Naturschutz

Schnee und Frost – so schwer haben es Wildtiere im Winter

| Lesedauer: 7 Minuten
Anne Dewitz
Wildschwein im Schnee: Die robusten Tiere kommen noch am besten mit der Witterung zurecht. Voraussetzung: Sie werden nicht von Menschen gestört.

Wildschwein im Schnee: Die robusten Tiere kommen noch am besten mit der Witterung zurecht. Voraussetzung: Sie werden nicht von Menschen gestört.

Foto: DJV/Rolfes

Im Kreis Pinneberg landen viele Arten in der Wildtierauffangstation. Warum das so ist – und was Menschen tun können.

Kreis Pinneberg.  Minustemperaturen, Schnee, gefrorene Gewässer, wenig Futter – der Winter verlangt den Wildtieren einiges ab. Das bekommen auch die Tierschützer im Wildtier- und Artenschutzzentrum in Klein Offenseth-Sparrieshoop zu spüren. „Wir und auch Kollegen in anderen Wildtierstationen bekommen vermehrt Graureiher, Bussarde und Eulen zur Pflege, die unterernährt und geschwächt sind“, sagt Katharina Erdmann von der Wildtierstation.

Sie fänden nur schwer Futter. Insbesondere Jungtiere, die ihren ersten Winter erleben, würden darunter leiden. Nicht jeder Vogel überlebt. „Gerade Vögel zeigen ihre Schwäche erst, wenn es gar nicht mehr geht und sie nicht mehr wegfliegen können“, sagt Erdmann. Einigen Graureihern konnten die Tierschützer schon nicht mehr helfen.

Mensch hat die Natur verändert

„Kritiker unserer Arbeit argumentieren, das sei der natürliche Lauf der Natur“, sagt Erdmann, die seit 2018 Tierschutzbeauftragte des Landes Schleswig-Holstein ist. Sie sieht das anders. „Der Mensch hat die Natur verändert und in die Lebensräume der Tiere eingegriffen.“ So fehlten unter anderem durch intensive Landwirtschaft Rückzugsräume und Nahrungsquellen. Verendete Tiere, die Aasfressern über die kalte Jahreszeit helfen würden, werden aus Angst vor Seuchen oft weggeräumt.

Im Wald zufüttern, ist allerdings nicht erlaubt. „Dazu muss die Jagdbehörde erst den Notstand ausrufen“, sagt Erdmann. Das geschieht allerdings frühestens, wenn Eis und Schnee mehrere Wochen anhalten. „Tierschutzvereine, die den Wildtieren helfen möchten, sollten das in Absprache mit den Jägern vor Ort tun“, so ihr Rat.

Aber nicht jedes Tier, das auf den ersten Blick hilflos erscheint, braucht wirklich Hilfe. Manche rasten nur. Sie aufzuscheuchen würde sie wertvolle Energie kosten. Und auch die ersten Junghasen sind schon geboren. Fünf wurden bereits in der Wildtierstation abgegeben.

„Die Junghasen sind durch ihr dichtes Fell geschützt und auch wenn sie allein in der Sasse sitzen, benötigen sie keine Hilfe“, sagt die Expertin. Das Muttertier kommt wieder, um das Junge zu säugen. Problematisch wird es, wenn die jungen Hasen von streunenden Hunden oder Katzen aufgegriffen werden. Erdmann appelliert an Hundebesitzer, ihre Tiere beim Spaziergang anzuleinen.

Ein weiterer Rat der Tierschützerin: Wer ein Tier sieht, das sich auffällig verhält, sollte es eine Zeit lang beobachten und dann in der Wildtierstation anrufen. Anhand eines Fragenkatalogs können die Tierpfleger einschätzen, ob der Mensch eingreifen muss. „Außerdem sollte sich niemand selbst in Gefahr begeben.“ Also bitte nicht einen scheinbar zugefrorenen See betreten oder auf der Autobahn anhalten, um ein verletztes Tier einzusammeln, sondern Feuerwehr oder Polizei verständigen.

Tote Tiere nicht anfassen, sondern melden

Zudem sind in Schleswig-Holstein vereinzelte Fälle von Geflügelpest aufgetreten. Wer tote oder krank erscheinende Wasservögel oder Greifvögel entdeckt, sollte dies dem Veterinäramt des jeweiligen Landkreises und der kreisfreien Stadt melden.

Auch die Kreisjägerschaft Pinneberg appelliert an die Menschen, die Tiere nicht durch Waldspaziergänge zu stören. Das Problem: Wenn sich Menschen vom Corona-Lockdown bei Spaziergängen durch die Natur erholen möchten, wird dadurch oft die Situation des Wildes noch verschlimmert. Denn die Kälte setzt den Tieren zu, sie brauchen all ihre Energie, um nicht zu erfrieren.

Wenn sie durch Spaziergänger allerdings aufgeschreckt werden und schnell flüchten müssen, wird diese Überlebensenergie schnell verbraucht – es droht der Tod. „Wild braucht Ruhe. Bitte stören Sie es nicht“, appelliert deshalb auch Hans Wörmcke, Vorsitzender der Kreisjägerschaft.

Erholungssuchende kontra Tierwohl

Wenn Erholungsgebiete besucht werden, müssen Wanderer, Jogger, Geocatcher oder Mountainbiker auf jeden Fall auf den Wegen bleiben und Hunde unbedingt angeleint sein. Denn der Winter mit seinen kurzen Tagen ist vor allem für Vegetarier wie das Reh eine schwere Zeit. Sogar der Herzschlag der Tiere wird langsamer. So kann Energie während der kalten Jahreszeit gespart werden.

Die Schleimhautzotten im Darminneren sind reduziert und somit auf das geringere winterliche Nahrungsangebot angepasst, weiß der Jäger. Das hilft dem Schalenwild beim Energiesparen, was im Winter auch ohne Schneelage dringend nötig ist. Mit ihrer Energie haushalten müssen auch andere Wildtiere wie Feldhase, Rebhuhn und Wasservögel. So suchen beispielsweise Höckerschwäne auch auf Winterrapsflächen nach Grünfutter.

Rehe versuchen Energie zu sparen, indem sie etwa Spaziergänger näher an sich heranlassen und sich wegducken. Sie flüchten erst in letzter Sekunde. Den Energieverlust nach einer Flucht müssen sie aber ausgleichen. Sind Hunde nicht angeleint, ist im Winter die Gefahr größer, dass diese ein Reh aufgrund der verkürzten Fluchtdistanz fassen und töten.

Das Rotwild bildet Rudel und zieht sich in den schützenden Wald zurück. Wird durch Beunruhigung die Aufnahme von Nahrung auf Wildäckern und Offenflächen verhindert, schält Rotwild die Rinde der Bäume oder verbeißt diese, was forstliche Schäden verursacht.

Wildschweine wiederum bekommen im Januar Nachwuchs. Die Bache bringt drei bis zwölf Frischlinge in einer Erdsenke, dem sogenannten Kessel, zur Welt. Diese sind auf die Wärme von Mutter und Geschwistern angewiesen. KJS-Vorsitzender Wörmcke: „Solche Rückzugsräume dürfen nicht gestört werden. Bei allem Verständnis für das Erholungsbedürfnis der Menschen, sollten wir die Situation der Wildtiere nicht vergessen.“

Wie der Mensch den Vögeln durch den Winter helfen kann, darüber informiert der Naturschutzbund (Nabu). Als Basisfutter, das im Zweifel von fast allen Arten gefressen wird, eignen sich Sonnenblumenkerne. „Bei ungeschälten Kernen fällt zwar mehr Abfall an, dafür verweilen die Vögel aber länger an der Futterstelle“, erklärt Marco Sommerfeld, Leiter der Nabu Vogelstation Wedeler Marsch und Referent für Vogelschutz beim Nabu Hamburg. „Freiland-Futtermischungen enthalten zusätzlich andere Samen unterschiedlicher Größe, die von verschiedenen Arten bevorzugt werden.“

Körnerfresser wie Meisen oder Finken sind gut zu füttern

Auch ganze Erdnüsse, Maiskörner oder gehackte Nüsse finden dankbare Abnehmer, wie zum Beispiel Eichelhäher, Elster oder Stieglitz. Die häufigsten Körnerfresser an Futterstellen sind allerdings Meisen, Finken und Sperlinge. In Norddeutschland überwintern daneben auch Weichfutterfresser wie Rotkehlchen, Heckenbraunellen, Amseln oder Zaunkönige. Für sie kann man Rosinen, Obst und Haferflocken in Bodennähe anbieten. Dabei ist darauf zu achten, dass dieses Futter nicht verdirbt.

Insbesondere Meisen lieben auch Gemische aus Fett und Samen, die man selbst herstellen oder als Meisenknödel kaufen kann. „Achten Sie beim Kauf von Meisenknödeln und ähnlichen Produkten darauf, dass diese nicht, wie leider noch häufig üblich, in Plastiknetzen eingewickelt sind“, empfiehlt Sommerfeld. „Vögel können sich mit ihren Beinen darin verheddern und schwer verletzen.“ Als Futter grundsätzlich ungeeignet sind alle gewürzten und gesalzenen Speisen. Auch Brot ist nicht zu empfehlen, da es im Magen der Vögel aufquillt.

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