Pinneberg

Ein Jubiläum ohne Applaus und Happy End

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Katja Engler
Große Szene aus Kleists Komödie "Der zerbrochne Krug" vor der erleuchteten Drostei.

Große Szene aus Kleists Komödie "Der zerbrochne Krug" vor der erleuchteten Drostei.

Foto: Forum Theater Pinneberg

Das Forum Theater begeht sein 25-jähriges Bestehen in aller Stille. Aber Pinnebergs Amateurmimen lassen den Kopf nicht hängen

Pinneberg.  Sieben Freunde waren es damals vor 25 Jahren, die das Forum Theater gegründet haben. Ihr Jubiläum fällt in die kulturell ausgedörrten Corona-Zeiten, weshalb umjubelte Premieren bislang ausfallen. Aber darauf aufmerksam machen – das können sie. Am Portal der seit vier Jahren geschlossenen Ernst-Paasch-Halle, ihrer ehemaligen Spielstätte, haben sie einen neuen Aushang angebracht. Darin erinnern sie ihre Fans daran, dass sie weiterhin aktiv sind. Irgendwann, so ihre Hoffnung, muss der Vorhang dieses Jahr doch wieder hochgehen!

Ihre Leidenschaft fürs Theaterspielen hat der harte Kern des Forum Theaters ganz jung in den Theater-AGs an der Theodor-Heuss-Schule und der Johannes-Brahms-Schule entdeckt. Kleckern lag ihnen damals wohl nicht, also versuchten sie es nach ihrer Stadtfest-Feuertaufe 1995 mit der Handwerkerszene aus Shakespeares „Sommernachtstraum“ gleich mit Klotzen: Im Sommer 1996 brachten sie Shakespeares Komödie „Viel Lärm um nichts“ heraus. Mit echten Pferden in historischen Kostümen hinter der Drostei vor 2500 Zuschauern. Ein Schauspiel, an das sich manch einer noch heute mit wohligem Freudenschauer erinnert.

Andreas Hettwer (heute 53), im Hauptberuf Softwareberater, war damals noch in der Jungen Union aktiv. Bald war es damit vorbei, denn als er gesehen hatte, wie geschätzte 50 Leute „wie ein Ameisenhaufen die Bühne aufgebaut haben“, war es um ihn geschehen, er verlor sein Herz ans Theater: „Ich hab so was immer vermisst: Dass die Leute für ihre Sache brennen!“ Schon im selben Jahr spielte er mit in dem Stück „Die fremde Stadt“, wo er sich zum ersten Mal traute, auf der Bühne laut zu brüllen. Es war damals völlig neu für ihn, „aus der eigenen seriösen Welt herauszutreten und sich in andere Menschen hineinzuversetzen, die sich anders fühlen als man selbst“.

Er merkte, dass er sich ausprobieren wollte, Dinge erleben, die ihm Spaß machen und in seinem normalen strukturierten Leben nicht stattfinden. Also legte er los. Seit es das Forum Theater gibt, sind 111 Stücke über die Rampe gegangen in insgesamt rund 440 Vorstellungen.

Die Corona-Zwangspause findet Hettwer „manchmal ganz gut, denn wenn man einen Fulltime-Job hat plus 20 Wochenstunden Theater spielt – da bleibt dann gar keine Zeit mehr für zu Hause.“ Zum Glück lebe er allein und könne tun und lassen, was er wolle. Aber langsam vermisst er die Bühne schon sehr. Gespielt werden Boulevardkomödien, Dramen, Krimis, Horrorstorys und Kammerspiele, historisch oder zeitgenössisch. Die Wahl der Stücke findet basisdemokratisch statt, jedes hat dann ein offenes Casting, zu dem sich theoretisch jeder bewerben kann. Kleines Dauerproblem: „Wir freuen uns über mehr Nachwuchs“, sagt Hettwer. Unter den 20- bis 35-Jährigen sei es hin und wieder etwas dünn.

Aber sonst bestehe das Forum Theater aus einem Bomben-Team: „Aus unserem Verein sind schon Ehen und Kinder hervorgegangen“, sagt er. Neben dem Forum Theater gibt es noch die Pinneberger Bühnen, von denen es sich einst abgespalten hat, dann die Waldenauer Speeldeel und die Musical Company – die Konkurrenz schläft nicht und ist gut fürs Geschäft. Außer in Corona-Zeiten, wo die Zwangspause voll in das junge Jahr ausgedehnt wird und die Stimmung der Kulturschaffenden auf den Nullpunkt absenkt.

120 Mitglieder hat der Verein des Forum Theaters, 19 Kinder haben sich in der Kindergruppe angemeldet, zwischen 30 und 40 Schauspieler stehen normalerweise im Wechsel auf der Bühne, außerdem Inspizienz, Souffleuse, Techniker, Bühnenarbeiter. „Aktionen, Probenwochenenden und private Freundschaften stärken den Zusammenhalt“, sagt Hettwer.

Und natürlich Missgeschicke. Über die können sich die, die dabei waren, noch Jahre später ausschütten vor Lachen. Wie war das noch, als ein älterer, etwas schwerhöriger Kollege in einem Stück, das im Mittelalter spielt, mit seiner Brille auf die Bühne tappte? Brillen gab es im Mittelalter doch gar nicht, und die Inspizientin versuchte verzweifelt, ihm zu bedeuten, dass die Brille runter muss. Bis ein Kind im Zuschauerraum ihn darauf aufmerksam machte.

Oder Hettwer selbst ließ sich auf ein Sofa fallen, das aus dem Sozialkaufhaus entliehen war – und saß auf dem Boden: Minutenlange Lachsalven folgten. „Das Schöne ist: Ich kann Mist machen, um etwas glaubwürdig zu verkörpern. Und bei den Proben zu lachen, bringt unheimlich viel Spaß und Energie!“ Weniger schön ist, wenn ein Kollege wegen eines Knochenbruchs ausfällt und ein anderer innerhalb von 48 Stunden den kompletten Text lernen muss, was naturgemäß unmöglich ist. Dieser Kollege hatte seine Texte dann auf einem Tablett liegen, „und überall waren Textstellen hingeklebt. Die Zuschauer haben es nicht übel genommen“, erzählt Hettwer.

Besonders gern erinnert er sich an die Aufführungen der Kindergruppe, etwa „Emil und die Detektive“. Da fiel Pony Hütchen plötzlich aus: „Die anderen Kinder haben das kompensiert durch Improvisation. Die waren so großartig!“

Er selbst sei früher „ein Schisser“ gewesen. Während seiner Ausbildung an der Unteroffiziersschule der Bundeswehr habe er hin und wieder vor seine Kameraden treten müssen: „Da war ich so schlecht!“ Am Theaterspielen sei er „immer mehr gewachsen“.

In den 25 Jahren hat er für die Bühne Fechten gelernt, Liebhaber, Karrieristen, Frauenversteher, Intriganten, notorische Verlierer und einen Transvestiten gespielt, Kindertheater gemacht, gesungen, getanzt und sich als Sheriff von Nottingham rücklings auf den Boden fallen lassen – alles für eine gelungene Aufführung. „Wir machen das für uns“, sagt Andreas Hettwer. „Weil es uns Spaß macht. Und für unsere Zuschauer, um ihnen das Leben zu versüßen.“

Die Stücke haben eine große Bandbreite, und die Raumgestaltung ist auch nicht das übliche Guckkasten-Einerlei: 2008 spielten sie „Mordprozess Faulkner“ inmitten der Zuschauer, die drumherum saßen. 2012 wurde „Robin Hood“ aufgeführt, und die Schauspieler kamen den Zuschauern im Sherwood Forest so nahe, dass sie zurückwichen, zum Beispiel vor den Degen in den täuschend echten Fechtszenen. Ganz modern ragte dann 2014 in dem Stück „Nach dem Regen“ ein Hochhausdach schräg ins Publikum.

Das neue Stück „Alles auf Krankenschein“ wäre im Frühling 2020 herausgekommen. Einen Schenkelklopfer nennt es Hettwer. „Einer, der das Publikum ins Theater zieht.“ Die Proben sollen jetzt, ein Jahr später als ursprünglich, losgehen, sobald es wieder erlaubt ist. Hettwer spielt eine Hauptrolle, einen von drei Ärzten. Zurzeit grübelt er darüber nach, wie er die Kussszene hygienekonform lösen soll: Mit einer Plexiglasscheibe zu seiner Partnerin, zwei Metern Abstand oder einer Bahn elegant ausgerollter Klarsichtfolie, die er sich übers Gesicht legt?

Fest steht: In der seit vier Jahren geschlossenen Ernst-Paasch-Halle, die mit Glück bald umgebaut wird, werden sie 2021 noch nicht spielen. Sondern im Ratssitzungssaal. Ein schöner Raum, aber keiner, der wirklich fürs Theaterspielen geeignet wäre.

„Die Ernst-Paasch-Halle ist wunderschön“, schwärmt Andreas Hettwer. Weil er diesen Ort so liebt, hat er nach der Schließung angefangen, Lotto zu spielen mit dem Versprechen: „Wenn ich 1,5 Millionen Euro gewinne, geht das Geld in die Halle!“ Vielleicht ist ihm das Glück ja gewogen...

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