Corona-Pandemie

Sportvereine im Kreis verlieren 6000 Mitglieder

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Ulrich Stückler
KSV-Mitarbeiter Mark Müller (l.) und Geschäftsführer Karsten Tiedemann haben die Meldezahlen der Vereine ausgewertet; mit ernüchterndem Ergebnis.

KSV-Mitarbeiter Mark Müller (l.) und Geschäftsführer Karsten Tiedemann haben die Meldezahlen der Vereine ausgewertet; mit ernüchterndem Ergebnis.

Foto: Ulrich Stückler

Kreissportverband hat Meldezahlen ausgewertet. Pinneberg schneidet im Landesvergleich schlecht ab.

Kreis Pinneberg.  Die blanken Zahlen sind ernüchternd. Seit Jahresbeginn erfassen beim Kreissportverband Pinneberg Geschäftsführer Karsten Tiedemann und Mitarbeiter Mark Müller die Mitglieder-Meldezahlen der Sportverein zum Stichtag 1. Januar 2021. Nun liegt die Übersicht vor. Das Fazit ist so alarmierend, wie es die Verbandsmitglieder befürchtet haben. Damit nicht genug: Die gravierenden Mitgliederverluste können auch auf die nähere Zukunft der Vereine erhebliche Auswirkungen haben.

„Wir haben im Kreis 5777 Mitglieder verloren, dies über alle Altersgruppen und alle Vereine hinweg betrachtet“,
sagt Mark Müller und hebt sofort den bedenklichsten Aspekt dieser Aufwertung hervor. „Wir haben auf die Altersgruppen geschaut. Die Altersgruppe null bis 26 Jahre steht für 59,58 Prozent aller Verluste. Die Allerjüngsten, die Altersgruppe von null bis sechs Jahren, machen dabei einen Anteil von 28,72 Prozent der Gesamtverluste aus; das finde ich sehr, sehr dramatisch. Das zeigt mir, dass Kinder gar nicht erst angemeldet oder sehr schnell beim Fehlen eines Angebots wieder abgemeldet wurden.“

Eine Sicht, der sich Karsten Tiedemann anschließt: „Das habe ich auch mit dem Landessportverband besprochen. Die Vermutung ist in der Tat die simple Formel: Angebot ist nicht mehr da – Kinder werden abgemeldet“, sagt der KSV-Geschäftsführer. „Die große Angst ist nun aber: Kommen diese Kinder auch wieder zurück? Wir müssen dafür Sorge tragen, dass dies geschieht. Denn das ist das Sporteinstiegsalter. Und wenn wir jetzt das nicht haben, dann haben wir für die Zukunft einen Jahrgang verloren.“

Dass hinter den Kindesabmeldungen auch eine wirtschaftliche Notlage von Familien stehen könne, dafür haben Müller und Tiedemann volles Verständnis, appellieren aber an die Eltern: „Wenden Sie sich an die Vereine, der KSV hat sich auch für den Einsatz der Bildungscard im Kreis Pinneberg stark gemacht. Es gibt immer Wege, Kinder zum Sport zu bringen.“

Wirtschaftlich problematisch sei auch oft die Situation für Jungerwachsene, die sich oft in Ausbildung und Studium befänden und sich gerade die höherpreisigen Fitness-Angebote der Vereine nicht leisten können.

Tiedemann: „Als Quintessenz daraus kann man sagen: Die Kreise, die Großvereine haben mit Kinder-/Jugendarbeit
und Fitness- oder Lifestyle-Sportarten, das sind die Verlierer dieser Geschichte. Und deswegen ordnet sich der Kreis Pinneberg mit 7,22 Prozent Mitgliederschwund zusammen mit den kreisfreien Städten deutlich schlechter als der Landesschnitt von 4,73 Prozent ein.“

Dass es mit dem Blick auf 2020 nicht getan ist, dass sich die Entwicklung des ersten Coronajahres ins laufende Jahr fortsetzt, betont Uwe Hönke, Geschäftsführer beim VfL Pinneberg. „Zum 1. April landen wir beim VfL bei 4276 Mitgliedschaften; das sind 699 oder rund 14 Prozent weniger als zum Vorjahreszeitpunkt“, sagt Hönke und bestätigt die Analyse des KSV zur den Altersgruppen. Der Rückgang bei den Kindern bis zu sechs Jahren sei mit rund einem Drittel dramatisch. „Das sind 144 Kinder, die keine motorische Grundausbildung erhalten und nicht das Schwimmen erlernen.“

Arne Hirsch, Geschäftsführer beim Elmshorner MTV, bestätigt Hönke: „Wir haben unverändert ein normales Austrittsgeschehen, eigentlich sogar leicht weniger Austritte als in vergleichbaren Zeiträumen, dem aber weiterhin nahezu keine Beitritte entgegenstehen“, sagt Hirsch. „Bei uns gilt in etwa die Grundregel: Je älter das Mitglied, desto gebundener an den Verein. Sorgen bereiten auch uns die jungen Mitglieder.“ Was an Angeboten möglich sei, besonders outdoor, werde umgesetzt. „Aber wir benötigen verlässliche Angebote, mit denen wir Eintrittswilligen ein Signal senden. Die Politik ist aufgefordert, Sport als Lösungshilfe in der Pandemiebekämpfung zu sehen. Sportler sind das Einhalten von Regeln gewöhnt, also auch von Hygieneregeln.“

Angebote, die die Vereine aber durch Gehälter finanzieren müssen. Nicht einfach bei anhaltendem Mitglieder- und Beitragsrückgang. „Auf Basis der Zahlen zum 1. April fehlen uns auf ein Jahr hochgerechnet knapp 300.000 Euro Beitragseinnahmen; das strukturelle Defizit ist noch einmal um rund 50.000 Euro angewachsen“, sagt Uwe Hönke, hat aber in dem Zusammenhang zumindest eine gute Nachricht: „Dem VfL ist ein positiver Bescheid über eine weitere Soforthilfe, nun aus dem zweiten Paket, in Höhe von 75.570 Euro zugegangen.“

Ein erfreulicher Vorgang, der aber Karsten Tiedemann mit einer dringlichen Forderung an die Politik auf den Plan ruft: „Ich halte es für unverzichtbar, dass die staatlichen Soforthilfen auch für Sportvereine mit Blick auf 2022 in eine weitere Runde gehen“, sagt der KSV-Geschäftsführer. „Wenn dann endlich wieder Normalität einziehen soll, brauchen die Vereine auch die Mittel, um ein Angebot auf die Beine zu stellen, das ihnen die verlorenen Mitglieder zurückbringt.“

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