Quickborn/Itzehoe

Prozessauftakt: Tankstellenräuber wider Willen?

| Lesedauer: 6 Minuten
Arne Kolarczyk
 Aufgenommen von der Überwachungskamera: Zwei Räuber stehen auf dem Gehweg vor den Toiletten. Gleich werden sie nebenan in den Tankshop gehen und den Kassierer überfallen.

Aufgenommen von der Überwachungskamera: Zwei Räuber stehen auf dem Gehweg vor den Toiletten. Gleich werden sie nebenan in den Tankshop gehen und den Kassierer überfallen.

Foto: Polizeidirektion Bad Segeberg

Überfall auf Autobahnraststätte Holmmoor: Zwei Angeklagte fehlen. Welche Geschichte der dritte vor Gericht erzählt.

Quickborn/Itzehoe. Drei Männer haben im Januar 2019 den Tankshop der Raststätte Holmmoor-West an der A 7 bei Quickborn überfallen. Auf der Anklagebank des Landgerichts Itzehoe, das den Fall nun juristisch aufarbeitet, sitzt zum Prozessauftakt mit Khalaf A. (37) aber nur ein Mann. Ein weiterer Mittäter soll sich nicht mehr in Deutschland aufhalten. Und mit Mohammed K. (22) ist der Dritte des Trios nicht zum Prozess erschienen.

Ein Angeklagter außer Landes, einer abgetaucht

Die im Mai verschickte Ladung der Ersten Großen Strafkammer – sie hat den 22-Jährigen erreicht. Zu diesem Zeitpunkt saß er im Gefängnis. Inzwischen ist er wieder frei – und abgetaucht. „Ich hatte noch mit ihm telefoniert, er wollte kommen“, sagt Verteidiger Rasul Özpek, der pünktlich erschienen war. Eine Anschrift seines Mandanten besitzt er nicht, ebenso wie das Gericht, das die Ladung direkt in die JVA geschickt hatte. „Er wohnt mal hier, mal da, immer bei Freunden“, so Özpek.

Mit diesen Information konfrontiert, sieht Richter Johann Lohmann „nur wenig Möglichkeiten, an ihn heranzukommen“. Die Kammer erlässt in einer längeren Sitzungspause einen Haftbefehl gegen Mohammed K., um ihn zur Teilnahme an dem Gerichtsverfahren zu zwingen. Weil nicht in Abwesenheit des Angeklagten verhandelt werden kann, wird das Verfahren abgetrennt, sodass nun nur gegen Khalaf A. verhandelt wird.

Angeklagter räumt Beteiligung an Überfall ein

Der Syrer ist aus Hemer in Nordrhein-Westfalen zum Prozess gekommen und lässt seinen Verteidiger Merlin Böttcher eine Erklärung verlesen, in der er seine Beteiligung an dem Raubüberfall einräumt. Die Schuld dafür schiebt der 37-Jährige den nicht anwesenden Mitangeklagten in die Schuhe. Die hätten ohne seine Einwilligung spontan den Entschluss gefasst, den Tankshop auszurauben. Er selbst, so Khalaf A., habe nur einen Tankbetrug begehen wollen.

Der ist ebenfalls Bestandteil der im Dezember 2020 verfassten Anklageschrift. Demnach soll Khalaf A. gegen 20.45 Uhr am 11. Januar 2019 mit seinem VW Passat mit dänischem Kennzeichen an der Zapfsäule der Autobahnraststätte vorgefahren sein. Das hintere Nummernschild war mit einem Tuch verdeckt, damit es nicht von den Kameras erfasst werden konnte. Nachdem die beiden Mittäter ausgestiegen waren, setzte Khalaf A. laut Anklage zur Zapfsäule zurück, tankte für 56,24 Euro Kraftstoff und parkte den Wagen um. Dann betrat er gemeinsam mit den Mitfahrern den Tankshop der Raststätte.

Angeklagter erzählt vor Gericht seine Lebensgeschichte

Während Khalaf A. mit dem Angestellten sprach, soll Mohammed K. ein Teppichmesser gezogen und es dem Mitarbeiter an den Hals gedrückt haben. Der erlitt dabei laut der Anklage eine vier Zentimeter lange Schnittverletzung am Hals. Derart eingeschüchtert, öffnete das Überfallopfer laut Anklageschrift die Kasse, der Mohammed K. 652,80 Euro entnahm. Anschließend soll er den Mitarbeiter im Schwitzkasten mit zur Tür geschleift und ihm dort eine Kette aus 585er-Gold vom Hals gerissen haben. Im Anschluss flüchtete das Trio mit dem VW Passat in Richtung Hamburg.

In seiner Einlassung drückt Khalaf A. auf die Tränendrüse. Er schildert ausführlich seine Kindheit mit acht Geschwistern in Syrien. Wie er schon im Alter von sechs Jahren in der Landwirtschaft mitarbeiten muss, um die Familie zu ernähren. Wie später der Vater stirbt, zudem mehrere Geschwister ums Leben kommen. Wie er angeblich grundlos Ende 2011 für 19 Monate ins Gefängnis kommt, dort gefoltert wird. Und wie er, inzwischen verheiratet und Vater, zu Fuß in die Türkei marschiert, dort per Schlauchboot nach Mazedonien gelangt und wiederum zu Fuß 1300 Kilometer über Serbien nach Ungarn läuft.

Falsche Freunde und Drogenprobleme

Versteckt in einem Kleintransporter will der Angeklagte nach München gelangt und von dort nach Dänemark weitergereist sein, wohin er seine Frau mit den Kindern nachholen konnte. Der Versuch, sich dort selbstständig mache, sei jedoch gescheitert, sodass er Frau und Kinder nach Deutschland schickte und zunächst allein in Dänemark blieb. „Ich war einsam, habe die falschen Leute kennengelernt“, sagt der Angeklagte. Er habe begonnen, Drogen zu nehmen – Amphetamine, Cannabis und auch Kokain. Außerdem sei er anhängig von Schmerzmitteln.

Am Tattag sei er von Kolding in Dänemark Richtung Herme gestartet, wo seine Familie lebt. Die Mitangeklagten, die ebenfalls nach Deutschland wollten, habe er mitgenommen. „Ich hatte 150 Euro für Benzin, habe das Geld aber vor der Abfahrt in Dänemark für Drogen ausgegeben.“ Daher habe er an der Autobahnraststätte Holmmoor-West einen Tankbetrug begehen wollen.

Angeklagter will nichts von Waffe gewusst haben

Dass Mohammed K. ein Teppichmesser dabei hatte, habe er nicht gewusst. Er habe erst durch die Anklageschrift erfahren, dass diese Waffe zum Einsatz kam. Der Überfall sei nicht vorher verabredet gewesen. „Sie sagten beim Aussteigen zu mir, ich solle tanken gehen, sie würden Geld holen.“ Erst in diesem Moment habe er realisiert, was sie vorhatten.

Er übernehme dennoch die Verantwortung und sei bereit, sich bei dem betroffenen Mitarbeiter zu entschuldigen, so der Angeklagte, der einen Monat später eine weitere ähnliche Tat beging. „Dafür bin ich verurteilt worden, saß bereits im Gefängnis.“

Das könnte sich wiederholen. Für die Beteiligung an dem Raubüberfall droht dem 37-Jährigen eine Mindeststrafe von fünf Jahren. Der entgeht Khalaf A. nur, sollte die Kammer seine Tatbeteiligung für so gering halten, dass sie einen minderschweren Fall annimmt. Doch ob die Richter ihm glauben, dass er von dem Überfall nichts wusste, ist zumindest zweifelhaft. Denn eine entscheidende Frage des Gerichts kann der Angeklagte am ersten Prozesstag nicht beantworten: Warum ging er mit den anderen Männern in den Verkaufsraum, wenn er doch ohnehin nicht vorhatte, das Benzin zu bezahlen und kurz vorher auch noch mitbekommen hatte, dass seine Bekannten einen Überfall verüben wollten? Khalaf A. sagt: „Ich weiß es nicht.“ Der Prozess wird fortgesetzt.

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