Kreis Pinneberg

Sie sorgt für einen reibungslosen Bahnverkehr

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Arne Kolarczyk
Rieke Leitz-Fischer aus Rellingen arbeitet seit November 2019 als Fahrdienstleiterin im Stellwerk Pinneberg bei der Deutschen Bahn.

Rieke Leitz-Fischer aus Rellingen arbeitet seit November 2019 als Fahrdienstleiterin im Stellwerk Pinneberg bei der Deutschen Bahn.

Foto: Deutsche Bahn

Rieke Leitz-Fischer ist Fahrdienstleiterin im Stellwerk Pinneberg. DB sucht Quereinsteigerinnen wie sie.

Pinneberg.  Rieke Leitz-Fischer ist so etwas wie eine Lotsin – nur für Züge. Die 42 Jahre alte Rellingerin arbeitet seit knapp eineinhalb Jahren als Fahrdienstleiterin bei der Deutschen Bahn. Im Stellwerk in Pinneberg sorgt die gelernte Kfz-Mechanikerin dafür, dass der Bahnverkehr zwischen Hamburg-Eidelstedt und Elmshorn reibungslos verläuft.

Sechs Mitarbeiter arbeiten in dem unscheinbaren Häuschen in der Nähe des Pinneberger Bahnhofs, die Hälfte davon Frauen. Zuständig sind sie für alle Züge auf der Strecke, mit Ausnahme der S-Bahn. „Wir sind 365 Tage im Jahr rund um die Uhr im Drei-Schicht-Betrieb tätig“, erzählt die 42-Jährige. Sie kam als Quereinsteigerin zur Deutschen Bahn – ebenso wie ihre beiden Kolleginnen auch. „Wir bei der Bahn fördern Frauen in Führungspositionen“, sagt Bahnsprecherin Franziska Hentschke. Und das Unternehmen sei seit längerer Zeit auf der Suche nach Quereinsteigerinnen – gerade auch für den verantwortungsvollen Job als Fahrdienstleiterin.

Etwas Neues lernen, mehr Verantwortung tragen

Rieke Leitz-Fischer ist so eine Quereinsteigerin. Sie hat nach der Schulzeit in Hamburg Kfz-Mechanikerin gelernt, 2010 ihren Meister gemacht und war zuletzt im BMW-Werk in Leipzig beschäftigt. „Ich habe dort den i3 gebaut. Dann hat mich das Heimweh befallen, ich wollte wieder zurück in den Norden“, erzählt die 42-Jährige. Sie zog mit ihrem Mann nach Rellingen und sah sich im Hamburger Raum nach einem neuen Job um. „Ich wollte noch einmal etwas Neues lernen, wollte mehr Verantwortung tragen.“

Wie es der Zufall wollte, hatte Rieke Leitz-Fischer in eine Eisenbahnerfamilie eingeheiratet. „Meine Schwiegermutter ist Zugbegleiterin, mein Schwiegervater Fahrdienstleiter. Als ich ihn einmal im Stellwerk besucht habe, war mein Interesse geweckt.“ Die heute 42-Jährige bewarb sich bei der Bahn, wurde eingestellt und startete im April 2019 eine sechsmonatige Schulung zur Fahrdienstleitung. Nach erfolgreichem Abschluss übernahm sie am 1. November 2019 ihre erste Schicht im Stellwerk Pinneberg. „Damals war die Nervosität groß“, erinnert sich die Rellingerin.

Nervös ist sie heute nicht mehr. Aber sie ist sich jeden Tag ihrer Verantwortung bewusst. „Jede Entscheidung von mir kann im Extremfall Menschenleben kosten.“ 20 bis 30 Züge lotst die 42-Jährige über den ihr anvertrauten Streckenabschnitt zwischen Eidelstedt und Elmshorn – und zwar pro Stunde. „Ich stelle quasi die Fahrstraßen für die Züge ein.“ Rieke Leitz-Fischer stellt Weichen und Signale, hält ständigen Kontakt zu den Lokführern und prüft, ob sich die Schranken der Bahnübergänge auf ihrem Abschnitt geschlossen haben.

Technik schlägt Alarm, wenn es Probleme gibt

Bei allen diesen Aufgaben hilf ihr „Kollege Technik“. Eine Zugnummermeldeanlage zeigt ihr an, welche Züge sich in ihrem Streckenabschnitt befinden. Wo genau welcher Zug gerade ist, sagen ihr Kontakte in den Gleisen. Jede Zugnummer wird nur einmal am Tag vergeben, um Verwechslungen auszuschließen. Ob ein Zug steht oder sich in Bewegung gesetzt hat, wie die Signale für welchen Zug stehen – all dies kann die 42-Jährige per Bildschirm überwachen. Früher hatten die klassischen Stellwerker noch Blickkontakt zu den Zügen auf ihren Bahnhöfen. Heute sehen zumindest die Fahrdienstleiter nur noch Nummern und Farblinien auf ihren Bildschirmen.

Für jeden Zug bekommt die Fahrdienstleiterin, die in ständigem Kontakt mit der für sie zuständigen Betriebszentrale der Bahn in Hannover steht, einen Fahrplan, der das vorgesehene Gleis, die geplanten Haltepunkte oder im Falle von Gütertransporten die Ladung beinhaltet. Auf Basis all dieser Daten weist die Fahrdienstleiterin den Zügen sogenannte Fahrstraßen zu, wobei sich in jedem definierten Abschnitt nur ein Zug befinden darf. Ihre Entscheidungen werden von der Technik überprüft. Sind sie logisch und plausibel, stellen sich die Signale für die Lokführer auf Fahrt.

Die Technik schlägt auch Alarm, wenn es Probleme gibt. „Dann hupt, klingelt oder schellt es ganz laut.“ Die Störungen – wenn sie denn auftreten – treiben den Puls der Fahrdienstleiterin in die Höhe. Stürzt ein Baum auf die Oberleitung, spielen plötzlich Kinder an den Gleisen, streikt eine Lok oder lässt sich eine Weiche nicht mehr stellen – dann ist für Rieke Leitz-Fischer schnelles Handeln gefragt. Dann heißt es Gleise sperren, Züge umleiten, die Lokführer sofort informieren. „Einige Dinge kann ich dank der Technik selber beheben, für andere habe ich ein großes Sicherheitsnetz im Hintergrund.“

Rieke Leitz-Fischer hat ihre Berufswahl nie bereut. „Das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.“ Sie reizt es, mehr Verantwortung zu tragen und mit vielen Menschen zu tun zu haben. Das Arbeiten im Schichtdienst, wozu auch regelmäßige Nachtdienste und Zwölf-Stunden-Schichten am Sonntag gehören, macht ihr nichts aus. „Eine regelmäßige Arbeitszeit von 8 bis 16 Uhr, in der ich immer das gleiche mache, ist für mich nicht vorstellbar.“ Ihr Job werde nie langweilig, so die 42-Jährige, die mit dem Fahrrad ihren neuen Arbeitsplatz erreichen kann.

Im Netz Hamburg der Deutschen Bahn arbeiten etwa 80 Prozent Männer und nur ein Fünftel Frauen als Fahrdienstleiter. Damit mehr Frauen in Führungspositionen kommen können, beteiligt sich auch Rieke Leitz-Fischer an der Kampagne des Unternehmens. So gab es Mitte März einen Tag des Quereinstiegs für Frauen bei der Deutschen Bahn, bei dem die 42-Jährige in einer Online-Schalte interessierten Bewerberinnen ihre Tätigkeit und ihren Arbeitsplatz vorstellte.

In der Eisenbahnerfamilie, in der die Rellingerin eingeheiratet hat, hat es kürzlich Zuwachs gegeben. Inzwischen arbeitet auch ihr Mann für die Deutsche Bahn – und zwar als Zugbegleiter.

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