Kreis Pinneberg

Wie ein geplanter Radweg die Ellerbeker spaltet

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Burkhard Fuchs
Eltern und Kinder protestieren mit Plakaten für den Bau des Radweges von der Grundschule ins alte Dorf von Ellerbek.

Eltern und Kinder protestieren mit Plakaten für den Bau des Radweges von der Grundschule ins alte Dorf von Ellerbek.

Foto: Burkhard Fuchs

Warum dauert alles so lange? Wäre eine Fahrradstraße sinnvoller? Welche Rolle spielt der Wachtelkönig? Der Ton wird schärfer

Ellerbek.  Ein Radweg erhitzt die Gemüter in Ellerbek – ein Radweg, den es nicht gibt. Dass der Ende 2020 für 1,15 Millionen Euro beschlossene Bau des Radweges zur Grundschule und zum Kindergarten nach jahrelanger Diskussion immer noch nicht begonnen wurde, regt viele Eltern in der Gemeinde auf. Jetzt protestierten sie zahlreich mit ihren Kindern und selbst gemalten Plakaten („Bürgermeister, du sollst den Radweg bauen!“) vor der Gemeinderatssitzung, die bei 30 Grad Celsius in der Turnhalle stattfand.

Bürgermeister spricht von Rufmord und Verleumdung

Dort sollte, so ihre Befürchtung, das fertig geplante Projekt mit einem Antrag zum Bau einer Fahrradstraße erneut auf die lange Bank geschoben werden. Doch dazu kam es nicht. Der SPD-Antrag gelangte nicht einmal auf die Tagesordnung, weil die CDU-Fraktion die Dringlichkeit nicht erkennen mochte und so die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit dafür nicht zustande kam.

Stattdessen erhob Bürgermeister Günther Hildebrand (FDP) schwere Vorwürfe gegen einige Mitbürger und sprach von „Rufmord“ und „Verleumdung“. Er habe aber Anfang Juni endlich den Bauantrag gestellt, versuchte Hildebrand die Gemüter in der Halle zu beruhigen. In der Kreisverwaltung war der allerdings bis Ende voriger Woche noch nicht angekommen.

Ellerbek, ein „Dorf vor der Zerreißprobe“?

Hildebrand war sichtlich erbost, als er zu Beginn der Gemeinderatssitzung eine mehrseitige persönliche Erklärung verlas, die an das Protokoll der Sitzung angehängt werden sollte. So würde jemand in den sozialen Netzwerken unter dem Pseudonym „Unser Ellerbek“ von „politischen Machtspielen“ und einem „Dorf vor der Zerreißprobe“ wegen des Radwegebaus fabulieren.

Zudem werde ihm als Bürgermeister unterstellt, nicht „zu seinem Wort“ zu stehen, ärgert sich Hildebrand. „Das macht mich betroffen.“ Es habe sogar einen Zeugen der Radwege-Befürworter gegeben, der in der Amtsverwaltung dabei gewesen sei, wie er die sechs Leitz-Ordner für den Bauantrag unterzeichnet hätte.

Damit nicht genug. Ein Bürger, der in seiner Nachbarschaft wohne, habe öffentlich vorgeschlagen, der gesamte Verkehr in Ellerbek möge doch durch die Vorgärten der Gemeindevertreter gelenkt werden, da sie mit dem Radweg nicht zu Potte kämen. Und eine engagierte Mutter habe versucht, den SPD-Antrag zur Fahrradstraße über die Kommunalaufsicht zu stoppen, „weil das Amt Pinnau den Machenschaften der regierenden Parteien in Ellerbek ausgesetzt“ sei, zitierte Hildebrand aus dem Schriftwechsel dieser Frau mit der Kreisverwaltung, der ihm vorliege.

Ellerbeker Eltern sind frustriert

„Das ist nicht fair. Uns kriminelle Machenschaften vorzuwerfen, weise ich auch im Namen des Gemeinderats aufs Schärfste zurück. So behandelt zu werden, haben die 17 Gemeindevertreter, die hier ihre Freizeit opfern, nicht verdient. Das ist Rufmord und Verleumdung“, schimpfte Hildebrand, der dagegen noch keine rechtlichen Schritte einleiten möchte. Es sei aber ein weiteres Zeichen dafür, wie verroht die Sitten in der Gesellschaft inzwischen seien.

Tatsächlich fühlen sich einige Eltern, die den Radweg zur Schulwegsicherung in Ellerbek schon seit Jahren herbeisehnen, durch den langen Entscheidungsprozess aus ihrer Sicht verschaukelt. Bianka Stiller-Hoppe, die zwei Kinder in der Grundschule hat, sagt: „Ich bin tief frustriert, wie lange es dauert.“

Sie hielt es für einen „Bruch der demokratischen Ordnung“, weil die SPD nun plötzlich eine Fahrradstraße als Alternative vorschlug. Dies wäre aber die falsche Lösung, weil es den Autoverkehr in die Wohngebiete verlagere, plädiert auch Anwohner Dirk Engel dagegen, der einen neunseitigen offenen Brief an die Gemeindevertreter verfasst und eine Online-Petition zum Bau des Radweges initiiert hat, die nach seinen Angaben 400 Leute unterzeichnet hätten.

Ellerbeker SPD favorisiert die Fahrradstraße

Und es kursieren jede Menge Gerüchte dazu im Dorf. So würde die Fahrradstraße vom Kreis ohnehin abgelehnt werden wie schon einmal, behauptet Engel. Tatsächlich sei es aber nur ein Formfehler der Gemeinde gewesen, als sie 2019 beim Kreis die Fahrradstraße beantragt und dabei vergessen habe, die Umwidmung der Straße zu beantragen, erklärt Hildebrand dazu. Er betont auch, dass er ständig in den politischen Gremien über seine Abstimmungsgespräche mit der Unteren Naturschutzbehörde berichtet habe, die sich aber hingezogen hätten.

Die SPD wiederum sieht in einer Fahrradstraße durchaus eine sinnvolle Alternative zum jetzt geplanten Radweg, weil darauf „Fahrräder absoluten Vorrang“ hätten, Tempo 30 gelte und Autofahrer nicht überholen dürften, erläuterte Fraktionschef Steffen Jahn. Für die Gemeinde würde die Fahrradstraße erheblich kostengünstiger sein als der 1,15 Millionen Euro Geh-und Radweg, für den die Gemeinde nun auch noch einen etwa einen Kilometer langen Knick als Ausgleich für den Naturschutz schaffen müsste.

Bürger Engel kontert, von den 1,15 Millionen Euro müsse Ellerbek selbst ja nur 350.000 Euro beisteuern, weil der Kreis 460.000 Euro, das Land 100.000 Euro und private Spender noch mal etwas mehr als 100.000 Euro dazugeben würden.

Baubeginn im Herbst erscheint realistisch

Doch es gibt auch kritische Stimmen im Ort, die lieber die kostengünstigere Fahrradstraße realisiert wissen wollten. Dazu gehört Thomas Rudolph, der seit mehr als 20 Jahren in Ellerbek wohnt. „Es ist doch ein Skandal, dass hier ein so teurer Geh-und Radweg geschaffen werden soll statt einfach eine Fahrradstraße daraus zu machen“, meint er. Die Radweg-Befürworter-Eltern seien doch nur dagegen, weil sie dann nicht mehr bei Regen ihre Kinder mit dem Auto direkt zur Schule fahren könnten, vermutet er.

Nun aber wird zunächst für 800.000 Euro in einem ersten Bauabschnitt, der ganz eng mit der UNB abgestimmt sei, wie Hildebrand sagt, parallel zum Ihlweg und dem Rugenbergener Mühlenweg der Geh- und Radweg hinter dem Knick auf einem Kilometer Länge angelegt. Dieser Schulweg wird morgens und mittags jeweils von bis zu 155 Autofahrern, 70 Radfahrern und 30 Fußgängern genutzt, hat ein Ingenieurbüro für die Gemeinde berechnet.

Sobald die Baugenehmigung vorliege, werde er die Arbeiten ausschreiben. „Dann könnte im Herbst gebaut werden“, sagt Hildebrand. Dieser Zeitplan sei durchaus realistisch, sagt UNB-Teamleiter Jörg Kastrup auf Abendblatt-Anfrage. „Wir sind in ganz enger Abstimmung mit der Gemeinde bei diesem geplanten Radweg.“

Prüfung, ob Wachtelkönig durch Fahrradweg gestört wird

Auch wenn jetzt Naturschützer mit dem Wachtelkönig eine seltene Vogelart in der Nähe beobachtet haben wollen, bedeute dies keineswegs das Aus für den Radweg. „Wir werden prüfen, ob der Radweg die Vögel stört.“ Deren Brutzeit sei aber im Herbst ohnehin zu Ende. Vom zweiten Bauabschnitt ins Dorf, 400 Meter quer über eine Wiese und die Mühlenau, müsse die UNB allerdings noch überzeugt werden.

Welche Kapriolen dieser Radweg schießt, berichtet Hildebrand am Beispiel der geplanten Gegenfinanzierung. Ein 2000 Quadratmeter großes Stück Land an der Posener Straße sollte dafür als Bauland verkauft werden. Doch weil es ein Luftbild gebe, auf dem es mit Tannen bewaldet war, was aber seit Jahrzehnten nicht mehr der Fall sei, brauchte er die Genehmigung der Unteren Forstbehörde dafür.

Die sei nun mit Schreiben vom 14. Juni endgültig erteilt worden, und so stünde dem Grundstücksverkauf nichts mehr im Wege. „Man muss halt genügend Geduld haben“, sagt der erfahrene Bürgermeister. Eine Wiederaufforstung an anderer Stelle sei allerdings noch notwendig.

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