50 Jahre – 50 Wochen

Der Plan: eine S-Bahn bis nach Elmshorn

| Lesedauer: 12 Minuten
Nico Binde
Eine Ausgabe der Pinneberger Zeitung aus dem Jahr 1978.

Eine Ausgabe der Pinneberger Zeitung aus dem Jahr 1978.

Foto: Alexander Sulanke

Diesmal geht es um 1978, als Volksparteien noch Volksparteien waren und der „Hoffnungsträger der Deutschen“ einflog

Kreis Pinneberg.  Abtrünnige Seelen gibt es immer. Das ist heute nicht anders als vor 43 Jahren. Wer hat Gerhard W. erschlagen? Diese Frage beschäftigt im Januar 1978 den ganzen Kreis. Ein feiger und zunächst rätselhafter Raubmord an einem 71 Jahre alten Rentner aus Schenefeld lässt das Jahr blutig beginnen. Die Spurenlage ist dünn, nach der Tat hatte es geschneit. Und anfangs ist das Motiv völlig unklar, denn der getötete Mann galt als mittellos.

Fast einen Monat dauert die Suche nach den Tätern, die dem Senior in der Nacht zum 14. Januar nach einem Kneipenbesuch aufgelauert haben. Mysteriös: Nach der Tat ruft ein Täter immer wieder bei der Polizei an. Am Ende waren es zwei zwielichtige Hamburger – ein Arbeiter und ein weltmännischer Blender –, die ihr Opfer in der Tatnacht um 10.000 D-Mark erleichterten, nachdem sie das versteckte Geld in der Wohnung gefunden hatten. Ein Mörder wird im Februar gefasst, der andere sogar bei Aktenzeichen XY gesucht. Im April wird er in Gießen festgenommen.

Manche Dinge ändern sich eben nie. Das gilt auch für den Kreisfeuerwehrverband. Bis heute sitzt die Zentrale in Tornesch-Ahrenlohe. Im Februar 1978 wird dort die dritte Ausbaustufe gezündet und in Betrieb genommen. Unter großem Jubel aller Beteiligten. Auch die Rettungsleitstelle des Kreises wird im Frühjahr 1978 eingeweiht – inzwischen ist sie für vier Kreise verantwortlich.

Hamburger auf der Jagd nach PI-Kennzeichen

Heute kaum noch vorstellbar: Wegen der Versicherungsvorteile im Kreis boomt das PI-Kennzeichen. Es ist so beliebt wie nie zuvor (und wohl nie wieder danach). Viele Hamburger melden hier Führerschein und Auto an. Ergebnis: 11.000 Fahrzeug- und 5000 Führerscheinzulassungen binnen eines Jahres. Rekord!

In Wedel dagegen fühlt man sich schon 1978 an Diskussionen von heute erinnert. Es wird emotional um eine Südumgehungsstraße gestritten. So emotional, dass manche Bürger mit dem Boykott der Kommunalwahl drohen. Die sogenannte Kreiswahl ist überhaupt das Thema des Frühjahrs: Sogar Helmut Kohl, als „Hoffnungsträger der Deutschen“ bezeichnet, kommt als Wahlkämpfer mit dem Privatjet aus Bonn, um sich im Pinneberger „Cap Polonio“ von 700 Christdemokraten feiern und „30 kommunistischen Gegendemonstranten“ beschimpfen zu lassen. Diese Zeitung spricht von einer „machtvollen Demonstration der CDU“.

Bei der Wahl selbst sind Volksparteien 1978 tatsächlich noch Volksparteien: Die CDU gewinnt die Kreiswahl mit 49 Prozent vor der SPD mit 40 Prozent. Heute wären beide politischen Lager wahrscheinlich schon mit der Hälfte zufrieden. Überschattet wird die Wahl von verschwundenen Wahlzetteln in Schenefeld – Rathaus und Bundespost schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

An einem Strang ziehen hingegen Kreis und Land, um die „Lange Anna“ als Naturdenkmal Helgolands zu retten. Im März 1978 werden erstmals Sicherungsmaßnahmen an dem einsturzgefährdeten roten Felsen in Auftrag gegeben. Anscheinend mit Erfolg: Das Wahrzeichen von Deutschlands einziger Hochseeinsel steht bis heute. Die Sicherungsbauten ziehen sich bis weit vor die Insel. Die Kreisbewohner haben mit Spenden kräftig mitgeholfen.

Weithin sichtbar sind auch heute noch die Uetersener Hochhäuser an der Klosterkoppel. Doch im April 1978 ist der Plan der Neuen Heimat vom „Eigentum auf der Etage“ noch nicht aufgegangen. Fast alle der 98 Wohnungen eines Blocks stehen leer, nur sechs sind verkauft. Ein echtes Geisterhochhaus. Nach dem Abendblatt-Bericht setzt allerdings ein Run auf die Wohnungen ein. Heute ist die Belegung deutlich dichter.

Weltmeister kommen – Quickborn im „Fußballfieber“

Noch dichter ist das Gedränge im April 1978 vor dem Quickborner Sporthotel. Für vier Tage hat sich der amtierende Fußballweltmeister angesagt – mit Berti Vogts, Sepp Meyer, Uwe Seeler und Helmut Schön. „Nationalspieler ständig umlagert“, heißt es in dieser Zeitung. Quickborn sei im „Fußballfieber“. Dabei spiegelt sich die „gute alte Zeit“ auch auf der Speisekarte zum Begrüßungsessen der Fußballer: „Doppelte Kraftbrühe mit Ei“ oder „Pariser Schnitzel mit Kaisererbsen und Kroketten“. Lecker!

Nicht weniger als ein Fußgängerparadies wird unterdessen in Pinneberg geplant. Das „Verkehrschaos“ an der oberen Dingstätte zwischen Drostei und Lindenplatz soll ein Ende haben – die Straße wird zur Fußgängerzone, motorisiertes Blech muss draußen bleiben. Die Kosten werden von Bürgermeister Hans-Hermann Kath mit 270.000 Mark angegeben, inklusive Anpflanzungen von Kugelahorn. Eröffnung: im Herbst.

Ein Pferd! Ein Pferd! Das soll die englische Königin Elisabeth II. aus der Holsteiner Zucht in Elmshorn erhalten. Das Gespannpferd wird der Königin bei ihrem Staatsbesuch im Mai in Kiel vorgeführt – es kostet 25.000 Mark und soll von dort an am englischen Hof seinen Dienst tun. Name: unbekannt. Staatsgeheimnis.

Im Frühsommer 1978 scheint sich der Kreis mehr und mehr seines Erholungswertes bewusst zu werden. In Quickborn gibt es erste zaghafte Bemühungen, das Himmelmoor für Besucher zu öffnen. Einen Schritt weiter ist man in Holm. Am 27. Mai eröffnet das Erholungsgebiet „Holmer Sandberge“.

Immer mehr Hamburger ziehen in den Kreis

Mitten in einer Hitzewelle Anfang Juni mit mehreren Tagen über 30 Grad und ärztlichen Warnungen („Diese Hitze ist gefährlich nicht nur für Kranke“) macht sich das Land Sorgen über die Abwanderung aus der Großstadt Hamburg. Denn besonders betroffen vom Zuzug: der Kreis Pinneberg. Infrastruktur und Wohnungsmarkt ächzen unter Stadtflucht. Das Bauland verteuert sich aus heutiger Sicht dennoch fast niedlich: 300 Mark für einen Quadratmeter in Wedel. Hitze und Sorgen nutzt am 6. Juni 1978 in Rellingen auch ein Bankräuber für einen Überraschungsüberfall mit einer Spielzeugpistole. Beute: 6400 Mark.

Ein Dauerbrenner nimmt im Juni 1978 ebenfalls Fahrt auf. Der Kreis drängt auf den Weiterbau der S-Bahn bis nach Elmshorn. Ein Gutachten soll der Forderung Nachdruck verleihen. Ergebnis 43 Jahre später: Es fährt noch immer keine S-Bahn nach Elmshorn. Ein weiterer revolutionärer Vorschlag, der sich im Juni 1978 Bahn bricht, hat da mehr Erfolg: Raucherzimmer sollen aus Schulen verschwinden. Ergebnis 43 Jahre später: Keine Raucherzimmer mehr da.

Feuer frei ist dagegen das Motto eines Brandstifters in Quickborn. In knapp einem halben Jahr hat er die Stadt mit mehr als 40 gelegten Bränden in Angst und Schrecken versetzt. Sogar eine Schutzwehr hat sich gegründet. Der junge „Feuerteufel“ kann erst spät überführt werden. Das Bild der schon damals in Verruf geratenen „Jugend von heute“ komplettieren Gerüchte aus dem Halstenbeker Jugendclub. Der ähnele einer „Haschhöhle“.

Auch die Elbe ist 1978 nicht gut beleumundet. Im Gegenteil: Ihr Wasser gilt als verseucht und dreckig. In Wedel herrscht striktes Badeverbot. Doch das interessiert in der zweiten Hitzewelle des Jahres die wenigsten Besucher. Im August schlagen sie alle Warnungen vor Hautinfektionen in den Wind – und kühlen sich im Mief des Flusses. Diese Zeitung titelt fast angewidert: „Hunderte baden in der schmutzigen Elbe!“

Zwei Flugzeuge kollidieren am Flugplatz Uetersen

Ebenfalls in die Hunderte geht nach der Reform des Paragrafen 218 die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche im Kreis. 504 sind es zwei Jahre nach der umstrittenen Gesetzesnovelle – die meisten Frauen sind jünger als 30. Im August rollt zudem eine – verglichen mit heutigen Maßstäben – kleine Epidemie über den Kreis. Der Grund sind Salmonellen. Etliche Kreisbewohner leiden.

Mit einem tragischen Flugzeugunglück beginnt der Herbst im Kreis. Am Sonntag, 3. September, stoßen zwei Maschinen in 230 Meter Höhe beim Landeanflug auf den Flugplatz Uetersen zusammen. Ursache ist menschliches Versagen. Drei Menschen sterben. Ebenfalls im September macht sich im Kreis erstmals der „Pillenknick“ an den Schulen bemerkbar – 350 Erstklässler weniger als im Jahr zuvor sind der erste Rückgang der Schülerzahlen seit Jahrzehnten.

Schon 1978 beweist die Stadt Elmshorn ihr spezielles Gespür für Werbung. Lange vor „supernormal“ erregt ein Plakat auf 350 Litfaßsäulen die Gemüter. Darauf gesteht eine splitternackte 23-Jährige: „Ich kann nirgends schneller einkaufen...“, um ein Bild weiter mit frischen Klamotten am Leib zu vollenden „...als in Elmshorn“. Ein Mann aus Pinneberg erstattet Anzeige wegen Schamverletzung. Der Witz: Das Plakat hängt überall im Kreis, nur nicht in Elmshorn.

Wie gut, dass kurze Zeit später wenigstens in Pinneberg für Recht und Ordnung gesorgt wird. 1978 wird die Polizeiwache an der Elmshorner Straße in Auftrag gegeben – als „modernstes Polizeigebäude Schleswig-Holsteins“ für 9,3 Millionen Mark. Einen weiteren Grund zum Feiern gibt es in der City: Tatsächlich wird die neue Fußgängerzone Pinnebergs Anfang Oktober eingeweiht. Mehr als 60.000 Menschen wollten die autofreie Dingstätte erleben. In der Zeitung heißt es: „Glückliches Pinneberg – es erlebte ein Innenstadtfest.“

Historisches passiert Ende Oktober auch in der Haseldorfer Marsch. Nach den verheerenden Fluten von 1962 und 1976 wird der neue, 12,1 Kilometer lange Deich fertig. Er soll die 40.000 Menschen dahinter effektiv schützen und wurde um knapp zwei Meter erhöht. Kosten: 65 Millionen Mark.

1978 endet mit einem Jahrhundertwinter

Heute eine Institution im Kulturbereich, doch erst 1978 werden die Weichen dafür gestellt: die Drostei in Pinneberg. Im November kündigt Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg (CDU) an, das Gebäude wegen seiner Bedeutung für den Kreis für den Umbau zum Kulturzentrum freizugeben – allerdings wechselt der Besitz vom Land auf den Kreis erst vier Jahre später. In Wedel wird derweil der Bau des Freibades beschlossen – bedeutungsschwerer Alliterationstitel: „Wedeler Welle“.

Blödel-Barde, so alliterarisch wird Mike Krüger, der bis heute wahrscheinlich bekannteste Quickborner, vor mehr als 40 Jahren noch ungestraft genannt. Damals ist er sich nicht zu schade, ein Preisausschreiben bei den örtlichen Stadtwerken vor Ort auszulosen. Und das sieben Wochen vor der Geburt seines ersten Kindes und nur ein paar Monate vor der Eröffnung des Rathauses! Ja, es ist Dezember 1978.

Das Jahr endet dann mit dem beginnenden Jahrhundertwinter. Am 30. Dezember lautete die Schlagzeile bereits: „Chaos! Morgens gegen vier Uhr überfielen uns Schnee und Eis.“ Heute wissen wir: Es waren nur die Vorboten eines bis heute denkwürdigen Winters. Aber das ist eine andere Geschichte, und zwar die des Jahres 1979.

Viel schöner ist da die Geschichte, die kurz vor Weihnachten 1978 in Pinneberg kursiert. Die Stadtbücherei ehrt den Schriftsteller Werner von der Schulenburg anlässlich seines 100. Geburtstages. Auf den in Pinneberg geborenen Autor geht nämlich der Satz zurück: „Der Geburtsort Pinneberg kann nur durch einen Tod in Palermo wettgemacht werden.“ Genau genommen wurde ihm dieser Satz in abfälliger Absicht eingeflüstert, worauf von der Schulenburg sagte: „Alle Anzapfungen wegen des Namens meiner Geburtsstadt lassen mich kühl.“ Er habe dem Spötter etwas geantwortet, das so ähnlich klang wie „Lago Maggiore“. Fand dieser aber geschmacklos und lehnte
es ab.

Von der Schulenburg selbst starb 1958 in Neggio in der Schweiz. Also immerhin fast in Italien.

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