Kreis Pinneberg

Großbaustelle Pinneberger Bahnhof – so geht’s weiter

| Lesedauer: 7 Minuten
Katja Engler
Das historische Empfangsgebäude von 1844 stilvoll saniert, daneben ein lichter Anbau der sich unterordnet: So soll es einmal aussehen.

Das historische Empfangsgebäude von 1844 stilvoll saniert, daneben ein lichter Anbau der sich unterordnet: So soll es einmal aussehen.

Foto: Stationova DB / HA

Eingangsdächer fertig, Aufzüge bald in Betrieb, historisches Empfangsgebäude in Planung. Bei einem Vorhaben hakt es aber.

Pinneberg.  Am Pinneberger Bahnhof wird unverändert intensiv gearbeitet. Teilweise wurden neue Gleisbetten gelegt. Vor dem denkmalgeschützten Hauptgebäude-Komplex, der weitgehend abgesperrt ist, häufen sich Sand und Steine, die schönen, ovalen Eingangsdächer auf beiden Seiten der Gleise sind im Rohbau fertig. Zeit für eine genauere Besichtigung. Und die Frage, wie es vorangeht auf der kompliziertesten Baustelle in der Stadt.

Fahrgäste, die die S-Bahn benutzen und ihren Bus kriegen müssen – oder umgekehrt – sind nach wie vor angeschmiert. Denn fast täglich werden die rot-weißen Sperrgitter neu aufgestellt, verlaufen die Pfade durch den Baustellendschungel anders, und die Rennenden müssen rechtzeitig erkennen, welche Richtung sie sich durch die drängelnden Menschen bahnen müssen, weshalb sie noch weniger Zeit als sonst haben, um den Anschluss zu bekommen.

Wind- und Wetterschutz fehlt noch

Die Bahnsteige zu Gleis 4 und 5 sind jetzt so schick, wie sie seit Jahrzehnten nicht mehr waren. Der Bodenbelag wurde komplett erneuert, mit einem Blindenleitsystem ausgestattet und über eine Länge von 130 Metern überdacht. Nur dass die Wind- und Wetterhäuschen noch fehlen, macht sich bei bewegtem Wetter negativ bemerkbar. In Corona-Zeiten muten die beiden Treppenaufgänge umso mehr zu schmal an, da ist aber nichts zu machen, denn die Gleisbreite war nicht veränderbar. Das Gedränge wird etwas abnehmen, sobald die Aufzüge in Betrieb gehen.

Eine große Erleichterung für gehbehinderte und Lasten schleppende Menschen und natürlich für Eltern mit Kinderwagen wird es sein, wenn die voll verglasten, nahezu elegant zu nennenden Fahrstühle endlich auf und ab fahren. Das hat sich hingezogen, aber jetzt sind die Arbeiten an den Schächten der Aufzuganlagen fast beendet. Anfang Juni sollen die Aufzüge Süd und Nord in Betrieb genommen werden, die für Gleis 4 und 5 sollen Ende Juni fertig sein.

Wasserlachen stehen in der Unterführung

Im beinahe wahrsten Sinne des Wortes ein Wermutstropfen sind die Wasserlachen, die sich jetzt schon zum zweiten Mal in der Unterführung vor der breiten Treppe zum nördlichen Aufgang breit machen, sobald es geregnet hat. War die erste Ursache zwischenzeitlich behoben, machen sich jetzt die Folgen eines neuen Problems bemerkbar: „Aufgrund einer defekten Dichtung kommt es derzeit zu Wassereintritt in die neue Personenunterführung“, sagt eine Bahnsprecherin. Die Reparatur sei für die kommende Woche geplant.

Bereits installiert sind allerlei mit LED-Technik erleuchtete elektronische Anzeigetafeln. Welche S-Bahnen als nächstes losfahren und welche Züge in welche Richtung auf welchem Gleis halten, wird auf unterschiedlichen, auf Hochglanz polierten gläsernen Displays angezeigt.

Abgesehen davon, dass die Treppen, die Metallschienen daneben und die Wände der engen Zugangsschächte bereits jetzt, wenige Wochen nach der Einweihung, sehr schmutzig sind, bleibt die Frage nach dem Warum. Einer der Gründe könnte der Mangel an Abfallbehältern und die Enge auf der Treppe sein, die das Überschwappen von Kaffeebechern begünstigt. Aber da ist noch ein anderes Problem: Die brandneuen Wandpaneele, die die Architekten der Deutschen Bahn in unterschiedlichen Türkistönen entworfen hatten, sind inzwischen weitgehend angebracht, aber bereits vollgeschmiert.

Bahn will Sprayer per Videoüberwachung überführen

Kaum waren sie dran, haben Sprayer dort massenhaft ihre Tags aufgesprüht. Das sind keine Graffiti, sondern eine Art Unterschriftenkürzel. OZ lässt grüßen. Die Tags am Pinneberger Bahnhof sind an Fantasielosigkeit nicht mehr zu unterbieten und vom dem, was echte Graffitikünstler auf der Wand neben der Wasserskiarena oder beim S-Bahnhof Stellingen hinterlassen haben, Lichtjahre entfernt. Dass Jugendliche ebenso stümperhaft wie massiv die funkelnagelneuen Wände vollgeschmiert haben – hängt das mit den Aggressionen zusammen, die die Pandemiemaßnahmen ausgelöst haben?

Die Deutsche Bahn steht relativ machtlos davor: „Leider ist diese Art von Sachbeschädigung ein gesellschaftliches Problem und stellt nicht nur die Deutsche Bahn vor die Herausforderung, diese immer zeitnah zu beseitigen“, sagt die Bahnsprecherin. „Jeder Fall wird zu Anzeige gebracht. Eine Aufzeichnung mit Videokameras ist geplant.“

Empfangsgebäude bekommt einen Anbau

Standhaft geblieben gegen den Zahn der Zeit ist ein Bau aus dem 19. Jahrhundert, mit dem Pinneberg voller Stolz Schleswig-Holsteins ersten Bahnhof gebaut hatte. 1844 wurde er eingeweiht. Aus dieser Zeit stammt das beige-braun angestrichene, bescheidene Gebäude, das nach einem Umbau in den 1930er Jahren im jetzigen Zustand unter Denkmalschutz gestellt wurde. Dieses Gebäude soll ebenfalls „saniert“ werden. Der Sanierungsbegriff wird allerdings sehr frei in Richtung Moderne interpretiert.

Das alte, biederen Charme verströmende Empfangsgebäude wird einen Erweiterungspavillon erhalten, die zusammen ein Ensemble bilden sollen. Das Projekt befindet sich derzeit in der Phase der Ausführungsplanung. Die Bauarbeiten sollen in der ersten Jahreshälfte 2022 beginnen. „Das Bestandsgebäude wird in der unter Schutz gestellten äußeren Erscheinungsform von 1936 wiederhergestellt. Im Innern erfolgt ein weitestgehender Neuaufbau“, so die Bahnsprecherin. Im Erdgeschoss des Gebäudes wird eine Wartezone eingerichtet, von der es einen Zugang zum Bahnsteig 3 vor den Türen geben soll wie jetzt auch. Außerdem sollen dort eine öffentliche Toilettenanlage und ein kleines Bistro eingerichtet werden. Im Obergeschoss haben Büros und Aufenthaltsräume Platz. Schade. Irgendwie waren die hölzernen Schwingtüren schön. Aber wohl nicht alt genug.

Denkmalschützer geben grünes Licht

Das Amt für Denkmalschutz wurde voll in die Sanierungsplanung einbezogen. Die Begründung für die Genehmigung schildert die Denkmalschützerin des Kreises, Antje Metzner: „Im Inneren des historischen Gebäudes hatten in den 60er-Jahren einschneidende Umbaumaßnahmen stattgefunden, sodass nur noch wenig historische Bausubstanz vorhanden war. Diese Veränderungen prägten den Bahnhof nicht, sodass bei der Abwägung (...) die Belange der Nutzer berücksichtigt wurden. Aus Sicht der Denkmalschutzbehörden sind die geplanten Maßnahmen zulässig, solange das äußere Erscheinungsbild erhalten bleibt.“

Der neue Erweiterungspavillon soll in seiner Form mit den beiden schon errichteten Zugangsdächern der neuen Unterführung korrespondieren: „Die Fassade des Stahlbetonskelettbaus wird weitestgehend transparent gestaltet, um vielfältige Sichtbeziehungen zu ermöglichen“, sagt die Bahnsprecherin. In diesem Gebäude werden neben weiteren Technik- und Aufenthaltsräumen und einem Minirestaurant das Reisezentrum und die Bahnhofsbuchhandlung untergebracht. Die Denkmalschützer sind einverstanden: „Die transparente, moderne Gestaltung des neuen Pavillons hebt sich deutlich von der historischen Bausubstanz ab und ordnet sich dieser unter, sodass keine wesentliche Beeinträchtigung des denkmalgeschützten Gebäudes zu erwarten ist“, sagt Antje Metzner.

Einzig beim Bau des Fahrradhauses mit Minimarkt scheint es keinen Schritt weiterzugehen. Wie schon 2020 von der Bürgermeisterin Urte Steinberg heißt es dazu aus der Pressestelle der Deutschen Bahn: „Das Projekt Nahversorger/Fahrradparkhaus befindet sich in Abstimmung zwischen der Nah.sh, der Stadt Pinneberg und der DB AG.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg