Kreis Pinneberg

Wie der Krieg auf die Franzosenkoppel kam

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Burkhard Fuchs
Die ersten Soldaten marschieren über den Fliegerhorst Uetersen. Da ist die heutige Marseille-Kaserne noch nicht mal ganz fertig.

Die ersten Soldaten marschieren über den Fliegerhorst Uetersen. Da ist die heutige Marseille-Kaserne noch nicht mal ganz fertig.

Foto: Burkhard Fuchs

Hauke Heidecke schreibt ein Buch über die früheste Geschichte des Fliegerhorsts Uetersen, der heutigen Marseille-Kaserne.

Kreis Pinneberg.  Kriminelle Ermittlungsarbeit war 42 Jahre lang sein Hauptberuf bei der Hamburger Polizei – 25 Jahre davon im Streifendienst in St. Georg. Doch die aufwendigste Recherche betreibt Hauke Heidecke, der ehemalige Hauptkommissar des LKA, jetzt mit 60 Jahren im Ruhestand. Zusammen mit zwei Berufssoldaten – Stabsfeldwebel Thorsten Göpfert und Hauptmann Bennet Haker – arbeitet der Moorreger an einem Buch über den Fliegerhorst Uetersen, der heutigen Unteroffizierschule der Luftwaffe in Appen.

Seit nunmehr zwölf Jahren befragt Heidecke Zeitzeugen, sichtet Originaldokumente wie Bauakten und Protokolle, wälzt Archive, sammelt Fotos und überprüft sie mit alten und heutigen Luftaufnahmen. Und er ist mit früheren Soldaten der alliierten Streitkräfte und Hinweisgebern in aller Welt im ständigen Austausch. Mehr als 600 Seiten für ihr Buch „Vom Fliegerhorst zur Kasernenanlage“ haben die drei Hobbyforscher bereits zusammengetragen. Es ist eine einmalige historische Fleißarbeit über die Geschichte der heutigen Marseille-Kaserne, die bald nach dem ermordeten Piloten der 1977 entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“, Jürgen Schumann, umbenannt werden soll.

„Ich bin mit dem Fliegerhorst groß geworden“, sagt Heidecke über seine Motivation für diese akribische Arbeit des Nachforschens. In Moorrege geboren und im Ortsteil Oberglinde, wo sich auch das Freibad befindet, aufgewachsen, sei der Fliegerhorst ständig präsent gewesen. Denn in Oberglinde lebten und wohnten unmittelbar nach dem Krieg auch die Offiziere der britischen Besatzungsmacht. „Sie hatten dort ihre eigene Siedlung, weitgehend abgeschirmt von der deutschen Bevölkerung“, weiß Heidecke. Im Mai 1957 wird der Standort der Bundeswehr übertragen. Im Übergabeprotokoll des Landesbauamtes Itzehoe an die Bundesvermögensstelle Itzehoe heißt es: „Der bauliche Zustand ist gut.“

Im Laufe seiner historischen Ermittlungen konnte Heidecke einige überraschende Erkenntnisse über den Fliegerhorst zu Tage fördern. So gab es dort praktisch nie ein eigenes Unteroffiziersheim, auch wenn darin inzwischen seit Jahrzehnten jedes Jahr im März der bierselige Salvatorabend mit einigen Hundert geladenen Gästen aus der Region gefeiert wird. Dieser Trakt war damals doppelt spiegelverkehrt für die Mannschaftsgrade errichtet worden, wo sie sich ausruhen, stärken, vergnügen und kegeln konnten. Nur das Offiziersheim war auch damals schon vorhanden mit „Vorwärmtischen“, damit das Essen für die Kommandeure auch heiß genug war.

200 Aktenordner voller Baupläne sind noch erhalten

Den Schwerpunkt seiner Arbeit hat Heidecke auf die Anfänge des Fliegerhorstes in den 30er-Jahren gelegt. So wurde der Fliegerhorst ab 1935 auf einem 1000 Hektar großen Gelände praktisch aus dem Boden gestampft, das damals „Franzosenkoppel“ genannt wurde und im Ortsbereich von Appen, Heist und Moorrege liegt. Eine Heidenarbeit, wie die originalen Bauprotokolle belegen, von denen heute noch 200 DIN-A4-Ordner im Archiv der Unteroffizierschule und der Amtsverwaltung vorhanden sind.

Der Name Franzosenkoppel ergab sich aus einer Schenkung des Königs Christian VII. (1749–1808) von Dänemark und Norwegen, der den Herrschaften Monsieur et Madame de Noville und Monsieur le Marquis de Bailly hier 182 Hektar Heideland schenkte. Doch „das sandige und moorige Dünen- und Heidegelände wurde nicht besiedelt“, schreibt Heidecke.

Als die NS-Diktatur sofort systematisch mit der Aufrüstung beginnt, wird im Norden des Landes ein militärischer Fliegerhorst gesucht. Die Wahl fällt auf das unwegsame Gelände nordwestlich von Hamburg an der Unterelbe, wo sich seit 1933 bereits ein Segelflugplatz des Luftsportvereins Uetersen befindet. Im November 1934 empfiehlt der damalige Bürgermeister Hermann Dölling (NSDAP) aus Uetersen der Reichsregierung, hier einen militärischen Flughafen zu errichten. Im Januar 1935 trifft eine Kommission aus Berlin ein, um das Gelände auf seine seiner Eignung als Flughafen zu begutachten. Vorgesehen und geplant ist eine Gesamtfläche von 155 Hektar, davon für das Rollfeld allein 92 Hektar, das schließlich 1024 mal 700 Meter groß werden soll.

Projekt steht kurzzeitig auf der Kippe

Der Landwirt Otto Kahlke aus Uetersen, dem das Gelände gehört, ist allerdings nicht mit dem Ankauf durch den Reichsfiskus zu dem vorgeschlagenen Preis einverstanden und beschwert sich bei Reichsminister Rudolf Hess. Vergeblich. Die Eingabe wird im Januar 1937 vom Stellvertreter des Führers abgelehnt. Das „Gesetz über die Landbeschaffung für die Zwecke der Wehrmacht“ sei zulässig angewendet, wird dem Bauern beschieden.

So können im März 1935 die Landvermessungsarbeiten beginnen. Doch der sumpfige Untergrund verursacht größte Schwierigkeiten, sodass im Mai 1935 beinahe das ganze Projekt wieder aufgegeben wird. Stattdessen soll der Fliegerhorst in Glinde, östlich von Hamburg im Kreis Stormarn, errichtet werden. Doch es wird weitergearbeitet, auch wenn es immer wieder zu Verzögerungen und sogar Baustopps kommt, wie Autor Heidecke herausgefunden hat.

60.000 Kubikmeter Mutterboden müssen allein für die Planierung des Rollfeldes auf den sandigen Untergrund aufgetragen werden. 1600 Mann des Arbeitsdienstes sind mit der Arbeit beschäftigt. Um die Gebäude und Flugzeughallen zu errichten, werden bis zu zehn Meter lange Eisenbetonpfähle in den morastigen Boden gerammt. Am 1. April 1936 soll der Fliegerhorst fertiggestellt sein. Im Juni 1936 befinden sich alle 20 Gebäude noch im Bau, aber das erste Flugzeug landet bereits auf dem Fliegerhorst. Im August 1936 wird Richtfest gefeiert.

Um die Vielzahl an benötigten Arbeitskräften zu rekrutieren, werden bis zu 8000 Maurer, Zimmerleute und andere Facharbeiter aus ganz Norddeutschland angeworben und in den umliegenden Orten angesiedelt, vor allem in Uetersen. Heidecke hat dafür bisher unveröffentlichte Fotobelege von Arbeiterhäusern an Moltkestraße, Meßtorffstraße, Tantausallee und Ossenpadd entdeckt.

„Auch im Jahr 1937 war der Fliegerhorst immer noch eine große Baustelle“, schreibt Heidecke. Schlussendlich sei er eigentlich nie fertig geworden, weil dann der Krieg begann.

Und im Krieg spielt auch der Fliegerhorst eine wichtige strategische Rolle. Im April 1940 starten 40 Junkers-52-Maschinen von hier aus ihren Angriffskrieg gegen Norwegen – was sich der einheimischen Bevölkerung damit ankündigt, dass plötzlich Hunderte von Soldaten zu Fuß von den Bahnhöfen in Pinneberg und Uetersen zum Fliegerhorst marschieren.

Zwar gab es mal einen Luftangriff der Alliierten im Jahr 1943 mit zwei Toten, bei dem ein Gebäude zerstört worden sei, sagt Heidecke. Aber es scheint fast so, als ob der Fliegerhorst von den Alliierten Streitkräften geschont worden sei, wundert sich der Heimatforscher. Die ehemaligen Besatzungstruppen, die nach dem Krieg aus England und Kanada hier stationiert waren und sich bis vor wenigen Jahren noch als „Uetonias“ hier im hochbetagten Alter von an die 100 Jahren trafen, hätten jedenfalls ein beinahe liebevolles Verhältnis zum Fliegerhorst gepflegt. „Die hatten Tränen in den Augen, wenn sie bei Rundgängen erzählten, wo sie hier wohnten und was sie hier machten“, stellte Heidecke erstaunt fest.

So schwierig es bei der Recherche war, Vertrauen aufzubauen, um einheimische Zeitzeugen zu dieser dunklen Vergangenheit befragen, so professionell, fast herzlich sei der Austausch mit den ehemaligen Soldaten der Siegermächte gewesen. „Ich habe nie erlebt, dass einer nachtragend gewesen ist“, berichtet Heidecke. Offenbar konnte sich über die Kriegszeit hinaus eine Art von Völkerverständigung zwischen den ehemaligen Feinden entwickeln.

Erinnerungen an den Fliegerhorst seien in alle Welt zerstreut. Ein Fanfarentuch des Musikcorps Uetersen liege heute in einem Museum in Frankreich. Die originale Regimentsfahne des Fliegerhorstes hat Heidecke bei einem Sammler in Australien ausgemacht, der allerdings für eine Rückkehr eine astronomische Summe gefordert hätte.

Ihr gemeinsames Buchprojekt soll bis zum nächsten Jahr fertig sein, kündigt Heidecke an, der weiterhin für Hinweise und Zeitdokumente dankbar wäre, die ihm gerne unter der Telefonnummer 04122/833 80 ab 17 Uhr mitgeteilt oder angeboten werden können. Zudem appelliert der Forscher dieser Zeitgeschichte an die Verantwortlichen der Unteroffizierschule, die Bauten und Anlagen auf dem Fliegerhorst nicht zu zerstören. So sei die große Flugzeughalle 3 im Jahr 2014 abgerissen worden. Heidecke: „Unsere Überzeugung ist, wer Geschichte erklären will, sollte sie auch in ihrem Bestand zeigen können.“

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