Pinneberg

Was Pinnebergs neuer Jugendpfleger verändern will

| Lesedauer: 8 Minuten
Katja Engler
Timo Mohr (li.) hat als neuer Pinneberger Stadtjugendpfleger angefangen. Im Hintergrund sein Vorgänger Raimund Bohmann, der Sachgebietsleiter Jugend geworden ist.

Timo Mohr (li.) hat als neuer Pinneberger Stadtjugendpfleger angefangen. Im Hintergrund sein Vorgänger Raimund Bohmann, der Sachgebietsleiter Jugend geworden ist.

Foto: Katja Engler

In Corona-Zeiten hat Timo Mohr als neuer Jugendpfleger keinen leichten Start. Was der Nachfolger von Raimund Bohmann plant.

Pinneberg.  Es ist keine leichte Zeit, um als Stadtjugendpfleger einzusteigen. Da sind sich Timo Mohr (40) und sein Vorgänger Raimund Bohmann (59) einig. Aber es gibt eine Menge Gründe, das in Pinneberg jetzt zu tun. Nach 22 Jahren Jugendpflegerarbeit zieht sich Bohmann zurück auf die neue Stelle eines Fachbereichsleiters Jugend, weil zwei Jobs auf einer Stelle dauerhaft zu viel sind. Timo Mohr soll nicht direkt in seine Fußstapfen treten, sondern die Arbeit neu strukturieren und frische Ideen einbringen, wünscht sich Bohmann.

Mohr kommt aus Saarbrücken. Er bringt einige Ausbildungen und Praxiserfahrung mit und hat sich in Pinneberg beworben, weil seine Frau als Produktdesignerin in Hamburg gute Perspektiven sieht. Kinder hat das Paar nicht. Zunächst hat Mohr eine Ausbildung als Kinderpfleger gemacht, in Kitas und einer Ganztagsgrundschule gearbeitet und Praktika in der Jugendhilfe absolviert. Sein Bachelorstudium in Kindheitspädagogik hat er gerade abgeschlossen. Als Jugendpfleger zu arbeiten stellt er sich vielschichtig und flexibel vor, Bohmann sagt: „Wir haben jemanden gesucht, der sich in unser Verbundsystem reindenken kann und den Bereich neu prägt.“ Die Corona-Beschränkungen empfindet er als „wahnsinnige Belastung“.

Es bringt nichts, die Folgen der Digitalisierung ausklammern zu wollen

Denn anders als bei Erwachsenen, die schon auf viele soziale Erfahrungen zurückgreifen können, bestehe die Beschäftigung mit Kindern und Jugendlichen fast nur aus Beziehungsarbeit und Vertrauen. Das kann momentan aber kaum aufgebaut werden, weil fast alles verboten ist. „Zu 70 Prozent zählt da die Person“, sagt Bohmann. Was die Jugendzentren der Stadt derzeit alternativ anböten, sei „ein Notprogramm. Jedes Wochenende sehen wir den Bedarf, was Schönes zu erleben. Da musste einfach was her.“

Dennoch sagt Timo Mohr, es bringe nichts, die digitale Welt, die durch das Homeschooling und die unfreiwillige Isolation so dominant geworden ist, auszuklammern: „Sie ist Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Es ist für uns wichtig, da reinzufinden, sonst verlieren wir den Anschluss. Aber das Essenzielle findet im Zusammensein mit Menschen statt. Ein Nachteil der Digitalisierung ist, dass sie viel Passivität und Konsum mit sich bringt“, sagt Mohr. „Die Balance zu finden, darin besteht der Kraftakt.“ Chats könnten reale Begegnungen nicht ersetzen, Jugendliche müssten Gelegenheit haben, sich auszuprobieren.

Im Skaterpark unter der Hochbrücke kommen eigene Erinnerungen hoch

Seit Februar ist Mohr im Amt. Nächste Woche will er die Mitglieder des Kinder- und Jugendbeirates kennenlernen, und auf dem regionalen Fernsehsender YouPi werden ihn demnächst Jugendliche der Stadt interviewen. Eine der interessantesten Erfahrungen in Pinneberg war für Mohr bisher, mit dem neuen Streetworker Yasar Topkan draußen unterwegs zu sein, im Drosteipark und unter der Hochbrücke. Da kamen eigene Erinnerungen hoch: „Das hat mich gleich wieder interessiert. Ich war früher als Jugendlicher den ganzen Tag auf dem Skateplatz. Das war für mich enorm wichtig.“

Als Jüngster in der Familie mit zwei älteren Geschwistern war er als Kind regelmäßig bei Jugendfreizeiten dabei, „ich war auch regelmäßiger Jugendzentrumsgänger, der Austausch mit Gleichaltrigen war für mich damals sehr wichtig“, sagt Mohr. Später hat er lange als DJ gearbeitet, alles mögliche aufgelegt, was er mochte: Reggae, Dub, Rap, Punkrock. Heute mag er eher Jazz.

Niemand füllt die Stelle eines Stadtjugendpflegers automatisch aus

Zu Hause in seinem Zimmer steht noch immer ein Tasten-Synthesizer. Früher hat er E-Orgel und Keyboards gespielt. Und hat es als saarländischer Leistungssportler bis zum Mannschaftsmeister im Kunstturnen gebracht. Aber diese Zeiten sind vorbei, heute spielt Timo Mohr gern Basketball auf den Plätzen der Stadt, und „ich würde gern wieder mit Tennis anfangen.“

Stadtjugendpfleger – diese Position füllt niemand automatisch aus: „Diese Stelle setzt auf Kooperation. Man braucht eine gewisse Zeit, bis man ein Standing bei den Jugendlichen hat“, sagt Bohmann. Das entstehe zum Beispiel über Veranstaltungen, die fallen allerdings, wie es aussieht, weiter aus. Momentan geht es darum, die Ferienangebote zu planen – „für eine Zielgruppe, die ich nicht kenne“, stellt Timo Mohr mit schiefem Lächeln fest.

Flyer, Handzettel und Plakate funktionieren kaum noch

Die Angebote der Jugendzentren anders als bisher bekannt zu machen – auch das ist eine seiner Aufgaben zusammen mit den kommunalen Kinder- und Jugendeinrichtungen: „Flyer, Plakate und Handzettel – das läuft nicht mehr“, sagt Bohmann. „Heute muss so was anders kommuniziert werden, dafür haben wir eine Plattform eingerichtet. Wir haben eine Menge erreicht und unseren Arbeitsbereich ausgeweitet, auch in die Schulen. Vor zehn Jahren waren wir acht Mitarbeiter, jetzt sind wir 30.“

Was das Geschwister-Scholl-Haus plant

Weil sie seit Monaten nicht öffnen dürfen, denken sich die Teams in den Jugendzentren mehr und mehr Online-Angebote aus, um den Jugendlichen wenigstens ein Minimum an Freizeitspaß zu ermöglichen. Wegen der Coronapandemie sitzen aber manchmal auch Familien seit Monaten mehr oder weniger eingesperrt zu Hause. „Damit auch die Eltern mal was anderes mit ihren Kindern machen können, ein bisschen Abwechslung erleben, haben wir uns ein Angebot ausgedacht, das drei Familien pro Woche die Möglichkeit gibt, einen Zwei-Stunden-Zeitraum im Geschwister-Scholl-Haus zu buchen, um gemeinsam hier was Schönes zu machen“, sagt GSH-Leiterin Hannah Schmidtpott. Möglich ist das montags, mittwochs und freitags jeweils von 13 bis 18 Uhr.

Ab sofort startet das GSH über die Internetplattform Discord mit neuen digitalen Programmen, täglich sind die Betreuer von 16 bis 18 Uhr über Discord zu erreichen. „Dort spielen wir Gartic Phone (Stille Post online), Tabu, Codenames, wir rätseln gemeinsam in virtuellen Escape-Rooms, wir schnacken mit den Jugendlichen und freuen uns natürlich über alle Anwesenden“, sagt Hannah Schmidtpott. Jeden Mittwoch initiiert das GSH-Team Bastelaktionen zum Mitmachen, „das Material dazu kann unentgeltlich jeden Dienstag zwischen 14 Uhr 16 Uhr hier abgeholt werden“, sagt die Chefin.

Zu Hause – und bildschirmmüde

Schöne Bastelideen für die nächsten Tage: Am 10. März entstehen Lebensbaum-Traumfänger aus Draht mit bunten Perlen, am 17. März zwei verschiedene Antistressbälle, und am 25. März knüpfen die Teilnehmer Makramee-Schlüsselanhänger. „Wir möchten den Jugendlichen möglichst viel anbieten, um die aufzufangen. Viele bleiben zu Hause, viele sind bildschirmmüde. Um so wichtiger ist es, dass wir versuchen, ein Auge auf sie zu haben“, sagt Hannah Schmidtpott.

Am Donnerstag, 18. März, ist Disco-Abend: Die Kinds können zwischen 19 und 21 Uhr zu Hause vor dem Bildschirm abhotten, und vorher dürfen sie sich sogar Snacks und Softdrinks im GSH abholen (16. März, 14 bis 16 Uhr oder 17. März, 14 bis 18 Uhr). Die bisherigen Angebote würden „nicht schlecht angenommen. Wir haben sogar neue Jugendliche dazugewonnen“, sagt die Leiterin.

Auch ein coronakonformes digitales Ferienprogramm für die Tage vom 12. bis 16. April ist in Arbeit. Zwischen 10 und 15 Uhr wird gemeinsam gebastelt, gekocht, gespielt und vieles mehr. Auch eine Handy-Rallye ist angedacht, bei der jeder der Mitmachenden von einem anderen Punkt aus draußen startet. Materialien für die Aktionen kann vom 8. März an nach vorheriger telefonischer Anmeldung abgeholt werden. Telefon: 04101/249 17.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg