Kreis Pinneberg

Nach Tod seiner Frau: Mit 88 gibt „Harley-Opa“ noch Vollgas

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Katharina Haug
Peter Schneider (88) mit seiner Harley-Davidson Electric Glide, Baujahr 2005. Im Seitenwagen fahren Sandsäcke mit, damit das Gespann sicher auf der Straße liegt.

Peter Schneider (88) mit seiner Harley-Davidson Electric Glide, Baujahr 2005. Im Seitenwagen fahren Sandsäcke mit, damit das Gespann sicher auf der Straße liegt.

Foto: Privat / Privvat

Peter Schneider aus Bilsen führt ein im Wortsinn bewegtes Leben, in dem Mobilität eine große Rolle spielt. Wie es dazu kam.

Kreis Pinneberg.  „Ich scharre vor lauter Vorfreude schon mit den Füßen“ sagt Peter Schneider. Der Frühling ist da, und das bedeutet: Es geht wieder los! Mit seinen 88 Jahren gehört Schneider zu der wachsenden Gruppe Angegrauter, die sich ins Motorradfahren verguckt haben – beziehungsweise wieder verguckt haben. „Knapp 50 Jahre hatte ich Fahrverbot, meine Ehefrau hat es nicht geduldet.“ 2003 starb sie. „Da war meine Freiheit wieder da“, sagt Schneider mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Von einem Nachbarsjungen leiht er sich damals ein Motorrad, fährt in seinem Heimatort Bilsen durch die Straßen und merkte schnell, dass er es „noch drauf hat“. Beim ADAC in Lüneburg absolviert er einen mehrstündigen Auffrischungskursus, einen Führerschein hat er seit seinem 18. Lebensjahr.

Kreis Pinneberg: „Harley-Opa“ kaufte gebrauchtes Motorrad

Schneider erwirbt einige gebrauchte Maschinen, bis ihn sein Enkel mit dem Harley-Davidson-Virus infiziert. „Ich bin mit seiner Maschine ein paar Stunden durch den Kreis Pinneberg gedüst, das hat mir sehr gefallen“, sagt Schneider. Zu seinem 80. Geburtstag wünscht er sich eine Harley-Davidson-Tour durch die USA, logischerweise auch auf der Route 66. Mit drei Harleys und einem großen Wohnmobil startet Schneider im Mai 2014 mit seinem Enkel, seinem Schwiegersohn und einem Freund der Familie die Reise. „Ich glaube, drei Generationen-Motorradtouren gibt es nicht so häufig.“ Nur wenige Enkel dürften einen „Harley-Opa“ haben.

Eine Electric Glide, Baujahr 2005, mit Seitenwagen nennt er jetzt sein Eigen. Es ist nicht seine jetzige Lebensgefährtin, die vor Touren im Beiwagen Platz nimmt. „Da sind Sandsäcke drin“, erklärt er. „Solo zu fahren ist mir zu gefährlich“. Der Beiwagen biete ihm mehr Stabilität, Ausrutscher führen nicht zum Sturz. Aber auch Gespannfahren ist etwas Besonderes, erklärt er: Gibt man Gas, zieht es die Fuhre nach rechts. Tritt man auf die Bremse, kriegt das Gespann Linksdrall. Asymmetrisches Fahrverhalten nennen das die Physiker – Schneider nennt es ganz einfach Spaß.

88-Jähriger testet Fahrtüchtigkeit durch den TÜV

Zu Beginn jeder Saison lässt Schneider seine Fahrtüchtigkeit durch den TÜV oder eine Fahrschule testen. Heute fährt er nicht mehr viel. Auf etwa 400 Kilometer kommt er pro Jahr, und alles unter 100 Kilometer pro Stunde. „Ich cruise durch die Gegend, ganz langsam.“ Unangestrengtes Bewegen an der frischen Luft ist sein Ding. Seine letzte große Tour war nach Sylt, natürlich zur Harley-Davidson-Summertime-Party.

Englische Bezeichnungen wie cruisen oder Party verwendet Schneider wie selbstverständlich, amerikanische Städtenamen spricht er ohne „German Accent“. Denn 1955 verlässt Schneider seine Geburtsstadt Hamburg. „Ich musste einfach los! Nach Kanada. Ob es Fernweh war, Neugier oder Flucht aus dem täglichen Einerlei – ich weiß es nicht mehr.“

Motorrad-Fan arbeitete für Coca Cola

Zunächst aber beginnt er in Hamburg eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann. Da ist er 15. Drei Jahre Kolonialwaren, danach geht er zu Coca Cola. Das in Deutschland noch fremde Getränk soll dem Verbraucher näher gebracht werden. Er besucht Lebensmittelgeschäfte, Gaststätten und Kantinen und „bedrängt“ die Chefs dort so lange, bis sie Coca Cola zum Verkauf anbieten.

„Wir wurden zweimal in der Woche geschult, besser gesagt: gedrillt“, erinnert er sich. Er hat Erfolg, ihm wird ein eigener Verkaufsbezirk zugeteilt. Er organisiert die Anlieferung und den Verkauf der Limonade bei HSV-Spielen am Rothenbaum und in der ehemaligen Ernst-Merck-Halle, der in den 50er-Jahren größten Halle für Veranstaltungen wie „Holiday On Ice“, Spiele der Harlem Globetrotters oder Konzerte. „Vermutlich weckten derartige Veranstaltungen die Neugier auf ferne Länder in mir. Da ich in den USA keinen Bürgen hatte, leitete ich 1954 den Sprung über den großen Teich nach Kanada ein.“

Tellerwäscher, Sattelschlepper, Elektroschweißer

Mit der Überfahrt auf dem ehemaligen Truppentransporter SS „Columbia“ beginnt sein spannender Lebenslauf in Kanada, der sich liest wie der eines Rastlosen. Er schlägt häufig neue Wege ein, ist Tellerwäscher, arbeitet in der Druckerei einer Lokalzeitschrift, fährt Sattelschlepper, fertigt Treppengeländer an. Zwischendrin, bei einem Heimaturlaub in Hamburg, belegt er einen Kursus für Elektroschweißen und findet noch die Zeit, seine langjährige Freundin Gisela zu heiraten. Gemeinsam kehren sie zurück nach Toronto.

Als Elektroschweißer findet er schnell einen Job, ebenso wie seine Ehefrau, die für ein Kabelbau-Unternehmen tätig ist. „Zweimal pro Woche gingen wir ins Kino, je zwei Filme, dreieinhalb Stunden, um unser Englisch zu verbessern. Unsere Leben verlief unbeschwert.“ Die erste Tochter wird geboren. Nach einer kurzen Anstellung als Milchmann wechselt Schneider als Fahrer zu Coca Cola.

Familie verlässt Kanada und kehr zurück nach Europa

Nach fünf Jahren verlässt die Familie Kanada und erreicht am 31. Oktober 1961 Europa. Sie kaufen ein Grundstück in Bilsen, bauen ein Haus, die zweite Tochter kommt zur Welt. Während es andere mit Familie und Eigenheim etwas ruhiger angehen lassen, startet Schneider nochmals durch: Im Kreis Pinneberg liefert er Kaffee an Lebensmittelgeschäfte und findet wenig später eine Anstellung in einem Unternehmen, das ganzheitliche Ladenbausysteme herstellt.

„Meine Einzelhandelslehre, meine handwerklichen Fähigkeiten aus Kanada sowie das Wissen, wie ein moderner Supermarkt auszusehen hat, machte aus mir einen fachkundigen Ladeneinrichter. Attraktive Verkaufsräume zu schaffen, ganz nach dem Vorbild der USA, wird zu seiner Aufgabe, als Schneider zum Edeka-Konzern wechselt. „Heute haben wir das Ziel mit unseren Supermärkten und Einkaufszentren so gut wie erreicht“, sagt er und schmunzelt.

1973 tauscht Schneider also Krawatte wieder gegen Blaumann

Doch damit nicht genug: Mit einem Freund beschließt Schneider, in Hamburg einen Auspuffschnelldienst zu eröffnen und Anhänger zum Verleih anzubieten. „In Kanada hatte ich gesehen, dass Auspuff-Spezialdienste erfolgreich existieren“, erklärt er. 1973 tauscht er also Krawatte wieder gegen Blaumann und macht sich mit anfänglich drei Werkstätten in Hamburg selbstständig. Auch hier laufen die Geschäft gut.

Es gibt viele kuriose und lustige Begebenheiten, an die sich Peter Schneider noch im Detail erinnern kann. Daran zum Beispiel, dass er nur knapp einer Verhaftung in Kanada entgeht, als er an einem Sonntag in einem Wald einen Hasen erschießt – Jagen ist sonntags dort grundsätzlich verboten. Oder daran, wie ihm die Stadt Hamburg ein ungewöhnliches Angebot macht: Seine an staureichen Stellen der Stadt aufgestellten Werbeanhänger solle er aus dem Verkehr ziehen. Als Gegenleistung legen Polizisten den sogenannten Knöllchen seine Visitenkarte bei. „Das war die ertragreichste Vereinbarung, die ich in meinem langjährigen Geschäftsleben gemacht habe.“

Schneider ist kein Mann, der Sätze mit „Früher haben wir aber...“ beginnt oder mit „Früher was alles besser“ beendet. „Ich lebe jetzt und ich bin zufrieden“. Trotzdem erzählt er gern aus der Vergangenheit und hat sogar eine Biografie geschrieben. „My Life“ ist im Januar erschienen, Auflage 50 Stück. Gedacht ist das Werk für seine Familie: für seine drei Töchter, drei Enkel, drei Urenkeln sowie weitere Nachkommen und Freunde. „Meine Eltern haben nichts hinterlassen. In den jungen Jahren vergisst man zu fragen, was einen später interessiert. Ich weiß von meinen Eltern sehr, sehr wenig. Mit dem Buch will ich meine Lebensgeschichte vor dem Vergessenwerden bewahren.“

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