Serie: 50 Jahre

1976: CDU führt heißen Bundestagswahlkampf

| Lesedauer: 11 Minuten
Alexandra Schrader
Die Ausgabe der Pinneberger Zeitung vom 14. Juni 1976.

Die Ausgabe der Pinneberger Zeitung vom 14. Juni 1976.

Foto: Alexandra Schrader

50 Jahre in 50 Wochen. Diesmal: 1976, als die Union auf den Machtwechsel in Bonn hofft und Thermometer Temperaturrekorde zeigen.

Kreis Pinneberg Das Jahr 1976 beginnt mit einem einschneidenden Ereignis: Gleich in der ersten Januarwoche wird der Norden und mit ihm der Kreis Pinneberg von einer Sturmflut erschüttert. Vom „schlimmsten Wochenende in der Geschichte des Kreises“ ist in der „Pinneberger Zeitung“ die Rede. Zwischen Hetlingen und Holm bricht der Deich am 3. Januar zehnmal, vier bis zu 100 Meter lange Lücken reißt der Orkan hinein. Das Wasser steigt an diesem Sonnabend auf eine Höhe von 6,25 Metern über dem normalen Hochwasser.

1000 Helfer versuchen, die Schäden der Flut mit fast 200.000 Sandsäcken so gering wie möglich zu halten. Trotzdem türmen sich nach dem Sturm 100 Schiffswracks im Hamburger Yachthafen, die Anlage des Schulauer Hafens in Wedel ist zur Hälfte zerstört. Viele Menschen werden in ihren Häusern eingeschlossen und müssen befreit werden, körperlich zu Schaden kommt aber niemand. Häuser und Höfe sind verwüstet. Die Frage, warum der neue Deich zwischen Scholenfleth und Wedel noch nicht fertig ist, steht im Raum. Wäre er, wie geplant, Ende des vorherigen Jahres fertig geworden, hätte viel Elend verhindert werden können, heißt es einige Tage nach der Katastrophe in der „Pinneberger Zeitung“.

Auch für die Landwirte ist es kein sorgenfreies Jahr: Vor der Dürreperiode im Sommer lässt der Frost die Obstbauern bereits im Winter um ihre Pflanzen bangen.

Ab April erscheint die „Pinneberger Zeitung“ täglich

Der Kreis Pinneberg selbst ist ebenfalls in Not – und zwar in finanzieller: 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen entlassen werden, davon 85 Reinigungskräfte. Die Debatte wird den Kreis noch einige Monate beschäftigen.

Die Bäcker wollen zu Beginn des Jahres die Brötchenpreise um zehn Prozent erhöhen, weil Mehl und Mitarbeiter teurer geworden sind. „Über 80 Mark für Mehl, so viel habe ich noch nie für einen Doppelzentner bezahlt“, sagt Bäckermeister Heinz Schlüter der „Pinneberger Zeitung“.

Im März geraten alte und neue Strukturen im Kreis in die Kritik: In Schenefeld wird über die niedrigen Gehälter der städtischen Reinigungskräfte diskutiert, während überall im Kreis Probleme mit der neuen Organisation der Müllabfuhr auftreten. Seit Anfang des Jahres wird diese nicht mehr von den einzelnen Kommunen, sondern vom Kreis organisiert. Es sei ein „gravierender Nachteil“, dass die Wedeler ihre Mülltonnen jetzt selbst an die Straße stellen müssten.

Der vierte Monat des Jahres startet für die „Pinneberger Zeitung“ mit frischem Wind: Sie erscheint ab jetzt täglich, dafür ist das Seitenformat vorläufig geschrumpft. Die guten Nachrichten bleiben jedoch erst mal aus - vier Gärtner sterben in Ellerbek, nachdem sie Pflanzengift aus einer vermeintlichen Flasche Rum getrunken haben. Es handele sich eindeutig um einen Unfall, schreiben die Redakteure.

Die Opfer der Januarflut warten noch immer auf ihre Entschädigung und werden langsam ungeduldig.

Lichtblick: Ein 61-jähriger Wedeler wird Deutscher Meister im Billard. Auf einem Schwarz-Weiß-Bild blickt er mit ordentlich zurückgekämmten Haaren konzentriert an dem Queue in seiner Hand entlang.

Die Bebauung im Kreis schreitet voran: Schenefeld bekommt ein Hotel, in Quickborn gibt es Diskussionen über den Standort des neuen Rathauses, und in der „Pinneberger Zeitung“ ist gar die Rede von einem „Bauboom in Pinneberg“.

Abendblatt berichtet von einem „Jahrhundertsommer“

Wie in den vorherigen Jahren gehen die Diskussionen über die Nutzung des Krupunder Sees in Halstenbek weiter: Ab jetzt dürfen Angelvereinsmitglieder hier Fische fangen. „Karpfen, Aale, Hechte und Weißfische“ könnten hier geangelt werden, heißt es. Das ehemalige Strandbad bleibt aber für den Großteil der Öffentlichkeit, wie in den 14 Jahren zuvor, geschlossen. Bis 1962 war der Krupunder ein beliebtes Ausflugsziel, mit teilweise mehreren Tausend Badegästen an einem Tag. 1964 wurde er unter Landschaftsschutz gestellt.

Als „Sorgenmonat“ bezeichnet die „Pinneberger Zeitung“ den Mai 1976. Auch für die Redakteurinnen und Redakteure selbst. Denn die Drucker und Setzer streiken, was bedeutet: Es gibt zwei Wochen keine Zeitung.

Der Leiter der Pinneberger Aldi-Filiale verschwindet mit 12.000 angeblich gestohlenen D-Mark ins Nachbarland Dänemark.

Während die Temperaturen bis auf 30 Grad Celsius ansteigen, legt die Uetersener SPD-Stadträtin ihr Amt nieder, nachdem sie der Erbschleicherei beschuldigt worden ist. Ein Skandal, dessen Aufklärung sich über die folgenden Monate hinzieht.

Außerdem kommt ans Licht: Sechs Wedeler Haushalte haben 20 Jahre lang für die städtische Kanalisation bezahlt, an die ihre Häuser nie angeschlossen waren.

Das Abendblatt berichtet von einem „Jahrhundertsommer“, der die Kreisbewohner weiterhin mit „tropischen Temperaturen“ zum Schwitzen bringt.

Die Visionen sind groß - Pinneberg soll eine Fernuniversitätsstadt werden. Eine Kooperation zwischen der Pinneberger Volkshochschule und der Uni Hagen in Nordrhein-Westfalen soll dies ermöglichen und der Stadt so den Status der „Uni-Stadt“ zubilligen.

Anstatt 85 städtische Reinigungskräfte will die CDU-Kreistagsfraktion nur noch 58 entlassen. Die Debatte über die Entlassung der Angestellten eskaliert in einer Kreistagssitzung und muss bereits nach 14 Minuten wegen Beschlussunfähigkeit abgebrochen werden.

Nach Angaben der Polizei treiben im Kreis Mitglieder der internationalen Mafia ihr Unwesen. Sieben schwere Einbrüche mit einer Beute von fast 100.000 Mark sollen sie begangen haben.

CDU wirbt um Stimmen für Bundestagswahl

Angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl versucht die CDU, Wählerstimmen zu gewinnen. Sie tritt unter anderem mit dem Wirtschafts- und Verkehrsminister Jürgen Westphal auf, der auch Kreisvorsitzender der Pinneberger CDU ist, um an den heißen Tagen Blumen, Prospekte und Eis für die Kinder zu verteilen. 350 Eis, 350 Blumensträuße, 5000 Fähnchen, 5000 Luftballons und weitere Werbeartikel werden verschenkt. Die Aktion ist in gewisser Weise erfolgreich: In Pinneberg werden nach dem Wochenende fast 100 Beitrittserklärungen abgefragt.

Wegen der anhaltenden Hitze fürchten die Landwirte zur Jahresmitte um ihre Ernte, Regen ist nicht in Sicht. In der Rugenbergener Mühle in Bönningstedt schockiert die Bürgerinnen und Bürger ein Bombenalarm, der sich jedoch als Täuschung entpuppt. 150.000 Teile Gebäck werden zu diesem Zeitpunkt jeden Tag in der Mühle produziert.

In Schenefeld sorgt der umstrittene Fall einer Heiratsvermittlung für Schlagzeilen: „Schenefelder kaufte Ehefrau in Bangkok“. Ein 20-Jähriger bezahlte 6000 Mark für eine Thailänderin. Er „heiratete“ sie dort und reiste schließlich mit ihr in seine Heimat. Der Heiratsvermittler ist inhaftiert worden, da Verdacht auf Menschenhandel und Betrug besteht. Zuvor hatte sich herausgestellt, dass die Thailänderin eigentlich als Prostituierte arbeitete und die Eheschließung in Südostasien nicht rechtsgültig war.

Im August kommt die Debatte über die Entlassung der Reinigungskräfte endlich zu einem Ergebnis: Der Kreistag beschließt, dass 48 der Angestellten gehen müssen. Sie sollen für einen geringeren Lohn in den privaten Bereich wechseln.

Die Arbeitslosenzahl im Kreis sinkt. Aber die Hälfte der Kfz-Lehrlinge fällt durch die Gesellenprüfung.

Skurril: Eine Frau will ein Versprechen einlösen und „(fast) nackt“ auf einem Schimmel um die Rellinger Kirche reiten. Auf der Titelseite der „Pinneberger Zeitung“ wird die Aktion mit Uhrzeit angekündigt. Ob sie wirklich stattfindet, bleibt unklar.

Der Sommer neigt sich dem Ende zu, das politische Jahresereignis verspricht dafür einen neuen Beginn: Die Bundestagswahl rückt näher und bringt Altkanzler Ludwig Erhard (CDU) nach Pinneberg, wo er seinen einzigen Wahlkampfauftritt im Hotel Cap Polonio hat, um für die CDU zu werben. Sein Besuch ist eine Sensation: Fast 1000 Menschen kommen, um den 79-Jährigen zu sehen.

Die Sonderbeilage „Herbst- und Wintermodebummel 76“ der „Pinneberger Zeitung“ informiert die Pinnebergerinnen, was in den kommenden Monaten im Trend ist. „Am Abend trägt man gerne Seidenjersey“, lautet eine Überschrift.

20 Tonnen Birnen auf der Autobahn 7

Die Millionen-Pleite der Pinneberger Firma Massivbau Otto Becken sorgt im Oktober für eine Schlagzeile, und auch die Stahlbaufirma Twisselmann ist einen Monat später insolvent. Trotz Finanzspritzen und Krediten der Kieler Landesbank gibt es für Letztere keine Rettung mehr, 230 Mitarbeiter müssen gehen.

Hamburgs Randgemeinden wenden sich zudem gegen den Tangentenring, eine Autobahn, die von Wedel über Pinneberg nach Norderstedt und weiter über Ahrensburg bis nach Glinde führen soll. Die Sorge vieler Menschen: Die vierspurige Autobahn werde Landschaft und Orte zerstören.

Am 8. Oktober gibt es auf der Autobahn 7 ein Obst-Desaster: Ein Lastzug verliert in Höhe Quickborn 20 Tonnen Birnen. Fast viereinhalb Stunden lang ist die Autobahn von Früchten blockiert.

Für die Thailänderin aus Bangkok und den 20 Jahre alten Lagerarbeiter aus Schenefeld wendet sich das Blatt nun doch noch: In Dänemark konnten beide jetzt heiraten, für die Eheschließung in Deutschland fehlen noch Papiere.

Trotz des heißen CDU-Wahlkampfes: Nach der Wahl am 3. Oktober bleibt Helmut Schmidt Bundeskanzler, Reinhard Ueberhorst (SPD) erringt das Direktmandat im Wahlkreis Pinneberg. Die CDU geht leer aus.

Manchmal kann man sich über fehlende Zusammenarbeit wundern: Die Krückau soll nach der vom Wasser- und Bodenverband ohne Genehmigung durchgeführten Begradigung wieder krumm werden. Die Kreisverwaltung war nur durch Proteste von Umweltschützern auf den Eingriff in die Natur aufmerksam geworden, berichtet die „Pinneberger Zeitung“ im November.

Das Jahr 1976 geht zu Ende und hört auf, wie es begonnen hat – mit unerfreulichen Ereignissen: Bei einer Kollision mit einem Frachter in Wedel kentert das Küstenmotorschiff „Westwind“, vier Seeleute sterben. Nur der Mast guckt schließlich noch aus der Elbe.

Auch eine Frau stirbt im Pinneberger Krankenhaus, nachdem ihr während einer Operation anstatt Sauerstoff Lachgas zugeführt wurde. Bei einer Wartung waren zuvor zwei Schläuche vertauscht worden, der Fehler blieb bis zu dem Unfall unentdeckt.

Immerhin: Im Dezember fällt bereits der erste Schnee. Laut Prognose vom 31. Dezember werden die Pinneberger in der Silvesternacht Feuerwerk im Wert von 350.000 Mark in die Luft jagen.

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