Kreis Pinneberg

„Solche Automatensprengungen sind nicht kontrollierbar“

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Arne Kolarczyk
Die Commerzbank-Filiale in Elmshorn wurde bei dem Sprengstoffanschlag im Mai 2020 schwer beschädigt.

Die Commerzbank-Filiale in Elmshorn wurde bei dem Sprengstoffanschlag im Mai 2020 schwer beschädigt.

Foto: Arne Kolarczyk

LKA-Beamter sagt im Prozess gegen zwei Männer aus, die in Elmshorn einen Commerzbank-Automaten in die Luft gejagt haben sollen.

Elmshorn/Itzehoe.  Der Prozess vor dem Landgericht Itzehoe lief am Freitag bereits mehr als zwei Stunden, als sich der Angeklagte Samet A. zu Wort meldete und angab, dass sein Kopfhörer für die Simultanübersetzung nicht funktionieren würde. Auf die Frage seiner Verteidigerin Astrid Denecke und des Richters Johann Lohmann, warum er das nicht früher gesagt habe, polterte der 28-Jährige los. Er sei unschuldig und gehöre hier gar nicht hin.

Angehört wurden am mittlerweile vierten Prozesstag zwei Mitarbeiter des Landeskriminalamtes (LKA), die landesweit für Geldautomatensprengungen zuständig sind, die in der Regel von einer Tätergruppierung aus Holland begangen werden. Eine derartige Tat sollen Samet A. und sein Mitangeklagter Mauro B. (23) verübt haben – und zwar am 28. Mai 2020 in der Commerzbank Elmshorn. Während Mauro B. seine Beteiligung eingestanden hat, will Samet A. lediglich einen zweiten Fluchtwagen in die Nähe der Bank navigiert und diesen absprachegemäß einem ihm unbekannten Komplizen übergeben haben.

Verurteilter Straftäter mietete Fluchtauto an

Ob ein solcher Austausch der Fluchtwagen in Tatortnähe üblich ist, will das Gericht von Erik N. (27) wissen. Seit März 2018 gehört er der Abteilung für Organisierte Kriminalität beim LKA an und hat seitdem mehr als 20 Fälle von Geldautomatensprengungen bearbeitet. Ihm sei kein solcher Fall bekannt, so der LKA-Mann. Er verweist darauf, dass im Kofferraum des sichergestellten Fluchtwagens sieben oder acht große Benzinkanister gefunden worden seien, zum Teil noch gefüllt. Dies spreche dafür, dass dieser in den Niederlanden angemietete Mercedes ohne Tankstopp dorthin wieder zurückgeführt werden sollte.

Das Fahrzeug sei von Tarik B. für die Zeit vom 26. bis 28. Mai angemietet worden. „Es handelt sich um einen in den Niederlanden verurteilten Automatensprenger, der sich auf freien Fuß befand, aber eine Fußfessel tragen musste.“ Dieser habe auch für eine ähnliche Tat in Osnabrück den Fluchtwagen bei einer Mietwagenfirma bestellt.

Es hätte noch viel schlimmer kommen können

Durch den GPS-Tracker in dem Fahrzeug habe ermittelt werden können, dass die Täter in der Nacht zum 28. Mai die deutsche Grenze überquert und zunächst in Leer (Ostfriesland) einen Kennzeichendiebstahl begangen hätten. Die Kennzeichen hätten sie mit Panzertape an dem Mercedes angebracht und seien dann nach Elmshorn gefahren, um den späteren Tatort zu erkunden. „Bei dem Geldautomaten handelt es sich um einen Procash 2000, der 15 bis 20 Jahre alt und zumeist nicht nachgerüstet ist“, so Erik N. Die Täter hätten sich darauf spezialisiert, mit einem Kuhfuß den oberen Teil aufzuhebeln und diesen herauszuziehen. Dann liege der Geldausgabeschacht frei, in den für 30 Sekunden Gas eingeleitet und ein Zündkabel eingeführt werde.

„Das Zündkabel mündet in einen Elektroschocker, mit dem ein Kurzschluss ausgelöst wird. Die Explosion im unteren Bereich sprengt die Tresortür weg, sodass die Geldkassetten freiliegen.“ Das sei auch in Elmshorn gelungen. „Das ist wie in einer Lotterie, solche Sprengungen sind nicht kontrollierbar.“ In anderen Fällen seien dadurch halbe Häuser zum Einsturz gebracht worden. Auch in diesem Fall sei ein erheblicher Gebäudeschaden entstanden. In dem Geldautomaten hätten sich 157.200 Euro befunden. Ein vierstelliger Betrag sei bis heute verschwunden – ebenso wie ein iPhone 6, das die Täter vermutlich für die Navigation genutzt hätten.

„Wir gehen bei solchen Taten in der Regel von zwei Tätern aus, die arbeitsteilig agieren. Der gesamte Vorgang dauert nur ein bis drei Minuten, der Fluchtwagen wartet mit laufendem Motor vor der Bank“, so der LKA-Beamte. Er verweist auf eine Automatensprengung in Kaltenkirchen am 16. Juni vorigen Jahres sowie in Bad Bramstedt am 29. Juli, beide Male waren auch Commerzbank-Filialen betroffen. Nach beiden Taten seien ebenfalls jeweils zwei Täter festgenommen worden. Der Prozess wird fortgesetzt.

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