Elmshorn/Itzehoe

Mordprozess: Ein Dolmetscher fehlt – eine Zeugin auch

| Lesedauer: 4 Minuten
Arne Kolarczyk
Der Angeklagte Maxim R. soll in Elmshorn im September 2020 den neuen Freund seiner Ex-Frau umgebracht haben.

Der Angeklagte Maxim R. soll in Elmshorn im September 2020 den neuen Freund seiner Ex-Frau umgebracht haben.

Foto: Arne Kolarczyk

Der sechste Verhandlungstag des Prozesses, in dem es darum geht, wer Viktor W. erschlagen hat, gestaltete sich schwierig.

Elmshorn/Itzehoe.  Es war am Freitag der sechste Prozesstag um den Mord an Viktor W. in einer Parkanlage in Elmshorn. Und er verlief völlig anders als von den Verantwortlichen des Landgerichts in Itzehoe geplant. Eine Serie von Pleiten, Pech und Pannen begleitete die Prozessbeteiligten – und machte deutlich, wie zäh die Wahrheitsfindung sein kann. Ein Urteil wird jetzt erst im Juni erwartet.

Auf der Anklagebank sitzt Maxim R. (33) aus Elmshorn. Er soll Viktor W. (32) in der Nacht zum 23. September 2020 in einem kleinen Park im Elmshorner Stadtteil Hainholz vor den Augen eines Bekannten des Opfers regelrecht zu Tode geprügelt haben – und zwar aus Eifersucht. Das Opfer war mit der Ex-Ehefrau von Maxim R. liiert. Deren Aussage war am Freitag geplant – und wurde mit Spannung erwartet. Aber der Reihe nach.

Zunächst hatte die Schwurgerichtskammer Vadim H. als Zeugen geladen. Er wohnt im fünften Stock eines Wohnblocks am Hainholzer Damm – ebenso wie der Angeklagte. Der 52-Jährige sollte von einer Beobachtung aus der Tatnacht berichten. Allerdings konnte er schon die Frage nach seinem Alter nur nach mehrmaligem Stellen beantworten. Bei der nächsten Frage, ob er mit dem Angeklagten verwandt oder verschwägert sei, zuckte Vadim H. nur ratlos mit den Achseln.

Der Grund lag in den fehlenden Deutschkenntnissen des Elmshorners. Einen Dolmetscher hatte das Gericht jedoch nicht bestellt, da in den Akten der Hinweis fehlte, dass der Zeuge nur Russisch spricht. Ein gerichtsbekannter Dolmetscher hatte erst mehrere Stunden später Zeit, sodass die Vernehmung zunächst abgebrochen werden musste.

Als Nächstes sollte dann Ella R. aussagen, die Ex-Ehefrau des Angeklagten. Die war von Zuschauern bereits mit einer Zigarette in der Hand vor dem Gebäude des Landgerichts gesehen worden. Als ihr Name jedoch aufgerufen wurde, war der Flur des Gerichts leer. Warum die Zeugin verschwand, blieb unklar. Weder auf Handy noch zu Hause war sie im Anschluss für die Richter erreichbar. Jetzt soll sie zu einem der nächsten Termine erneut geladen werden.

„Solch eine Gewalt sieht man selten“

Die Aussage der Ex-Frau ist insofern von Bedeutung, weil sie zu angeblichen Eifersuchtsattacken des Angeklagten gehört werden soll. Verteidiger Siegfried Schäfer ist der Überzeugung, dass sein Mandant aus krankhafter Eifersucht gehandelt hat und daher milder zu bestrafen sei. Bei einer Verurteilung wegen Mordes ist eine lebenslange Gefängnisstrafe die zwangsläufige Folge.

Auf Antrag der Verteidigung hat die Kammer den Psychiater und Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin des Klinikums Itzehoe, Arno Deister, als Gutachter zur Frage des angeblichen Eifersuchtswahns bestellt. Der nahm am Freitag erstmals an der Verhandlung teil und hatte zwischendurch auch mit dem Angeklagten in der JVA Itzehoe über die Tat sprechen können. Deister hat auch eine erste Stellungnahme zu der Frage abgegeben, die am Freitag jedoch noch nicht thematisiert wurde. Offenbar fiel sie jedoch nicht zur Zufriedenheit der Verteidigung aus. So sprach Verteidiger Schäfer süffisant von einem „angeblichen Gutachten“. Er kündigte an, dass sein Mandant nach einem weiteren Termin mit dem Psychiater ein Geständnis ablegen wird.

Nach dem Ausfall der Ex-Ehefrau und dem Eintreffen des Dolmetschers konnte dann am Mittag immerhin Vadim H. vernommen werden. Er gab an, gegen 4.30 Uhr in der Tatnacht durch die Geräusche des Rettungshubschraubers aufgewacht und auf den Balkon gegangen zu sein. Auf dem Nachbarbalkon habe er Maxim R. beim Rauchen gesehen. Unterhalten hätten sie sich nicht. Der Angeklagte habe dunkle Kleidung getragen und gehinkt, weil er einige Tage zuvor einen Unfall hatte und einen Spezialschuh tragen musste.

Eine Beschreibung, die auf den Täter passt. Bereits am fünften Prozesstag hatte Jan Peter Sperhake vom UKE über die Obduktion des Opfers berichtet. Viktor W. habe mindestens sieben Kopftreffer mit einem harten Gegenstand, eventuell einer Eisenstange, davongetragen. „Solch eine Gewalt sieht man selten“, so Sperhake. Durch die schweren Verletzungen sei das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt worden, zudem habe das Opfer viel Blut verloren. Die massiven Kopftreffer hätten schnell zum Tod des 32-Jährigen geführt. Er sei lediglich noch einige Tage künstlich am Leben gehalten worden, um Organtransplantationen zu ermöglichen.

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