Pinneberg

Enno Kalisch – Der Mann, der den Norden fühlt

| Lesedauer: 5 Minuten
Katja Engler
Schauspieler, Synchronsprecher, Geschichtenerzähler: Enno Kalisch ist auf vielen Gebieten begabt.

Schauspieler, Synchronsprecher, Geschichtenerzähler: Enno Kalisch ist auf vielen Gebieten begabt.

Foto: Urban Ruths

Schauspieler erzählt am Dienstag in Pinneberg von seiner Heimat – und wie ihn das platte Land geprägt hat.

Pinneberg. Als Enno Kalisch ein kleiner Junge war, legte sich sein Vater jeden Tag zur Mittagszeit auf den Teppich im Wohnzimmer und erzählte ihm, der auf seinem Bauch sitzen durfte, ein Märchen. „Selbst wenn es dasselbe Märchen war, war es jedes Mal anders“, erinnert sich der Schauspieler und stellt fest, was der Vater standhaft bestritt: „Er war ein Geschichtenerzähler.“

Kalisch tritt am Dienstag in Pinneberg auf

Das ist er als Vater einer elfjährigen Tochter nun selber geworden. Einer, der sich mit Wonne seiner nordfriesischen Wurzeln erinnert, der rauen Landschaft und des störrischen Menschenschlages oben im Norden. Viele Male im Jahr kommt er dorthin. Aus dem Rheinland, wo er wohnt. Am morgigen Dienstag tritt der 48-Jährige in der Pinneberger Volkshochschule auf, um wieder mal vom dänischen Grenzland zu erzählen.

Er sieht schon so aus, dass nur noch der blaue Seemannspullover fehlt. Ein Bilderbuch-Friese, groß wie ein Hüne, das markante Gesicht unterm roten Schopf voller Sommersprossen. Rodenäs heißt das Dorf, aus dem Enno Kalisch stammt. In den vergangenen 400 Jahren war der Fleck mal Meeresboden, mal Hallig, dann Winterhallig, Halbinsel, Insel, und seit dem 16. Jahrhundert ist Rodenäs Festland. 300 Meter sind es zur dänischen Grenze, als Knirps hat Kalisch den dänischen Kindergarten besucht.

Mit dem Klabautermann hatte er weniger zu tun, als mit dem Nisse und den Weihnachtswichteln, aber was die Leute sich auf dem Dorf, von wo er stammt, erzählen, dem hört er bis heute gerne zu. Die Nordfriesen könnten ungemütlich werden, denn „sie bleiben wie sie sind. Stur, stetig und Gegenwind gewohnt“, sagt er.

Unterwegs mit dem „Geschichtenmobil“

Zwölf Jahre hat Enno Kalisch vom Improvisationstheater gelebt, als ausgebildeter Musiktherapeut macht er Programme für Kinder, in denen er aus einem einzigen Wort spontan eine Geschichte entwickelt, wofür er ein Stipendium des Landes Nordrhein-Westfalen bekam. Er spielt Gitarre, er singt, aber am liebsten erzählt er. Um das in Corona-Zeiten überhaupt noch öffentlich zu können, hatte er die Idee, sich mit einem „Geschichtenmobil“ auf den Weg zu machen. Ein Wohnmobil mit ausfahrbarer Markise, mit dem er trotz Lockdowns auf den Schulhöfen halten und mit den Kindern Geschichten improvisieren konnte. Für diese charmante Idee bekam er Fördergelder.

Er ist viel herumgekommen in seinem Schauspielerleben. Spielt im Tatort, in Serien, in Fernsehfilmen, aber seit er sich zurück zu den eigenen Wurzeln begeben und die Geschichten, die in ihm schlummern, zum Programm gemacht hat, bekommt er interessantere Rollen, sagt er. „Man hat heute so viele Freiheiten. Aber die eigene Spur zu verfolgen aus der Sehnsucht nach der eigenen Identität, das passt besser als alles andere vorher“, sagt Enno Kalisch.

Kalisch sieht sich als Stadt- und als Landmensch

Tritt er auf, hat er gelegentlich einen alten Kasten dabei. Der hat mal dem letzten Fischer vom Ruttebüller See gehört. Kalisch nimmt eines der Netze heraus und beginnt in aller Seelenruhe, es zu flicken und dabei seine Geschichten zum Besten zu geben. Er habe viel Lebenserfahrung gesammelt, Herausforderungen bestanden. „Aber durch meine Geschichten bin ich ständig verbunden. Ich fühle den Norden. Und wenn man weit entfernt von dort ist, ist man manchmal sogar stärker verbunden, als wenn man dort wäre.“

Zuhause hat er Hochdeutsch gesprochen, aber das Plattdeutsche, das hat er irgendwie mit drin. So gut, dass er sogar mit Ohnsorg-Schauspielern ein Krimi-Hörspiel aufnehmen konnte. Dänisch spricht er auch. „Meine Unruhe ist die Unruhe vor dem Sturm in dieser geduckten Landschaft, in der die Berge aus Wolken sind und das Meer aus Gras. Das fruchtbarste Land unter Wasser liegt, und die Arche Noah an einem kleinen, windgeschorenen Baum lehnt...“. So beginnt einer seiner Grenzland-Texte.

Er könne jetzt weg vom Tun, hin zum Sein, sagt er philosophisch. Dorfmenschen seien anders, meint Kalisch, der sich sowohl als Stadt- als auch als Landmensch sieht. Er möchte „von der großen Solidarität und Freiheit auf dem Dorf berichten.“ Rodenäs, wo er herkommt, das ist Grenzland, wo „Moin“ auf der deutschen Seite „Guten Morgen“ heißt und auf der dänischen „Auf Wiedersehen.“ Dieses Rodenäs, wo er so oft den alten Leuten zuhört, „ist sehr von den Urgewalten der Natur geprägt, von Traditionen, Brüchen und alten Geschichten.“

Lesung „Geschichten aus dem Grenzland“ Di, 7. September, 19.30 Uhr VHS Pinneberg, Am Rathaus 3, Pinneberg. Teilnahme nach den 3-G-Regeln, Kosten: fünf Euro. Anmeldung unter Telefon: 04101/211247.

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