Kreis Pinneberg

Ein Meister des Abstrakten stellt in Ellerbek aus

| Lesedauer: 4 Minuten
Katja Engler
Der Bildhauer Dieter Koswig zeigt seine Plastiken im Ellerbeker Atelier von Jo Köser.

Der Bildhauer Dieter Koswig zeigt seine Plastiken im Ellerbeker Atelier von Jo Köser.

Foto: Katja Engler

Bildhauer Dieter Koswig zeigt bei seinem Ellerbeker Kollegen Jo Köser seine Skulpturen. Was den Künstler inspiriert.

Ellerbek.  Die Künstler des legendären Bauhauses prägten nicht nur den Leitspruch modernen Designs „Form Follows Function“, sondern reduzierten die ausufernde Dekorationsflut des 19. Jahrhunderts auf das absolut Wesentliche: Kreis, Rechteck oder Dreieck. Dabei blieb es über Jahrzehnte und im Osten über die deutsche Teilung hinaus, doch Dieter Koswig (73) hatte als junger Student noch das Glück, an der renommierten Kunsthochschule auf Burg Giebichenstein Anfang der 70er-Jahre die Bauhaus-Grundsätze mitzubekommen und sein Handwerk als Metallbildhauer von der Pike auf zu lernen.

Abstrakte Skulpturen in Ellerbek zu sehen

Dann setzten die neuen DDR-Ideologen der bisherigen Ausrichtung ein Ende, und Koswig floh 1974 im Alter von 26 Jahren bei Nacht und Nebel in den Westen. Auf Einladung seines Freundes Jo Köser stellt der angesehene Bildhauer jetzt in dessen schönem Ellerbeker Atelier aus. Eröffnung ist diesen Sonnabend um 15 Uhr in Anwesenheit des Künstlers.

Bei Jo Köser im ausgebauten Dachgeschoss greifen sie noch immer ineinander, die Grundformen: Kreise, Quadrate, Rechtecke. Langweilig oder einförmig ist das nie, denn was Dieter Koswig erschafft, scheint auf geheimnisvolle Weise zu leben, sich ein klitzekleines bisschen zu regen. Die meisten seiner Skulpturen sind aus Holz gearbeitet, einem Werkstoff, für den er sich anfangs nur als Notlösung interessiert hatte. „Holz diente mir oft, um zu prüfen, ob eine Idee umsetzbar ist“, sagt er. Auch mit Stein arbeitete er gern und natürlich mit teurem Stahl. „Aber Holz hat mich immer begleitet.“

Auf der Burg Giebichenstein habe er sich sehr wohl für das Figürliche interessiert, auf das er jetzt, als gereifter Künstler, noch einmal zurückgegriffen hat in Gestalt zarter, sehr individueller Frauengesichter, die aus einer ansonsten rohen oder stark vereinfachend gestalteten Oberfläche herauslugen. Das hat ihm Spaß gemacht, so etwas auf seine alten Tage zu wagen und damit die Jünger der Abstraktion gründlich zu irritieren. Das war ihm wurscht.

Konflikt zwischen Kunst und Handwerk

„Als ich am Hamburger Lerchenfeld bei Ulrich Rückriem anfing, war nichts mehr mit Figur“, erinnert er sich. Nach zwölf Jahren Blut-und-Boden-Kunst der Nazis bestand die westliche Leitkultur aus abstrakter Kunst. Wer sich der nicht anschloss, hatte sich unmöglich gemacht, im Westen hatte die Ideologie ein anderes Gesicht bekommen. Aber das wurde ihm erst nach und nach klar, am Anfang fühlte er nur große Befreiung.

Koswig merkte, dass er handwerklich auf eine solide Basis zählen konnte, „bis heute sehe ich, ob jemand ein Handwerk beherrscht. Das war damals verpönt.“ Mit Meister Rückriem sei das Handwerklich ein Stück weit zurückgekommen, die Studenten unternahmen Exkursionen zum Steinbruch. Und das Handwerkliche ist zu sehen bei Dieter Koswig. Wenn er das Stück eines Baumes mit Stechbeitel und Hohleisen bearbeitet wie die Herrgottschnitzer in Bayern, dann wird die Maserung des Stammes zum Gestaltungselement, und die Unregelmäßigkeiten, die die menschliche Hand hervorbringt, sind Teil seines Konzeptes.

Koswig legt Wert auf Vieldeutigkeit

Bei allem Ausprobieren stellt Koswig noch heute fest: „Die Grundformen sind nicht wegzudenken. Auf die greife ich immer wieder zurück.“ Aus ihnen schafft der Bildhauer Ordnungssysteme, die er zugleich, schief aufeinandergestapelt, ins Wanken bringt. Es sind Gebilde, die mal vom Einsturz bedroht scheinen, mal ein amorphes Teil in ihrer Mitte in die Zange nehmen oder als eingekastelter Mühlstein einer Führung unterworfen sind, die unentrinnbar scheint.

„Mir ist Vieldeutigkeit wichtig. Ich möchte, dass beim Anblick meiner Arbeiten Assoziationen entstehen“, sagt Dieter Koswig. Genau gesagt sei seine Kunst gar nicht abstrakt, sondern es seien zum Beispiel gestapelte Kisten.

Draußen auf der herrlich großen Wiese hat Koswig einige seiner Metallarbeiten installiert. Eine ganz aktuelle heißt „Kunstbausatz. Kann jeder“. Da ist der winzig kleine Wink zu seinem zweiten berühmten Lehrer zu spüren. Jenes Schamanen mit Filzhut, der gesagt hat: „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Das war Josef Beuys. Und dass das nur teilweise stimmt, ist gerade an der Kunst des Dieter Koswig zweifelsfrei abzulesen. Denn was er macht, das kann eben nicht jeder. Das ist große Kunst.

Koswig. Stein. Holz. Stahl. Ausstellung, Sa 4.9.– Sa 9.10., Dorfstraße 1 a, Ellerbek. Geöffnet Di–Do 15–18 Uhr, am Wochenende 14–18 Uhr.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg