Kreis Pinneberg

Ein wilder Mäander aus Blasmusik in Rellingen

| Lesedauer: 5 Minuten
Katja Engler
Die österreichische Kombo Faltenradio spielte am Mittwoch auf dem Rasen des Rellinger Sportplatzes den Regen fort.

Die österreichische Kombo Faltenradio spielte am Mittwoch auf dem Rasen des Rellinger Sportplatzes den Regen fort.

Foto: Katja Engler

Das österreichische Quartett Faltenradio spielt ein beherztes SHMF-Konzert im Rellinger Regen – bis es aufklart.

Rellingen. Getanzt haben sie dieses Mal nicht, die Burschen vom Faltenradio. Aber sonst haben sie viel von dem geboten, was ein Konzert hergeben kann. Das österreichische Quartett, das seine Stärke im Klarinetten- und Harmonika-Spiel hat, beginnt sein Konzert pünktlich mit dem einsetzenden Regen auf dem Rellinger Sportplatz, und zwar mit einem Salzburger Marsch, bei dem die Bassklarinette den Rhythmus vorgibt – und gelegentlich aufstampfende Füße.

Wilder Mix aus Volksmusik, Jazz, Weltmusik und Klassik

„Uns geht’s grad so gut, weil wir wieder für Menschen spielen dürfen. Da ha’m sich die tausend Kilometer jetzt schon gelohnt“, sagt Matthias Schorn, der im normalen Leben Soloklarinettist bei den Wiener Philharmonikern ist. Das wettergestählte, sonst eher zurückhaltende Publikum hat da schon die Regenpelerinen übergeworfen und freut sich genauso wie die Musiker. So sehr, dass später sogar viele bereit sind, eine Liedzeile von Hannes Wader mitzusingen. Mehrmals.

Alpenländische Volksmusik, viel Jazz, Weltmusik und Klassik werden serviert – „wir spielen Musik, von der wir denken, dass sie gut ist.“ Die Schubladen von E und U (ernster und unterhaltender Musik) interessieren diese in allen Genres bewanderten Musiker nicht, „da g’hörn Messer und Gabeln nei.“ Und so schließt an den Marsch ein kurzes Stück von Béla Bartók an, das mit sich schlängelnder Klarinette beginnt, sehr innerlich wird, bis der Rhythmus verebbt.

Gerade am Anfang streut Schorn immer wieder Anekdoten ein, erzählt von seiner Kindheit im Salzburger Land und davon, wie stolz er als achtjähriger Bub war, in der örtlichen Blaskapelle mitspielen zu dürfen. „Landflucht“ heißt ihr Programm. Und nachdem Mozarts himmlische Harmonien verklungen sind, fragt er ins Publikum, ob Mozart wohl Landflucht begangen habe, als er von Salzburg nach Wien gezogen sei?

Morbide Musik von Ludwig Hirsch

Nach diesem wundervollen, leider nur kurzen Ausflug in die Wiener Klassik wird das Publikum mit einem langen Stück herausgefordert, das es in vielerlei Hinsicht in sich hat. Alexander Maurer schnappt sich seine an nur einem Lederband hängende steirische Harmonika und beginnt mit einem abgehackten Rhythmus.

Seine Kollegen folgen, scheinbar zusammenhanglos und nebeneinander her, bis alles zu einem Tango verschmilzt. Einem bildreichen Tango, jenes Tanzes, der einmal um die Welt gereist ist. Klarinettist Alexander Neubauer webt eine jazzige Einlage ein, beschleunigt, improvisiert bis zum strahlenden Solo. Das Ende dieses grenzensprengenden Stücks erinnert gar an Steve Reichs serielle Minimal Music.

Wer mit Wien zu tun hat, nähert sich dem Tod, denn den Menschen dieser Stadt wird ein Hang zum Morbiden nachgesagt. Ein Lied von Ludwig Hirsch ist deshalb fast Pflicht, und Schorn, der Klarinettist, singt es ganz schlicht: „Ich hab’s wollen wissen“. Eine düstere Ballade, in der dort unten im Kanal der Vater sei’m Buben zeigt, wie ma an Menschen erschlagt, und die Mutter lockt ihr Madl aufn Strich.“ Und der Bub greift zur Gitarre und „singt so ehrlich und schön“, und landet damit in einer Zwangsjacke. Trotzdem singt er: „Soll’n mer ned alle a bissl riskier’n?“

Rellinger Publikum trotz Regen glücklich

Um den niedergedrückten Deckel auf der Stimmung wieder hochzujagen, folgt das schwungvolle Unterberger Klarinettenlied „Beim Glöcklwirt“, und mittendrin platziert Schorn einen auffahrenden Juchzer, der etwas später als Echo zurück aus dem Publikum kommt. Alles wieder schön – zum Glück.

Seit zwölf Jahren sind die Männer vom Faltenradio gemeinsam unterwegs, längst sind sie Freunde geworden. Und wieder beschwört Matthias Schorn den Zauber der Livemusik: „Ich hab das Gefühl, Sie war’n jetzt eine Heizung. Deswegen san mir Menschen. Total analog und ohne Wlan.“ Und das stimmt. Live und in echt – das ist mit nichts zu ersetzen. Und dass das Publikum sich dessen bewusst ist, ist an den glücklichen Gesichtern abzulesen. Selbst im Regen.

Es folgt wieder Blaskapellenfeeling mit einem kräftigen Schuss Schrammelmusik, der Biergarten ruft und die Würstelbraterei. Wenigstens hat es zu regnen aufgehört. Was jetzt folgt, stammt von Friedrich Gulda, dem Großmeister des anspruchsvollen Crossover. Entsprechend dessen vielen Talenten changiert das umarrangierte Stück „Für Rico“ zwischen groovigen Rhythmen, ungeordneter Wildheit und wunderbar variantenreichem Jazz. Die letzte Zugabe erinnert dann an einen großen Popmusiker, dem seine Kokserei zum Verhängnis wurde. Na? Richtig. Falco. Seine Mozarthymne „Rock me Amadeus!“

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