Quickborn/Pinneberg

Brutaler Überfall auf Lottoladen: Täter entkommen Haftstrafe

| Lesedauer: 6 Minuten
Arne Kolarczyk
Bilder der Überwachungskamera zeigen, wie die Angeklagten den Ladeninhaber Niels F. am 9. Februar 2017 mit Waffengewalt zum Tresor führen.

Bilder der Überwachungskamera zeigen, wie die Angeklagten den Ladeninhaber Niels F. am 9. Februar 2017 mit Waffengewalt zum Tresor führen.

Foto: Poilizeidirektion Bad Segeberg / Polizeidirektion Bad Segeberg

Zwei Männer misshandeln Inhaber und erbeuten 47.000 Euro in Quickborn. Warum sie mit einem milden Urteil davonkommen.

Quickborn/Pinneberg. Sie haben einen Lottoladen überfallen. Den Inhaber bedroht und misshandelt. Und dabei 46.740 Euro erbeutet. Trotzdem kommen Muhamet X. (24) und Daniele V. (24) vor Gericht mit einer Verwarnung davon. Weil beide zur Tatzeit noch 20 Jahre alt waren und damit unter das Jugendstrafrecht fallen. Und weil der Fall erst nach mehr als viereinhalb Jahren vor dem Jugendschöffengericht Pinneberg verhandelt werden kann.

Männer wegen Überfall auf Lottoladen 2017 angeklagt

Der Überfall auf den Laden an der Bahnhofstraße, der auch als Postfiliale und Postbank fungiert, ereignete sich schon am Abend des 9. Februar 2017. Fahnder der Ermittlungsgruppe Jugend der Kripo durchsuchten am 15. September 2017 die Wohnräume der heutigen Angeklagten, denen eine andere Straftat vorgeworfen wurde. Dabei fanden sich die für den Überfall verwendeten Sturmhauben sowie die Schreckschusswaffe. Beide Verdächtige räumten die Tat ein.

Es folgten intensive Ermittlungen gegen das Duo, was andere Komplexe anging. Jedoch ohne Ergebnis. Die Anklage zum Raub auf den Lottoladen erhob die Staatsanwaltschaft dann erst im vorigen Jahr – weit mehr als drei Jahre nach der Tat. Ein für März 2021 anberaumter erster Gerichtstermin platzte wegen Corona. Und so kamen die Prozessbeteiligten erst am Dienstag vor dem Jugendschöffengericht Pinneberg zusammen.

Verteidiger fordert Einstellung des Verfahrens

Für Verteidiger Uwe Maeffert ein unhaltbarer Zustand. Er erinnerte zu Beginn der Verhandlung daran, dass Jugendstrafverfahren einem Beschleunigungsgebot unterliegen und dass der Erziehungsgedanke im Vordergrund steht. Auf die beiden inzwischen 24-jährigen Angeklagten könne das Gericht jedoch nicht mehr erzieherisch einwirken. Weil insbesondere die Staatsanwaltschaft das Verfahren verschleppt habe, forderte Maeffert dessen Einstellung. Das lehnte die Vorsitzende Richterin Dagmar Trüller jedoch ab. Der Anregung Maefferts, die Angeklagten alternativ mit einer Verwarnung davonkommen zu lassen, kam sie jedoch nach.

Niels F. (38) war zur Tatzeit 33 Jahre alt – und ist bis heute der Inhaber des Lottoladens. „Ich habe damals den Laden spät verlassen. Es war schon dunkel, als plötzlich zwei Personen hinter einer Säule hervorgesprungen sind.“ Die vermummten Täter hätten ihm eine Pistole vor das Gesicht gehalten und befohlen, die Tür des Geschäftes wieder aufzuschließen. „Ich wollte die Alarmanlage deaktivieren, hatte vorher aber vergessen, sie einzuschalten“, so der 38-Jährige. Weil er nun die Anlage aktiviert statt deaktiviert hatte, seien die Täter nervös geworden und hätten ihn mit der Pistole auf den Kopf geschlagen.

Täter konnten vor Eintreffen der Polizei flüchten

Als das Alarm-Problem behoben war, hätten ihn die Räuber im Innern zum Tresor geschoben („Die wussten gleich, wo alles ist“) und gezwungen, diesen zu öffnen. Er habe sich auf den Boden legen müssen und mehrfach Pfefferspray ins Gesicht gesprüht bekommen, während das Duo den Tresor ausgeräumt habe. „Dann sind die geflüchtet und ich dachte, es überstanden zu haben.“

Weil sich die Eingangstür ohne Schlüssel nicht von innen öffnen ließ, seien die Täter zurückgekehrt und hätten ihn nochmals mit der Waffe geschlagen, um an den Schlüssel zu gelangen. Der steckte jedoch noch von außen – und war zwischenzeitlich vom Zeugen Florian E. (39) abgezogen worden. „Da war ein Gerangel vor dem Laden, zwei Personen haben jemanden geschlagen und sind dann reingegangen.“ Er habe einen Überfall vermutet und die Polizei alarmiert. Doch vor deren Eintreffen seien zwei Personen aus dem Laden gerannt und geflüchtet.

Das lag daran, dass Besitzer Niels F. einen Ersatzschlüssel gefunden und von innen aufgesperrt hatte. Er beschrieb die Räuber als unsicher und nervös. Und der 38-Jährige bekundete, zwar unter Schock gestanden, jedoch keine schlimmen Verletzungen davongetragen zu haben. „Ich komme gut damit klar, will hier nicht das arme kleine Opfer darstellen.“

Angeklagte räumen die Tat vor Gericht ein

Die Angeklagten, die über ihre Verteidiger den Überfall einräumen ließen, entschuldigten sich im Gerichtssaal beim Überfallopfer. Und der Inhaber nahm die Entschuldigung an – ebenso wie die 500 Euro an Schmerzensgeld, die Daniele V. ihm freiwillig anbot und vor Ort in bar auszahlte. Der zweite Angeklagte Muhamet X. kündigte an, einen gleich hohen Betrag überweisen zu wollen. Daraufhin willigte Niels F. ein, das in seinem Laden bestehende Hausverbot gegen Muhamet X. aufheben zu wollen.

Staatsanwältin Annika Thiel erinnerte daran, dass den Angeklagten im Erwachsenenstrafrecht eine Mindeststrafe von fünf Jahren gedroht hätte. „Es handelt sich um einen Verbrechenstatbestand.“ Dennoch könne in diesem Fall von einer Jugendstrafe abgesehen werden. Die Angeklagten hätten vier Jahre Zeit gehabt, an ihrer Entwicklung zu arbeiten, das Unrecht eingesehen und freiwillig Schmerzensgeld gezahlt.

Angeklagte haben „ihren Weg gefunden“

Die Verteidiger Uwe Maeffert und Lino Peters hoben die positive Entwicklung ihrer Mandanten hervor. Beide würden in festen Partnerschaften leben, ein geregeltes Einkommen haben. „Sie haben auch ohne Einwirkung der Justiz ihren Weg gefunden“, so Peters. Daher sei eine Sanktionierung unnötig.

Das sah auch das Schöffengericht so, das aber in einem Punkt der Verteidigung widersprach und für beide Angeklagte eine Vermögensabschöpfung in Höhe der erbeuteten Summe anordnete. „Straftaten dürfen sich nicht lohnen, auch im Jugendstrafrecht nicht“, so die Richterin Trüller. Von Staats wegen wurde bereits der BMW, den Daniele V. nach der Tat für 7000 Euro erwarb, für 2300 Euro verkauft. Zwischenzeitlich kostete das Verwahren des Fahrzeugs den Staat mehr als 3000 Euro.

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