Kreis Pinneberg

Weltkonzern räumt illegale Altreifen-Deponie

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Burkhard Fuchs
Berge von Gummi: Das illegale Reifenlager in Groß Offenseth-Aspern aus der Nähe.

Berge von Gummi: Das illegale Reifenlager in Groß Offenseth-Aspern aus der Nähe.

Foto: Burkhard Fuchs

Nach jahrelangen Querelen um 8000 Tonnen Sondermüll in Groß Offenseth-Aspern löst Tochterunternehmen von Continental das Problem.

Kreis Pinneberg.  Die illegale Altreifendeponiein Groß Offenseth-Aspern nördlich von Barmstedt wird jetzt tatsächlich aufgelöst. Damit wird der Kreis ein enormes Gefahrenpotenzial los, das durch die Rauch- und Qualm-Entwicklung bei einem Brandfall zur großflächigen Evakuierung von Barmstedt hätte führen können. Die öffentliche Ausschreibung des Umweltministeriums für eine Teilräumung des etwa einen Hektar großen Geländes an der Hauptstraße nahe der Kreuzung zur Dorfstraße hatte Erfolg. Die REG Reifen-Entsorgungsgesellschaft (REG) mbH hat den Zuschlag für den Millionen-Auftrag erhalten.

Das eigens auf die Entsorgung von Altreifen spezialisierte Tochterunternehmen des Reifenherstellers Continental in Hannover wird im April oder Mai mit dem Abtransport der dort seit mehr als 20 Jahren gelagerten Reifen beginnen. Abtransportiert und fachmännisch entsorgt werden soll mindestens die Hälfte der dort auf einem Privatgrundstück haushoch gelagerten Altreifen, deren Menge auf 8000 Tonnen geschätzt wird. Dadurch sollen sogenannte Brandgassen geschaffen werden, die beim Ausbruch eines Feuers das Löschen des Gummimaterials möglich machen, wie Continental-Sprecherin Sarah Steingrube auf Abendblatt-Anfrage mitteilt.

„Eine Auflage für die Auftragsvergabe bestand darin, die Restmenge so anzuordnen, dass ausreichende Brandgassen geschaffen werden, um ein Übergreifen auf weitere verbliebene Mengen zu verhindern und ausreichende Zuwege für mögliche Löscheinsätze sicherzustellen.“ Es sei aber auch möglich, dass alle dort gelagerten Altreifen entfernt werden, so die Unternehmenssprecherin. „Diese Entscheidung wird der Auftraggeber im Verlauf der Teilräumung treffen.“

Nach jahrelangem Stillstand und Hickhack zwischen dem Eigentümer der illegalen Deponie und den Behörden hatte der Umweltausschuss des Kreistages vor zwei Jahren wieder Bewegung in die Sache gebracht. „Für uns besteht hier ein hohes Risiko für Mensch und Umwelt“, sagte der Umweltausschussvorsitzende Thomas Grabau. Der damalige Landrat Oliver Stolz und auch der Kreiswehrführer Frank Homrich, der zugleich Landesbrandmeister ist, hatten sich dann entschieden beim Umweltministerium dafür eingesetzt, dass das Reifenlager endlich verschwinden möge.

Wie berichtet, ist im Februar dieses Jahres die Teilräumung öffentlich ausgeschrieben worden. „Dem Land haben vier wertungsfähige Angebote vorgelegen“, teilt Martin Schmidt als Sprecher der zuständigen Landesamtes für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) dazu auf Nachfrage mit. „Die Arbeiten sollen innerhalb der nächsten zwei Monate beginnen und bis spätestens Ende des Jahres abgeschlossen sein.“ Die Kosten würden unterhalb der gutachterlich geschätzten 1,4 Millionen Euro bleiben.

Reifenlager 1987 als illegale Deponie entstanden

Inwieweit der Eigentümer der Reifendeponie in dem kleinen Dorf mit seinen etwa 400 Einwohnern finanziell beteiligt werden kann, steht noch nicht fest. Ebenso wenig, ob er als Entschädigung enteignet werden kann. Behördensprecher Schmidt: „Das Land wird in Ersatzvornahme jetzt die notwendige Maßnahme zur Gefahrenabwehr durchführen. Wie es dann weitergeht, wird mit allen Beteiligten, auch dem Kreis und der Gemeinde, weiter zu erörtern sein.“ Er betont aber auch: „Wir werden in jedem Fall versuchen, die verauslagten Mittel vom Eigentümer zurück zu erhalten.“

Das Reifenlager war nach Angaben der Kreisverwaltung 1987 ungenehmigt aus einem Autoverwertungsbetrieb entstanden, wogegen der Kreis 1991 erstmals bauordnungsrechtlich eingeschritten war. Als das Lager bis 1999 eine bestimmte Größe erreichte, war nach den Vorschriften des Bundesimmissionsschutzgesetzes nun aber das LLUR zuständig. Dieses erteilte dem Betreiber 2001 tatsächlich eine Betriebsgenehmigung, die aber an bestimmte Sicherheitsauflagen gebunden war. Insbesondere sollten Brandgassen zwischen den Altreifenbergen geschaffen werden. Da der Betreiber fortwährend diese Auflagen nicht einhielt, widerrief das LLUR 2007 die Betriebsgenehmigung. Danach versuchten die Behörden bis heute vergeblich, zumindest eine teilweise Räumung des Reifenlagers zu erreichen

Der Eigentümer, ein ehemaliger Schrott- und Autohändler, erklärte dem Abendblatt, dass der Verkauf der Altreifen für die Zementindustrie für ihn plötzlich ins Stocken geraten und er so auf der Deponie sitzen geblieben sei. Rund 20 Jahre lang habe er jedes Jahr etwa 10.000 Tonnen Altreifen an die Zementindustrie geliefert. Bis im Jahr 2004 durch die BSE-Krise Tiermehl als günstigerer Ersatzbrennstoff auftauchte und ihm so der Absatzmarkt wegbrach. „Das ist super gelaufen bis 2004.“ Er versicherte, dass er das Grundstück an das Land zum Ausgleich lastenfrei übergeben wolle.

Reifen sollen in Zementwerk als Brennstoff eingesetzt werden

Die Altreifen selbst werden nach Angaben der Landesbehörde nun zunächst nach Bremen transportiert und dort zerkleinert und von Störstoffen befreit. „Anschließend werden sie zusammen mit anderen ähnlichen Abfällen bis zum Zustandekommen einer Schiffstransportmenge gelagert und dann in einem dafür zugelassenen türkischen Zementwerk als Ersatzbrennstoff eingesetzt“, teilt LLUR-Sprecher Schmidt mit. „Für das Zementwerk war die grundsätzliche Einhaltung europäischer Standards nachzuweisen.“

Continental-Sprecherin Steingrube sagt: „Die Entsorgung wird von langjährigen Partnerunternehmen abgewickelt, deren Zuverlässigkeit sich bewährt hat. Eine entsprechende Zertifizierung ist Voraussetzung.“ Wegen des Zustandes und des Alters der Altreifen käme nur noch eine thermische Verwertung, also Verbrennung für die Energiegewinnung des verarbeitenden Gewerbes infrage. „Die Altreifen eignen sich aufgrund ihres Alters leider nicht mehr für die stoffliche Zersetzung, damit die Bestandteile zum Beispiel für den Bau von Neureifen genutzt werden könnten.“

Der Reifenhersteller Continental, der weltweit 200.000 Menschen beschäftigt, sei 1992 das erste Unternehmen in Deutschland gewesen, das sich mit Gründung der REG einer umweltgerechten Reifenentsorgung verschrieben habe. „Heute schätzen neben gummiverarbeitenden Industrieunternehmen auch viele Reifenfachhandelsketten, Autohäuser, Werkstätten, aber auch Kommunen und Privatpersonen den Service der REG“, sagt sie. „Entsorgungen dieser Größenordnung sind unser tägliches Geschäft.“ Jährlich würde ihr zertifiziertes Tochter-Unternehmen rund 50.000 Tonnen Altreifen und andere Gummiabfälle fachgerecht entsorgen.

Die Entsorgung der Altreifen wird voraussichtlich drei Monate dauern. Täglich sollen dann etwa 70 Tonnen Altgummi aus Groß Offenseth-Aspern abtransportiert werden.

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