50 Jahre in 50 Wochen

Eine Frau übernimmt erstmals das Zepter in Elmshorn

| Lesedauer: 12 Minuten
Frederik Büll
Eine Titelseite der Pinneberger Zeitung aus dem Jahr 1995.

Eine Titelseite der Pinneberger Zeitung aus dem Jahr 1995.

Foto: Frederik Büll

Diesmal geht es um 1995, als das ökologische Bewusstsein erwacht und immer mehr Städte Bürgermeisterinnen haben.

Kreis Segeberg. Wochenendstress nennen Psychologen das Phänomen, wenn die Familien zusammen sind und oftmals deshalb die Fetzen fliegen. Die Beratungsstellen im Kreis berichten im Januar 1995 im Abendblatt von einer Häufung der Anrufe an den Montagen. „Meistens sind es Ehegeschichten, die am Wochenende eskaliert sind oder Einzelpersonen, die in ein Loch fallen“, sagt Annemarie Kuss von der Familien- und Lebensberatung des Kirchenkreises Pinneberg. Größtenteils rufen Frauen an, die es belastet, dass ihre Männer am Wochenende nach einer anstrengenden Woche nicht reden wollen. Gut möglich, das sich dieses Phänomen bis heute gehalten hat.

Monika Figge sieht ihren Vater Jochen in Kölln-Reisiek manchmal sogar Jahre am Stück nicht: Der ehemalige Raspo Elmshorn-Fußball-Trainer ist seit 1980 im Auftrag des DFB aktiv und betreut Teams in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika. 1995 geht der 49 Jahre alte Trainer nach Trinidad Tobago, um das dortige Nationalteam zu coachen. „Wer glaubt, außerhalb Europas wird ja sowieso nur mit Kokosnüssen Fußball gespielt, hat sich getäuscht.“

Handys bei Privatpersonen immer beliebter

Von André K., der seinen Kutter im April 1994 vor Hetlingen abfackelte, fehlt jede Spur. Es verhärten sich die Indizien, dass es ein inszeniertes Unglück ist, um Versicherungsbetrug zu begehen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Familie. Anfang Februar sendet eine Familie aus Klein-Offenseth-Sparrieshoop einen Hilfe-Ruf. Die vier Jahre alte Charleen ist an Leukämie erkrankt und bekommt Chemo-Therapien, die Überlebenschance wird auf 40 Prozent geschätzt. Einen genetischen Zwilling für eine Knochenmarkstransplantation gibt es derzeit nicht. Die Bürger werden zur Typisierung aufgerufen. Es kommen 130.000 Mark zusammen, und 1714 Menschen.

Die Wedeler Firma Leittechnik Nord möchte Raser zur Raison bringen. Wer zu schnell in einen Ortsbereich hineinfährt, muss an einer speziellen, 30.000 Euro teuren Ampel ein paar Minuten warten. Etliche Kommunen haben ihr Interesse signalisiert, darunter Hetlingen, Bevern und Rellingen. Das Verkehrsministerium muss noch zustimmen, es gibt Bedenken, weil auch entgegenkommende Fahrer bestraft werden.

Unterdessen wird das Handy bei Privatpersonen immer beliebter, selbst in Appen und Barmstedt, „dem holsteinischen Tal der Ahnungslosen“, ist das Netz besser geworden. Die Technik, bei den moderneren Geräten, ist bisher auch abhörsicher, deshalb hat „ein guter Gauner immer ein modernes Handy dabei“, wie ein Kripobeamter berichtet.

Anhängig von Fernsehen, Glücksspiel, Alkohol

Es gibt Ende Februar neun Leukämie-Fälle in der Region Elmshorn, davon fünf in Klein Offenseth-Sparrieshoop. Spielen Atommeiler und Pflanzengiftstoffe eine Rolle? Drei Menschen sind bereits gestorben. Es werden wissenschaftliche Untersuchungen gefordert. Wenig später ermittelt auch die Staatsanwaltschaft, nachdem weitere Krebs-Fälle in Kölln-Reisiek bekannt werden.

Eine Einbruchsserie wird im März von der Pinneberger Kripo aufgeklärt. Nach vier Monaten Ermittlungsarbeit. Diebesgut in Höhe von einer halben Million Mark, vornehmlich EDV-Geräte, werden sichergestellt.

„Jeder von uns ist suchtgefährdet“, sagt Landrat Berend Harms. Hochrechnungen zufolge sind 11.000 Bewohner im Kreis abhängig. Die Skala reicht von Fernsehen, über Spielsucht bis Alkohol und „hin zu harten Drogen.“ Erstmals gibt es einen „Suchthilfe-Plan“, den eine Arbeitsgruppe erstellt hat. Vor allem wird bemängelt, dass die psychologische Unterstützung zu kurz käme.

Nur eine Straße in Pinneberg nach einer Frau benannt

Unter dem Verkehrsübungsgelände in Schenefeld an der Blankeneser Chaussee schlummert seit zehn Jahren ein „Gift-Cocktail“ aus krebserregenden Stoffen wie Dioxinen und Furanen. 1,1 Millionen Mark haben die Gutachten bisher gekostet, die Stoffe sickern unterdessen munter ins Grundwasser, weil niemand sich traut, sie zu entfernen. Voraussichtlich Anfang Mai sollen Vorschläge zur Beseitigung erörtert werden.

Ebenfalls dubios: Viele Unternehmer im Kreis Pinneberg werden per Brief aus Lagos (Nigeria) von Dr. Ejike Aronoke dazu aufgefordert, Blanko-Briefbögen zu schicken und Bankdaten preis zu geben. Kurzzeitig kämen 35 Millionen US-Dollar aufs Konto aus nicht verbuchbaren Ölgeschäften. Der Lohn für die Zwischenlagerung: Zehn Millionen Dollar. Laut Staatsanwaltschaft Lübeck sollen tatsächlich Geschäftsleute im Land auf diese Betrugsmasche reingefallen sein.

Der Clara-Bartram-Weg ist im April die einzige Straße mit einem Frauennamen in Pinneberg. Das ändert sich vorerst nicht. Die Vorschläge der Gleichstellungsbeauftragten, eine noch zu bauende Straße nahe der Datumer Chaussee in Maria-Montessori-Straße (italienische Pädagogin) oder Emilie Wüstenfeld (Sozialarbeiterin und Frauenrechtlerin) zu benennen, findet keine Mehrheit. Stattdessen wird Hohenbalk gewählt.

Kreis Pinneberg eine „Hochburg der rechten Szene“

Elmshorn feiert 125 Jahre Stadtrechte. Der „rapide Aufschwung“ als Wirtschaftsstandort hatte schon zuvor mit dem Anschluss an die Strecke Altona-Kiel 1844 begonnen. Etwa 47.000 Einwohner hat Elmshorn 1995. Die Parteien beklagen die Überalterungen ihrer Fraktionen. Das Abendblatt setzt auf den Schenkelklopfer: „Der Kreistag wird zum Greistag“. Mit einem Durchschnittsalter von 53,7 ist die CDU-Fraktion die älteste. Der Nachwuchs fehlt. Das Gesamtdurchschnittsalter beträgt 49 Jahre.

Im Mai wird die Helgoländer Windkraftanlage abgewrackt, die erst 1990 in Betrieb genommen wurde. Immer wieder gab es Störungen, zuletzt beschädigten Blitzeinschläge die Rotoren. Das Projekt hatte eine zweistellige Millionensumme gekostet, zur Hälfte waren öffentliche Gelder verwendet worden.

Der Kreis Pinneberg ist laut Verfassungsschutzbericht weiterhin eine „Hochburg der rechten Szene“ in Schleswig-Holstein. Neonazis unterschiedlicher Ausrichtungen verzichten allerdings auf den Zusammenschluss in Parteien, um Verbot und Überwachung zu entgehen. Stattdessen gibt es offene „Bewegungen und Aktionsbündnisse“. Die Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP), dessen Landes-Vorsitzender Halstenbeker ist, ist 1994 verboten worden.

Dramatisches Zugunglück nahe Elmshorn

Als „rollende Zeitbomben“ werden betagte Senioren am Steuer bezeichnet. Polizei und Verkehrsexperten sehen ein erhöhtes Gefahrenpotenzial. Pinnebergs Straßenverkehrsamtsleiter fordert einen regelmäßigen Sehtest. Mindestens.

Getestet wird auch die Belastung durch Smog im Kreis Pinneberg. Es sind mehr als 180.000 Autos, Lkw und Motorräder zugelassen. Gemessen wird die Luftqualität in der Messstation Altendeich in der Haseldorfer Marsch. Kritiker bemängeln, dies verzerre das Bild und fordern den Umzug aus dem „ländlichen“ Gebiet. Die Wälder befinden sich im Juni in einem desolaten Zustand. Untrügliches Zeichen dafür ist der Befall von Borkenkäfern. Die Schädlinge breiten sich immer weiter aus, „kaum ein Waldstück“ im Kreis ist noch frei davon.

Ein Eilzug rast mit Tempo 120 auf einen stehenden Güterzug zwischen Elmshorn und Dauenhof. Es gibt mehrere Schwerverletzte unter 23 geborgenen Fahrgästen. Menschliches Versagen führt zu dem Unglück.

Unwetter sorgen für Brände und Üebrschwemmungen

Der Rellinger Grafiker Kurt Wendt (75) ist eine Berühmtheit: Seine Plakate aus der Sprühpistole mit Hollywood-Schauspielern und Film-Ankündigungen werden unter anderem von Kinos zu Werbezwecken gekauft. Bei der Film-Messe im Juli in Düsseldorf „100 Jahre Filmgeschichte“ steuert der Künstler einige Porträts von Charlie Chaplin oder Alfred Hitchcock bei.

Eine Unwetter-Serie über mehrere Tage mit Bränden und Überschwemmungen bringt den Verkehr zum Erliegen. Die Autobahn ist überflutet.

Im August wird die Eisenbahnlinie Altona-Kiel unter Strom gesetzt. Die Oberleitungen führen eine Hochspannung von 15.000 Volt. Per Broschüren werden Anwohner auf die Gefahren aufmerksam gemacht.

Personalmangel bei Obstbauern und Baumschulern

Obwohl die Arbeitslosigkeit recht hoch ist, sind sich viele Deutsche für Helferjobs zu schade. „Ohne Ausländer aufgeschmissen“, titelt das Abendblatt. Bei Obstbauern, Baumschulen und auf dem Bau herrscht akuter Personalmangel. Nur wenige Deutsche blieben solchen Jobs treu. Bei den Obstbetrieben seien „99 Prozent“ ohne deutschen Pass. Die Argumente der Deutschen: Die Arbeit sei einem Lohnniveau von etwa 13 D-Mark im ersten Jahr nicht zumutbar und zu anstrengend. Auf einem Firmengelände in Prisdorf werden Dutzende Tonnen Styropor vor einem Brand gerettet. Vor der Halle waren bereits 300 Kubikmeter Kunststoff in Flammen aufgegangen.

Hoher Besuch im September aus Kuba: Der dreimalige Olympia-Sieger Teofilo Stevenson (1972, 1976, 1980), der in seiner aktiven Zeit als bester Amateurboxer gilt, besucht bei einer Norddeutschlandtour die Box-Sparte des Wedeler TSV. Geld sei ihm als guter Freund Fidel Castros nie wichtig gewesen, daher habe er den Schritt zum Profitum nie getätigt.

Sondersteuern auf Einwegdosen und Plastikgeschirr

Die Grünen fordern den Kreistag auf, eine Sondersteuer auf Einwegdosen und Plastikgeschirr beim Vor-Ort-Verzehr einzuführen. Die Einnahmen sollen in eine ökologisch bewusste Öffentlichkeitsarbeit und andere Maßnahmen der Abfallvermeidung fließen. Die Entscheidung wird vertragt. Unterdessen laufen in der Halstenbeker Firma Hareico die Vorbereitungen auf Hochtouren, ein fleischloses Schnitzel auf Soja-Basis zu produzieren. Es soll mit „hervorragenden Chancen“ auf den Markt kommen.

Ende September wird erstmals eine Frau als Bürgermeisterin einer Mittelstadt in Schleswig-Holstein gewählt. Neue Bürgermeisterin in Elmshorn ab Januar ist Brigitte Fronzek. Eine Tresorknacker-Bande treibt im Kreis seit Wochen (erfolgreich) ihr Unwesen. In Pinneberg wird im Oktober von fünf Personen ein Tresor geklaut, in Halstenbek kommt es zu einer Schießerei mit der Polizei. Die Täter entkommen.

Im November brennen auf einer Fläche von 400 Quadratmetern in Uetersen alte Reifen. Die Feuerwehr löscht, Fenster und Türen sollen geschlossen bleiben. Erste Untersuchungen der Behörden bringen jedoch keine Beweise, dass giftige Stoffe über die Rußpartikel in die Atmosphäre gelangt sind. Später sagt ein Toxikologe dazu: „Die haben wohl den feuchten Finger in die Luft gesteckt.“

Weltweit größtes zusammenhängendes Baumschulgebiet

Die leukämiekranke Charleen stirbt im Alter von nur fünf Jahren. 5000 Menschen im Kreis hatten sich typisieren lassen. Ein Spender aus England hatte sich sogar gefunden. Doch letztlich war der körperliche Zustand des Mädchens bereits vor der Transplantation für die lebensrettende Operation zu schwach.

Hoffnung gibt es für die Solar-Energie: Bundespolitiker aller Parteien fordern den Erhalt und Ausbau der Solarzellen-Fabrik in Wedel. Besitzer sind die Deutsche Aerospace und die Atom-Firma Nukem, die den Standort aufgeben möchten. Ergebnisse einer Greenpeace-Studie belegen, dass Photovoltaik-Anlagen auch in Deutschland rentabel produzieren können. Dazu bedarf es in Wedel einer erheblichen Modernisierung im zweistelligen Millionen-Bereich.

Das weltweit größte zusammenhängende Baumschulgebiet liegt im Kreis. Es gibt den Verdacht, dass chemische Pflanzenschutzmittel gesundheitsgefährdend sind. Dreieinhalb Stunden diskutieren 350 Besucher in Elmshorn bei einem Informationsabend mit den Unternehmern. Jene wollten beweisen, „dass nicht wahllos zur chemischen Keule gegriffen wird.“ Die Angst wird den Zuhörern trotzdem nicht genommen.

Kreis kürzt Unterstützung von Vereinen und Verbänden

Im Dezember wird berichtet, dass die erste „Öko-Siedlung“ des Landes in Tornesch entstehen soll. 150 Wohneinheiten in „umweltfreundlicher Bauweise“ sollen gebaut werden. Mindestens 50 Prozent des Wärmebedarfs dieser Niedrigenergiehäuser sollen aus Solar-Energie gewonnen werden. Die Politik muss noch zustimmen, und Tornesch muss sich noch gegen Eckernförde im Kampf um die Fördergelder durchsetzen.

Der Kreis-Haushalt für das kommende Jahr enthält ein Defizit von 4,4 Millionen Mark. Bis 1999 wird dieses auf 54 Millionen Mark weiterwachsen. Schon jetzt wird die Unterstützung von Vereinen und Verbänden gekürzt.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg