Stadtplanung

Rellinger Verkehrschaos wird zum Studienobjekt

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Katja Engler
Der harte Kern der neuen Bürgerinitiative „Gemeinsam für Rellingen„. Hintere Reihe von links: Carina Bode, Bernd Huckfeldt und Nils Kummer. Vordere Reihe: Silvia Schmidt (links) und Audrey Nagel. Die Kreuzung an der Hauptstraße wurde inzwischen fertig umgebaut

Der harte Kern der neuen Bürgerinitiative „Gemeinsam für Rellingen„. Hintere Reihe von links: Carina Bode, Bernd Huckfeldt und Nils Kummer. Vordere Reihe: Silvia Schmidt (links) und Audrey Nagel. Die Kreuzung an der Hauptstraße wurde inzwischen fertig umgebaut

Foto: Ha / HA

Initiative hat Hafencity-Universität gewinnen können, um Probleme der Gemeinde zu lösen. Was die Studenten vorhaben:

Rellingen. Stau, zu viel Tempo, zu wenig Lebensqualität: Geht es um die angespannte Verkehrssituation in Rellingen, wird zwar seit Jahrzehnten debattiert, aber kaum etwas verändert. Deshalb hat sich jetzt eine neue Bürgerinitiative namens „Gemeinsam für Rellingen“ formiert. Sie setzt sich nicht nur „für eine positive und nachhaltige Verkehrspolitik für die ganze Gemeinde Rellingen“ ein, sagt ihr Sprecher Bernd Huckfeldt. Die Initiative hat nun auch einen kleinen Coup gelandet: Sie hat die Hamburger Hafencity-Universität (HCU) zur Unterstützung ihrer Ziele gewinnen können.

Yvonne Siegmund, promovierte wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität Berlin am Institut für Stadt- und Regionalplanung, hat der Betreuung einer halbjährigen Semesterarbeit über die Rellinger Verkehrssituation zugestimmt. Studierende sollen an diese kniffligen Aufgabe arbeiten.

Der Hamburger Professor für Städtebau und Quartiersplanung, Michael Koch, war nach dem Anruf der Rellinger Bürgerinitiative auf Siegmund zugekommen und hatte sie gefragt. Die Stadtplanerin ist nämlich hinreichend vertraut mit Rellingen. Schon 2015 hatte sie an der HCU ein interessantes und erfolgreiches Studienprojekt zur Entwicklung des dortigen Ortskerns betreut.

So ein Studienprojekt basiert auf intensiver Feldforschung

Die neue Rellinger Bürgerinitiative, der dieser kreative Schub zu verdanken ist, setzt sich aus Mitgliedern der Interessengemeinschaft Baumschulenweg und „Wir sind Rellingen“, die das geplante Gewerbegebiet am Hermann-Löns-Weg verhindert hat, zusammen – insgesamt rund 250 Familien.

„Unser Anliegen ist es, die Interessen der Bürgerinnen und Bürger einzubringen. Für August bereiten wir eine Umfrage in ganz Rellingen darüber vor, wo es genau brennt“, sagt Huckfeldt. Er ist seit 2001 in der Interessengemeinschaft Baumschulenweg aktiv. In der Umfrage soll es um die Sicherheit der Schulwege, die Verkehrsführung, um die Anbindung von Bus und Bahn, Gefahrenstellen, Staus und Radwege gehen.

Dass die Verkehrssituation bisher wenig befriedigend ist, hat viele Gründe. Etwa, dass für die Straßen im Ort mal die Gemeinde selbst, oft aber der Kreis oder das Land zuständig sind. Entsprechend unterschiedlich sind die Interessen. Ein anderer Grund sind die politischen Mehrheitsverhältnisse.

Verkehrskonzept, dass die gesamte Gemeinde umfasst

„Seit 40 Jahren wird in Rellingen keine Verkehrsplanung gemacht. Es gibt nur punktuelle Maßnahmen“, kritisiert Huckfeldt. „Überall wird aber gebaut. Wir vermissen ein System dahinter.“ Damit ihre Arbeit seitens der Gemeinde ernst genommen wird, habe sich die Initiative darum bemüht, Fachkompetenz an Land zu ziehen, denn: „Das Ganze soll Hand und Fuß haben“, so Huckfeldt.

Die Initiative will ein Verkehrskonzept, das die gesamte Gemeinde umfasst. Bei der Planung von Bau- und Gewerbegebieten sei das unumgänglich, sonst führe es zu weiteren eklatanten Verkehrsproblemen. „Zudem muss es künftig unbedingt vermieden werden, bereits stark belastete Straßenzüge und Gebiete durch weitere Wohnbebauung und Unternehmensansiedlung zusätzlich zu strapazieren“, sagen die Initiatoren. Auch die Erweiterung der Autobahn 23 sehen sie skeptisch: „Die birgt noch viele Fragezeichen.“

Thema Straßenverkehr ganzheitlich betrachten

Um das Thema komplexer anzupacken, sitzt also jetzt die Hafencity-Universität mit im Boot. Das neue Studienprojekt wird für das Sommersemester 2022 angestrebt. Was davon konkret zu erwarten ist, kann Yvonne Siegmund natürlich noch nicht sagen, dazu ist es viel zu früh: „Ich bin keine Verkehrsexpertin. Mir ist wichtig, dass wir das Thema Verkehr ganzheitlich betrachten. Dass dabei verschiedene Methoden zum Einsatz kommen und der Planungsblick von oben verlassen wird“, sagt sie.

„Als Gesellschaft müssen wir uns mit dem Problem des Autoverkehrs im Kontext von Nachhaltigkeit, dem Ausbau und der Qualifizierung des öffentlichen Raums auseinandersetzen“, fasst die Wissenschaftlerin zusammen. Im Unterschied zum 2015er-Projekt „möchte ich hier mit den Studierenden viel tiefer reingehen, stärker vor Ort sein, intensiver kommunizieren als damals. Denn es geht darum, die Akteure zusammenzubringen. Kommunikation und Koordination werden vermutlich in einem vertiefenden Projekt wichtiger sein als damals“, sagt Yvonne Siegmund.

So ein Projekt basiere auf intensiver Feldforschung. Fest steht: Der öffentliche Raum ist begrenzt und im weitläufigen, aus Ortsteilen zusammengesetzten Rellingen gelegentlich sogar eng und umkämpft. Wer ihn wie nutzen darf, darüber müssen sich alle Teile der Gesellschaft immer wieder neu verständigen.

Die Bürgerinitiative will keine gemeindeeigenen Konzepte

Die Mitglieder der Bürgerinitiative finden es unerlässlich, dabei externe Fachexpertise einzubinden und von gemeindeinternen Konzepten Abstand zu nehmen. Mit einer weiteren wichtigen norddeutschen Bildungseinrichtung haben sie ebenfalls Kontakt aufgenommen.

Die Zusammenarbeit mit den Rellingern ist in den Augen von Yvonne Siegmund eine gute Sache, denn „es ist wichtig, dass die Studierenden nah an der Realität sind und erleben, wie über den zwischenstädtischen Raum verhandelt wird, wie sich das organisiert und wie die Planung der Gemeinden darauf reagiert. Ich finde interessant, wo Konflikte und wo Schnittmengen liegen und worum gekämpft wird. Dieser Austausch ist spannend.“ Letzten Endes, sagt die Wissenschaftlerin, gehe es darum, „eine Lösung zu finden, die für alle verträglich ist.“

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