Elmshorn/Itzehoe

Richterin beleidigt – jetzt drohen vier Tage Haft

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Arne Kolarczyk
Der Gebäudekomplex des Landgerichts (Symbolbild).

Der Gebäudekomplex des Landgerichts (Symbolbild).

Foto: Bodo Marks / dpa

Prozess um Messerattacke in Elmshorn. Wie der Angeklagte den Gang hinter Gitter noch vermeiden kann.

Elmshorn/Itzehoe.  Angeklagte, die sich gegenseitig beschuldigen – und Zeugen, die nicht die Wahrheit sagen: Das Verfahren vor dem Landgericht in Itzehoe um eine Messerattacke in der Elmshorner Fußgängerzone verlangt den Prozessbeteiligten seit Ende Mai einiges ab. Seit Freitag ist es um eine weitere Episode reicher: Einer der Angeklagten soll eine beisitzende Richterin, die einen Migrationshintergrund hat, auf Arabisch übelst beleidigt haben.

Plädoyers müssen aufgeschoben werden

Um das Geschehen aufzuklären, nahm sich der Vorsitzende Richter Johann Lohmann viel Zeit. Zeit, die letztlich am Ende fehlte. Ursprünglich sollte der mittlerweile zwölfte Prozesstag ganz im Zeichen der Plädoyers von Staatsanwaltschaft, Nebenklage und den drei Verteidigern stehen. Doch dazu kam es nicht, das Ende in diesem denkwürdigen Prozess lässt weiter auf sich warten.

Bhaa B. (21), der für die Beleidigung verantwortlich sein soll, hat in dem Verfahren bereits viele Probleme gemacht. Am ersten Prozesstag erschien er nicht, musste von der Polizei gesucht und zwangsweise vorgeführt werden. An mehreren weiteren Prozesstagen kam er zu spät oder konnte keinen negativen Corona-Test vorlegen, sodass er sich zunächst einer Testung unterziehen musste und der Prozessbeginn sich an diesen Tagen stark verspätete.

Angeklagter gibt Beleidigung der Richterin zu

Nun soll er an einem Prozesstag Mitte August in einer Prozesspause einem der Mitangeklagten gegenüber eine sehr despektierliche Bemerkung gemacht haben, die sich auf eine Berufsrichterin bezog. Die Schwurgerichtskammer ist mit drei hauptamtlichen Richtern, darunter eine Frau, und zwei Schöffen besetzt, jeweils eine Frau und ein Mann.

Die Bemerkung auf Arabisch bekam ein Zeuge mit, der sich bereits im Saal befand und ebenfalls der Sprache mächtig ist. Er informierte am Ende des Tages eine Verteidigerin, die das Geschehen jetzt dem Gericht meldete. Lohmann unterbrach den Prozess für knapp zwei Stunden, um mit diesem Zeugen Rücksprache halten zu können und ließ diesen per E-Mail den fraglichen Satz übermitteln. Die arabischen Worte übersetzte dann der anwesende Dolmetscher.

Bhaa B. gab auf Befragung des Gerichts zu, dass der beleidigende Satz so gefallen ist. Allerdings soll dieser sich nicht gegen die Richterin, sondern gegen eine gemeinsame Bekannte der beiden Angeklagten gerichtet haben. Die Kammer glaubte das nicht und verhängte gegen den 21-Jährigen wegen ungebührlichen Verhaltens eine Ordnungsstrafe von 500 Euro, ersatzweise vier Tage im Gefängnis.

Welche Familie sagt die Wahrheit, welche lügt?

Inhaltlich sagten nochmals die Eltern von Nehad A. (22) aus. Er wird von dem Hauptangeklagten Ali E. (20) beschuldigt, am 9. September 2020 in der Fußgängerzone Eduard R. (21) mit drei Stichen in den Rücken lebensgefährlich verletzt zu haben. Die Familien der beiden Freunde trafen sich einen Tag nach der Tat, als Nehad A. bereits wieder frei und Ali E. in die Untersuchungshaft gebracht worden war. Bei dem Treffen soll Nehad A. laut der Familie von Ali E. die Tat gestanden haben, was die Eltern des 22-Jährigen jedoch bestreiten.

Welche Familie lügt, werden letztlich die Richter entscheiden müssen. Sie erteilten am Freitag Nehad A., der wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt ist, den rechtlichen Hinweis, dass auch eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags möglich wäre. Dies würde eine deutlich höhere Strafe zur Folge haben. Daraufhin beantragte Verteidiger Marcus Schroeder, das Verfahren auszusetzen und zu einem späteren Zeitpunkt neu zu beginnen, um mehr Zeit für die Verteidigung zu haben. Außerdem hält er den Zeitpunkt des rechtlichen Hinweises für nicht rechtskonform. Darüber entscheiden die Richter am 27. August.

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