Helgoland

Ein Fischersohn mit Börteboot auf hoher See

| Lesedauer: 9 Minuten
Aus der Perspektive eines Schwimmers: in der Mitte die „Pinguin“, links und rechts die Begleitkajaks.

Aus der Perspektive eines Schwimmers: in der Mitte die „Pinguin“, links und rechts die Begleitkajaks.

Foto: Dennis Daletzki / Helgoland Tourismus-Service

Dennis Allers hat Extremschwimmer André Wiersig von St. Peter-Ording nach Helgoland begleitet. Wie die Überfahrt lief.

Helgoland.  Als er ein kleiner Junge ist, fährt Dennis Allers mit seinem Vater hinaus aufs Meer. Es ist 1986 auf Helgoland, Detlev Haas hat gerade die „Pinguin“ gekauft, 10,6 Meter lang, 125 PS stark, Sechszylinder-Diesel, 19 Jahre zuvor auf der Bootswerft Hatecke in Freiburg an der Elbe vom Stapel gelaufen. Ein Börteboot. Sobald der Junior alt genug ist, geht er mit an Bord. Sie fischen. Sie bringen Touristen von den Ausflugsschiffen auf die Insel und wieder zurück. Es ist eine typische Kindheit und Jugend auf Helgoland.

Ein Leben im Zeichen des Meeres

Mit 16 verlässt Dennis Allers die Insel, auf der er aufgewachsen ist. „Mit der Ausbildung ist es ja nicht so leicht auf Helgoland“, sagt er. Er lernt Schlosser, arbeitet auf einer Werft, ist heute Kranführer in Cuxhaven. Auch der Vater hat die Insel verlassen. „Es wurde in der Fischerei immer schwerer und in der Dampferbörte auch. Die hangeln sich von Saison zu Saison“, sagt der 41-jährige Sohn, der heute in Bad Bederkesa lebt.

Die „Pinguin“ gibt es immer noch, sie gehört heute ihm und seinem Bruder Kristian Haas (25), der auch aufs Festland übergesiedelt ist, um Fluggerätemechaniker bei Airbus zu werden. Das Boot liegt in Cuxhaven, Heimathafen aber ist unverändert Helgoland. Und so oft es geht, fährt Dennis Allers damit auf die Insel. Vier bis viereinhalb Stunden dauert die Überfahrt mit acht Knoten Geschwindigkeit. „So ein Börteboot ist unheimlich seetauglich“, sagt der Eigner.

Und dann kommt die Überfahrt, die er niemals vergessen wird. Am Sonnabend vor zwei Wochen begleitet Allers den Extremschwimmer André Wiersig (49), der 48,53 Kilometer von St. Peter-Ording bis Helgoland schwimmt – in 18 Stunden und 14 Minuten (wir berichteten). So lange im Wasser durchzuhalten, das ist eine Meisterleistung. So lange am Steuer eines Börteboots zu stehen auch. Nun hat Dennis Allers die Geschichte von der Überfahrt aufgeschrieben. Hier ist sie im Wortlaut.

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Die Geschichte der Überfahrt

Der Kontakt zu André ist über Wolfgang Schmidt zustande gekommen. Er ist früher einmal bei Eils gefahren, war später Kapitän auf großer Fahrt und wurde dann Elblotse. Zunächst fragte er Ende Juni meinen Vater Detlev Haas, ob „wir einen Schwimmer nach Helgoland begleiten können“. Mein Vater gab die Anfrage an meinen Bruder Kristian Haas und mich weiter, da Papa uns das Boot bereits vor einiger Zeit weitergegeben hatte.

Nach kurzer Bedenkzeit habe ich dann Kontakt mit André aufgenommen, und wir vereinbarten ein erstes Treffen auf Helgoland. Bei diesem Gespräch ist es André gelungen, mir meine anfängliche Skepsis zu nehmen.

Mit dem Lotsen Wolfgang Schmidt an meiner Seite ging es dann in die ersten Planungen. Durch André war bereits das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) im Boot. In Ergänzung zu unseren eigenen Berechnungen stellte es alle zwölf Stunden exakte Modellrechnungen hinsichtlich Wetter- und Strömungsdaten sowie die geschätzte Geschwindigkeit des Schwimmers zur Verfügung.

Abfahrt in Cuxhaven am frühen Morgen

Für Wolfgang und mich hieß es im nächsten Schritt, die notwendigen Genehmigungen zu beantragen und einzuholen. Eine Woche vor dem großen Ereignis gab es dann ein Treffen des gesamten Teams in Kiel. Dort wurde auch festgelegt, dass auch zwei Kajaks die Fahrt begleiten, die André während kurzer Pausen alle 30 Minuten mit Flüssigkeit und Proteinen versorgen. Wir sprachen die notwendige Ausrüstung und Notfallpläne durch. Zudem wurden auf meinen Einwand hin auch die Betrachtung der angrenzenden Seegebiete miteinbezogen.

Die Wetterprognosen (Ost-Süd-Ost-Winde der Stärke 2) und das Gezeitenstrommodell des BSH sprachen sich empfehlend für einen Start am Freitag, 20. August, zwischen 23.30 und 23.45 Uhr aus. Zudem wurde für André Wiersig eine Schwimmzeit von etwa 14,5 bis 15 Stunden für die etwa 48,5 Kilometer lange Distanz von St. Peter-Ording bis Helgoland-Düne errechnet – wenn alles glatt geht!

Am Freitag ging es dann für mich los: 5 Uhr Abfahrt von Cuxhaven nach Büsum. Alles dunkel und allein raus, aber es lief gut bis zum Lüchter Loch. Niedrigwasser und der Wind ganz blöde. Aber egal, einfach durch. Als die Sonne endlich langsam hochkam, wurde der Schrecken sichtbar! Links und rechts Wellen, und im Fahrwasser eine Welle, die mich richtig durchgewaschen hat.

Ich war froh, als ich nach den Watten (ins seichtere Wasser, Anm. d. Red.) abbiegen konnte und pünktlich um 9 Uhr in Büsum eingelaufen bin. Bis zur Abfahrt um 20 Uhr von Büsum nach St. Peter-Ording waren noch elf Stunden Zeit. Zunächst ging es an die „Rickmer Bock“ (ehemaliger DGzRS-Kreuzer), auf der ich – dank der Unterstützung des Museumsvereins Büsum – ein paar Stunden schlafen durfte. Gegen Mittag forderte die „Pinguin“ meine gesamte Aufmerksamkeit. „Tannenbaum“, ein Signal für behinderte Fahrzeuge mit Vorfahrt, aufstellen, Maschine durchsehen, das ganze Boot sorgfältig kontrollieren. Schließlich hatte ich 20 Stunden auf See im Kopf; eine Lenzpumpe hatte schon in Büsum aufgegeben, aber egal, Reserve war ja vorhanden.

Begegnung mit renitenten Fischern

Pünktlich um 20 Uhr ging es – nach erfolgter Sicherheitseinweisung – raus aus Büsum und rechts ab Richtung Norden. Mit an Bord Thorger Brüning vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie, der Lotse Wolfgang Schmidt und Dennis Daletzki mit seiner Kamera. Die Sonne war untergegangen, und es kam der Moment, als wir in der Dunkelheit gefangen waren. Navigation nur noch nach Karte und jede Menge Lichter. Aber welche sind jene bis nach St. Peter hoch? Übrigens, die alten Helgoländer Fischer haben immer gesagt: „Nie in die Dunkelheit hinein!“

Also gegen alle Regeln verstoßen! Nach dreieinhalb Stunden dann Auseinandersetzungen mit den Fischern! Der Anlauf auf SPO war erst ruhig, bis wir wieder in die Watten gekommen sind. Geplanter Einstieg und Wirklichkeit haben nicht zusammengepasst. Aber viel schlimmer waren die Fischer. Nach gut zehn Minuten hatten wir genug davon und sind durch drei Fänger, die auf uns zuhalten wollten, zwischen durch. Auch jeglicher Anruf auf Kanal 16 wurde nicht beantwortet. Also: „Hebel auf den Tisch“ und Vollgas. Dann entdeckten wir am Strand auch André und seinen Schwager Jürgen Peters. Als kurze Zeit später einer der Fänger wieder Kurs auf uns nahm, entschieden wir, rot-weiß-rot („behindertes Fahrzeug mit Vorrang“) zu setzen … und es hat geholfen.

Kurz vor Mitternacht ging es planmäßig raus auf die Nordsee, den Leuchtturm von Helgoland immer in Sicht. Die ersten vier Stunden verliefen ohne Probleme und André kam sehr gut voran. Und dann kam das Meeresleuchten; das Meer fing mit jeder Welle an, blau zu leuchten, bei jedem Paddelschlag des Kajaks, bei jedem Armzug von André. Die Welle vom „Pinguin“ – blaues Leuchten … einfach der Wahnsinn.

Unerträglich langsam in Richtung Helgoland

Nach etwa der Hälfte der Strecke wechselte die Tide von Ebbe auf Flut und André wurde merklich langsamer. In den nächsten drei Stunden sollten wir nur jeweils circa 500 bis 600 Meter pro Stunde zurücklegen. Trotz allem signalisierte uns André: „Daumen hoch!“ Nachdem wir doch einige Zeit festhingen und aufgrund der herrschenden Strömungsverhältnisse permanent abdrifteten, trafen wir gemeinsam die Entscheidung, mit André in den Drift zu gehen. Also, die Nase und den Schwimmer mit der Nase Richtung Cuxhaven, auf der Stelle schwimmen, und der Strom macht den Rest. Es hat tatsächlich geklappt! Unerträglich langsam ging es Richtung Düne, bis wir endlich im Stromschatten waren – dann war direkter Kurs „Schweinebucht“ angesagt.

Gegen 18.15 Uhr richtete sich André aus dem Wasser auf und ging den Strand hoch, wo ihn bereits sein Festlands-Team und zahlreiche Urlauber und Insulaner erwarteten und feierten.

Die Unternehmung, an deren Umsetzbarkeit anfangs wohl nur André Wiersig geglaubt hatte, war tatsächlich erfolgreich – ein Erfolg, der ohne die Zusammenarbeit im Team nie zustande gekommen wäre!

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