Kreis Pinneberg

Kunst im Beutel – Aktion startet erneut durch

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Katja Engler
Diese Kulturbeutel wurden bereits gepackt, die Künstlerin Mioq (hinten links) hat die Idee mit geboren, Drosteichefin Stefanie Fricke richtet die Aktion über den Kulturknotenpunkt aus.

Diese Kulturbeutel wurden bereits gepackt, die Künstlerin Mioq (hinten links) hat die Idee mit geboren, Drosteichefin Stefanie Fricke richtet die Aktion über den Kulturknotenpunkt aus.

Foto: Katja Engler

Vor fünf Jahren entstand die Idee der Kulturbeutel: Jeder, der Lust hat, kann so Teil einer Ausstellung werden.

Kreis Pinneberg. Jeder Mensch sollte Künstler sein, hatte der Frühromantiker Novalis Ende des 18. Jahrhunderts geschrieben. Der Ausspruch „Jeder Mensch ist ein Künstler!“ stammt von Josef Beuys im 20. Jahrhundert. Beuys war der Überzeugung, dass Menschen Teil eines Ganzen sind und über ihr gemeinsames Wirken zu einer so genannten „sozialen Plastik“ werden. Das Projekt „Kultur im Beutel“ knüpft dort an. Jeder kann einen Sack packen, in dem Objekte, Notizen oder Zeichnungen den eigenen Kulturbegriff für andere zeigen.

Das aktuelle Projekt „Kultur im Beutel“ geht jetzt von der Drostei, dem Kulturknotenpunkt und dem Verein Kulturwerk Schleswig-Holstein aus. Es spinnt die Aussagen von Novalis und Beuys ins 21. Jahrhundert fort.

Für ihre bisherigen erfolgreichen Netzwerk-Aktivitäten im norddeutschen Raum wurde Drosteichefin Stefanie Fricke gerade damit belohnt, dass die Drostei erneut als Kulturknotenpunkt vom Land unterstützt wird und für diese Arbeit 40.000 Euro jährlich extra erhält. Die Künstlerin Mioq ist als Vertreterin des Vereins Kulturwerk ebenfalls an Bord. Auf einer Autofahrt hatten Mioq und ihre Künstler-Kolleginnen Cornelia Regelsberger, Birgit Bornemann und HannaH Rau schon 2018 die Idee für den Kulturbeutel ausgeheckt und mit dem Kulturwerk in ein Projekt gegossen.

Seitdem kann jeder mitmachen und ist herzlich dazu eingeladen, sich zu beteiligen, unabhängig davon, ob er oder sie eine künstlerische Ausbildung hat oder nicht. Denn in der großen Altersspanne und der Gratwanderung zwischen Laienhaftigkeit und Professionalität liegt ein großer Reiz des Projekts. „Gerade die Kleinen haben das hier aufgemischt“, erinnert sich Mioq an die Arbeit mit Kindern, „die waren sehr aktiv.“ Auch in diesem Jahr soll eine Kulturkonferenz mit Schülern stattfinden.

Wer einen Kulturbeutel bestücken möchte, kann damit zunächst in seiner eigenen Gemeinde an die Öffentlichkeit gehen, ihn vielleicht gemeinsam mit anderen in einem Schaukasten für Veranstaltungen ausstellen, in einem Hofladen eine Mini-Schau dafür organisieren oder den eigenen Kulturbeutel zuhause ins Fenster stellen. Später soll er dann an die Drostei geschickt oder dort persönlich abgegeben werden.

Praktischerweise werden auf diesem Weg alle, die mitmachen zum Teil eines Gemeinschaftsprojekts. Ein Foto des Kulturbeutel-Fensters kann dann an post@kulturwerk-sh.de geschickt, Plakate und Flyer dazu angefordert werden. Im Sommer 2022 ist eine große Ausstellung in der Drostei geplant, in der die physisch vorhandenen Kulturbeutel gezeigt werden.

Alle Einsendungen werden in einem Katalog dokumentiert. Auch das Hamburger Abendblatt wird einen Kulturbeutel bestücken. Als Kulturgut im Beutel soll es eines der großen Redaktionsfenster zum Lindenplatz schmücken. Denn was wäre eine Stadt, was wäre ein Land ohne Tageszeitung?

Mitgemacht haben bei der Kulturbeutel-Aktion Grundschüler ebenso wie alte Menschen, Profis ebenso wie Menschen, die noch nie etwas mit Kunst zu tun hatten. Was gehört für mich zur Kultur? Das ist die alle verbindende Frage.

Ein afghanischer Junge hat einen Fußball eingepackt und ein Foto seiner Freunde – das wertvollste, was es für ihn in der Welt gibt. Die Drostei ist auch vertreten: Ein großer eiserner Schlüssel liegt auf einem rosa Kulturbeutel, um „eine Welt aufzuschließen über die Kultur“, sagt Stefanie Fricke, die in ihrem Kulturzentrum Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und weitere kulturelle Ereignisse veranstaltet. Die bisherigen 120 Kulturbeutel waren schon auf diversen Wanderausstellungen im norddeutschen Raum zu sehen.

Stefanie Fricke wünscht sich, dass möglichst viele Erscheinungsformen von Kultur in die Beutel kommen, denn „die bringen etwas in uns zum Schwingen und lösen Kommunikation aus.“ Was ist es, was fehlt, gerade in Corona-Zeiten? Das ist womöglich die wichtigste Frage, die sich jeder stellt, der einen solchen Kulturbeutel packt. Denn die Kultur ist weitgehend aus der physischen Öffentlichkeit verbannt, Kultur kann im Beutel die Form von Hosenträgern haben, von gedruckten Büchern, einer Papierlaterne, ein Stück bemaltes Papier sein oder auch das Grundgesetz.

Alle Infos zu den Modalitäten von Anmeldung und Versand von Kulturbeuteln sind im Internet zu finden unter www.kulturwerk-sh.de. Fotos von Kulturbeuteln im Fenster oder anderswo im ländlichen Raum können per E-Mail geschickt werden an die Adresse: post@kulturwerk-sh.de.

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