Pinneberg

Bremsen Fahrradstraßen die Feuerwehr aus?

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Katja Engler
Nebeneinander ist erlaubt. Hier sind Georg Janßen (vorn l.), Wolfgang Rabe und Ulf Brüggemann (hinten) vom ADFC bei Halstenbek unterwegs.

Nebeneinander ist erlaubt. Hier sind Georg Janßen (vorn l.), Wolfgang Rabe und Ulf Brüggemann (hinten) vom ADFC bei Halstenbek unterwegs.

Foto: Simon Krohn, hsp

Brandschützer befürchten, bei Alarm zu spät zur Wache zu kommen. Was die Politik sagt, was der ADFC fordert.

Pinneberg.  Pinneberg will Fahrradstraßen ausweisen, 16 sind im Gespräch, die ersten von ihnen schon eingerichtet. Den Zweiradverkehr fördern, den Autoverkehr dadurch reduzieren – das geschieht auch für den Klimaschutz. Doch leidet darunter der Brandschutz? Genau das befürchtet die Führung der Freiwilligen Feuerwehr und schlägt nun Alarm. Geht es nach ihr, ist der Fahrradstraßen-Plan nicht umsetzbar, weil er die Kameraden bei der Ausübung ihrer so wichtigen ehrenamtlichen Tätigkeit behindere. Pinnebergs Wehrführer Claus Köster spricht gar vom Ende der Freiwilligen Feuerwehr.

Kann die Feuerwehr die Fristen einhalten?

Warum das? „Die Einführung von Fahrradstraßen ist eine politische Entscheidung“, sagt Köster. „Wir als Feuerwehrleute sind aber an Fristen gebunden, innerhalb derer wir am Brandort erscheinen müssen. Wenn das nicht gelingt, haben wir ein menschliches Problem. Und ein rechtliches.“

Es geht um die Hilfsfrist, um jene zwölf Minuten nach Alarmierung, in der die Wehr am Einsatzort sein muss. Die Fahrt mit Blaulicht und Martinshorn zum Einsatzort ist dabei nicht das Problem. Die Fahrten mit Privatwagen sind es, wenn die Einsatzkräfte von zu Hause oder vom Arbeitsplatz aus allen Teilen der Stadt erst mal zur Wache sausen müssen.

Feuerwehr rückt mehr als 400 Mal pro Jahr aus

Und das kommt oft vor: Anfang der Woche hatte Pinnebergs Wehr ihren 264. Einsatz seit Januar. „Es werden wohl dieses Jahr wieder deutlich mehr als 400 Einsätze werden“, sagt Köster. Wer dann mit dem Auto durch eine Fahrradstraße schleichen muss, in der Radler grundsätzlich Vorfahrt haben und auch nebeneinander fahren dürfen, verliert auf seinem Weg entscheidende Sekunden und Minuten.

Zu den weit auseinander liegenden Wachen in Waldenau (70 Jahre alt) und an der Friedrich-Ebert-Straße (knapp 60 Jahre alt) müssen im 24-Stunden-Dienst an sieben Tagen in der Woche insgesamt rund 100 Männer und Frauen fahren, um von dort aus mit den Einsatzfahrzeugen zum Brand zu eilen. „Schon durch eine Tempo-30-Zone brauchen die Kameraden länger. Ich trage als Wehrführer aber die Verantwortung, dass wir rechtzeitig vor Ort sind“, sagt Köster.

ADFC: Bei Feuerwehr ansetzen, nicht bei Fahrradstraßen

Eigentlich bräuchte er 120 Leute, er hat aber nur 100. Seine Befürchtung: Wenn die Privatfahrten zur Wache auch noch durch die Einrichtung von Fahrradstraßen behindert würden, wäre damit vielleicht sogar das Ende der Freiwilligen Feuerwehr gekommen. Dann brauche die Stadt eben eine Berufsfeuerwehr.

Kösters Argumente wischt keiner der vom Abendblatt dazu befragten Politiker vom Tisch. „Das nehmen wir sehr ernst“, sagt etwa Manfred Stache (Grüne/Unabhängige), und die Vertreter der anderen Fraktionen sagen sinngemäß das Gleiche.

Als die Feuerwachen gebaut wurden, hatte Pinneberg rund 35.000 Einwohner. Jetzt sind es rund 10.000 mehr. In Vierteln wie dem Quellental oder Pinneberg Nord, wo Hochhäuser stehen, wohnen viele Menschen, sind also mehr Einsätze. Das sieht auch Ulf Brüggmann, Sprecher des Pinneberger ADFC: „Wir können da nicht gegenhalten, weil hier Sicherheit gegen Sicherheit steht“, sagt er. „Aber ich bin überzeugt, dass Pinneberg ein Feuerwehrproblem hat.“ Eine zentrale Wache sei einfach zu wenig. „Aus unserer Sicht müsste man da ansetzen und nicht bei den Fahrradstraßen“, so Brüggmann.

Aktuelle Feuerwache ist „viel zu klein“

Ein teures Gutachten für einen Feuerwehrbedarfsplan wurde bereits 2016/17 angefertigt. Ohne Konsequenzen. Aktuell ist ein zweites in Arbeit – wieder bezahlt mit öffentlichem Geld. Ende des Jahres solle ein neuer Feuerwehrbedarfsplan vorliegen, sagt Wehrführer Köster. Die Politik entscheide dann, ob eine neue Hauptfeuerwache gebaut wird, „die jetzige ist mit ihren 2364 Quadratmetern viel zu klein“, so Köster.

Ricardo Bork, Leiter des Ermittlungs- und Bezirksdienstes im Polizeirevier Pinneberg, meint: „Gegen Fahrradstraßen ist per se nichts einzuwenden. Wenn so etwas gut umgesetzt wird und sich die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer nicht zu stark ballen, ist anzunehmen, dass das funktioniert. Das ist im Einzelfall zu entscheiden.“

Holger Bauer, Sprecher des Landesfeuerwehrverbands, sieht das Ganze nicht dramatisch: „Fahrradstraßen sind hier kein Problem, da ist uns nichts bekannt. Aber wenn das mehr wird, muss man das sicherlich neu bewerten. Was uns vielmehr umtreibt, sind zugeparkte Straßen.“

CDU-Politiker: „Die Verwaltung bummelt“

In Pinneberg stößt sich Claus Köster konkret am Fahltskamp, an der Bismarckstraße und an der Osterholder Allee: „Die kann ich mir nicht als Fahrradstraßen vorstellen. Denn je schlechter die Erreichbarkeit der Einsatzorte, desto schlechter für die Bürger.“ Allein am Fahltskamp gab es innerhalb von drei Jahren zehn Unfälle mit Fahrradfahrern.

Carl-Eric Pudor (CDU), Vorsitzender des Planungsausschusses, ist nach Kösters Einwänden ziemlich ernüchtert: „Nach dem, was wir da gehört haben, kann ich mir nicht vorstellen, dass der Plan mit allen Fahrradstraßen zu halten ist. Es geht maßgeblich um die Sicherheit der Bevölkerung. Das wäre unverantwortlich.“ Er ärgert sich über die Verwaltung, die den Plan und die Vorlage erarbeitet hat, weil die Feuerwehr erst jetzt dazu befragt worden sei: „Die Verwaltung bummelt.“ Stadtsprecherin Andrea Aalders widerspricht: Jede Maßnahme sei unter Einbeziehung von Feuerwehr und Polizei geprüft worden.

Unfälle auf Fahrradstraßen seltener und weniger schwer

Gerhard Thomssen (SPD) respektiert Claus Kösters Argumente. Seine Fraktion hat aber ein klares Ziel: „Wir sind in einem deutlichen Wandel hin zur Verkehrswende. Dafür müssen wir eine Lösung finden. Und die heißt: Fahrradstraßen, Tempo-30-Zonen und Schulwegsicherung. Das ist sinnvoll zum Schutz der Radfahrer und aller Verkehrsteilnehmer.“ Es müsse ein Kompromiss erarbeitet werden, „die Einrichtung von Fahrradstraßen muss mit der Feuerwehr diskutiert werden. Dann können wir sehen, wo es Sinn macht und wo ein zu großes Hemmnis vorliegt“.

Ähnlich äußert sich Manfred Stache (Grüne&Unabhängige): „Wir müssen gucken, wie wir trotzdem Fahrradstraßen hinbekommen. Bei einigen wird man das wuppen können. In anderen Städten ist das ja auch möglich. Wir können nicht mit der Verkehrswende warten, weil die Stadt mit der Feuerwehrstruktur nicht vorankommt.“

Verkehrssicherheit von Fahrradstraßen „überwiegend positiv“

Eine ganz andere Position nimmt Werner Mende (FDP) ein. Seine Fraktion habe die gesamte Infrastruktur im Blick: „Wenn wir den Autoverkehr irgendwo wegnehmen, verstopft er andere Straßen. Auch Parkflächen brauchen wir. Und weniger Autos wird es in naher Zukunft nicht geben.“ Zu den Argumenten der Feuerwehr sagt er: „Es kann nicht angehen, billigend in Kauf zu nehmen, dass die Feuerwehr zu spät zum Brandort kommt. Das ist für uns ein wichtiges Argument. Wir müssen uns also genau und kritisch anschauen, welche Straßen wir zu Fahrradstraßen machen.“

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft schreibt, dass die Kommunen die Verkehrssicherheit von Fahrradstraßen bundesweit „überwiegend positiv“ einschätzen. Das bestätigten auch die Unfallanalysen: „Unfälle geschehen verhältnismäßig selten und sind im Vergleich mit dem gesamten innerörtlichen Unfallgeschehen im Radverkehr weniger schwer.“

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