Kreis Pinneberg

Pinneberg soll ein neues Frauenhaus bekommen

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Katja Engler
Gudrun Kipp (75) ist Gründungsfrau des Pinneberger Frauenhauses und Mitbegründerin des Frauennetzwerkes.

Gudrun Kipp (75) ist Gründungsfrau des Pinneberger Frauenhauses und Mitbegründerin des Frauennetzwerkes.

Foto: Katja Engler

Frauen in Not müssen seit Jahren in beengten Verhältnissen leben. Sozialausschuss gibt grünes Licht für größere Räume.

Pinneberg.  Wer im Frauenhaus arbeitet, sollte nicht zimperlich sein und sich in weit mehr Bereichen auskennen, als eigentlich vorgesehen ist. Das Ministerium für Inneres, Ländliche Räume, Integration und Gleichstellung findet zwar in seiner Bedarfsanalyse, „dass das Hilfe- und Unterstützungssystem in Schleswig-Holstein grundsätzlich und im Vergleich mit anderen Bundesländern bereits sehr gut aufgestellt ist“, empfiehlt aber trotzdem die Ausweitung von Frauenhausplätzen insgesamt, die Anmietung von Schutzwohnungen alternativ zum Frauenhaus und eine bessere personelle Ausstattung der Frauenhäuser. Im Falle Pinnebergs hat der Ausschuss für Soziales, Kinder und Senioren am Dienstagabend einstimmig beschlossen, dass ein neues Frauenhaus her soll.

Frauenhaus in Pinneberg hat zu wenig Platz

Der Beschluss geht auf einen Antrag der SPD-Fraktion zurück, die nach eingehenden Gesprächen mit den Mitarbeiterinnen des Frauenhauses zu dem Ergebnis kam, dass „ein Neubau oder die Verwendung eines geeigneten Bestandsbaues“ notwendig ist. „Angesichts der vom Trägerverein geschilderten Unzulänglichkeiten im jetzigen Frauenhaus wird erwartet, dass dem Projekt die gebotene Dringlichkeit beigemessen wird“, heißt es in dem SPD-Antrag.

„Wir wollten einen Stein ins Wasser werfen, damit es damit losgeht“, sagt der Ausschussvorsitzende Dieter Tietz (SPD), der sich über das Ergebnis freut. „Wir sind überzeugt, dass es so wie bisher nicht weitergeht.“

Während des Gespräches mit dem Hamburger Abendblatt klingelt neben Andrea Schintze im Frauenhaus des Öfteren das Telefon. Frauen in Not rufen an, brauchen ein Gespräch, einen Rat, einen Platz. „Wir sind voll belegt und haben zu wenig Platz“, sagt Andrea Schintze. Eigentlich sei es wichtig, dass je eine Familie ein Zimmer bewohnen könne, „das geht aber nicht. Oft teilen sich mehrere Familien einen Raum. Das ist in der Krise schwierig. Außerdem sind alle Räume Durchgangszimmer, auch die Büros. Es fehlen Rückzugsräume“, sagt die Mitarbeiterin des Frauenhauses.

Frauen bleiben länger im Frauenhaus als früher

Gudrun Kipp (75) ist Mitbegründerin des Frauenhauses und begleitet und beobachtet die dortige Entwicklung seit vielen Jahren. Sie findet es „super und sehr sinnvoll“, dass die Politik sich jetzt auf eine Lösung geeinigt hat: „Die Frauen leben so beengt dort. Wenn sich mehrere ein Zimmer teilen müssen, ist das eine Katastrophe. Die haben es wirklich sehr nötig. Besonders schlimm ist, dass die Frauen in Not so lange keine bezahlbare Wohnung finden.“

Um der Notwendigkeit eines Umzuges Nachdruck zu verleihen, hatten die Mitglieder des Vereins Frauenhaus Pinneberg eine Broschüre herausgebracht, in der sie die Situation vor Ort schildern, analysieren und teilweise mit früheren Zeiten vergleichen.

Daraus geht hervor, dass sich die durchschnittliche Verweildauer der Frauen und Kinder von 40 auf 70 Tage erhöht hat, die Auslastung ist von 87 auf 93 Prozent gestiegen. Einen der Hauptgründe dafür hat Gudrun Kipp bereits genannt: Seit vielen Jahren werden zu wenig öffentlich geförderte Wohnungen gebaut, sodass Frauen in Bedrängnis viel zu lange im Frauenhaus bleiben müssen.

Eine Wohnung zu finden, ist für viele Frauen schwierig

Da das schon lange so ist, hat das Ministerium eine Beratungsstelle „Frauen und Wohnen“ eingerichtet, die mit der Diakonie zusammenarbeitet. „Seitdem ist es etwas besser geworden. Wir werden dadurch etwas entlastet. Es dauert aber immer noch zu lange. Manche Frauen warten weiterhin ein Jahr auf eine Wohnung“, sagt Andrea Schintze.

Aus der Broschüre wird ersichtlich, dass nicht nur der Wohnungsmarkt angespannt ist, sondern dass Vermieter meist einen Aufenthaltsstatus von ein bis zwei Jahren verlangen, was früher keine Rolle spielte. Anträge für Hilfen und Transferleistungen seien kompliziert geworden, Schutzsuchende bräuchten eine intensive Sozialberatung, zudem seien die Lernanforderungen an Schülerinnen gestiegen, Frauen nähmen häufiger als früher an Deutsch- und Integrationskursen und Ausbildungen teil, studierten oder besuchten eine Schule.

„In den langen Zeiträumen, in denen solche Familien bei uns leben, wird meistens weiterer Bedarf sichtbar“, sagt Andrea Schintze. Dazu gehörten Schulwechsel, Krankheit, der Bedarf an therapeutischer Betreuung und an Beratung zum Umgangs- und Sorgerecht. „Das verändert das Arbeiten. Wir haben die Frauen sonst an Institutionen weitervermittelt. Jetzt machen wir schon fast alles mit.“

Zu wenig Badezimmer, zu kleine Einzelzimmer

Ganz konkret hat das Haus, in dem die Schutzsuchenden derzeit untergebracht sind, nur notdürftig Platz für Kinderwagen. Der Eingang ist deshalb oft zugestellt. Ein Einzelzimmer ist so klein, dass es keinen Schrank und nur ein improvisiertes Regal hat, Wäscheständer versperren den Flur, hinten im Korridor steht ein Notbett, und der Heizungskeller, der wegen der Wärme ebenfalls als Wäschetrocknungsraum genutzt wird, steht bei Starkregen unter Wasser.

Das Haus hat zu wenige Badezimmer, keinen Stilleraum, in dem Kinder lernen oder jemand sich zurückziehen kann, keinen Bewegungsraum. Staubsauger und Schrubber stehen im Flur.

„Nach 33 Jahren entspricht das Gebäude nicht mehr den zeitgemäßen Bedarfen und Anforderungen“, schreibt Frauenhaus-Vorstand Audrey Stormer in ihrem Antrag. Zu dem Wunsch nach einem Neu- oder Umbau sagt Tim Radtke, Sprecher des Innenministeriums: „Wir sind in engem Gespräch mit der Stadt Pinneberg und würden den Antrag begrüßen. Eine Förderung ist möglich.“

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