung ist mit 1500 Euro dotiert und würdigt Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, täglich Zeichen setzen von Menschlichkeit und Nächstenliebe.

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