Pinneberg

Schulallianz: „Die Lehrer bemühen sich wirklich sehr“

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Katja Engler
Der neue Sprecher der Pinneberger Schulallianz, Uwe Sehrndt.

Der neue Sprecher der Pinneberger Schulallianz, Uwe Sehrndt.

Foto: Katja Engler

Pinneberger Schulallianz sieht in der Corona-Krise Fortschritte beim digitalen Lernen. Aber: Isolation der Schüler werde Folgen haben.

Pinneberg.  Die digitale Technik an den Pinneberger Schulen funktioniert. Teilweise zumindest, aber eben nicht überall. Das ist in Corona-Zeiten sehr belastend, in denen Kinder vereinzelt noch in den Unterrichtsräumen sitzen, um überhaupt digital am Unterricht teilnehmen zu können. Seit Oktober vergangenen Jahres ist Uwe Sehrndt (48), Vater dreier Kinder, Sprecher der Pinneberger Schulallianz. Jenes Zusammenschlusses von Eltern, die sehr genau im Blick haben, was sich an den Schulen der Stadt tut. Jahrelang habe sie vergeblich auf die Digitalisierung der Schulen gedrängt. Das Abendblatt hat den Teamleiter für Disposition bei Lufthansa Technik im Homeoffice besucht und zur aktuellen Situation befragt.

Also: Wie läuft digitales Lernen in Pinneberg? „Total unterschiedlich“, sagt Uwe Sehrndt. „Die Lehrer bemühen sich wirklich sehr, unter den gegebenen Umständen ihr Bestmögliches zu geben. Nach meinem Gefühl gehen die Schulleiter-Teams inzwischen auf dem Zahnfleisch.“ Auf ihrem Rücken werde viel zu viel abgeladen. „Und die Eltern fahren auf der Überholspur und versuchen, Job, Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut zu bringen, was sich vielleicht mit größeren Kindern einigermaßen organisieren lässt, aber mit Grundschulkindern ein echter Spagat ist.“

Schulleiter hat eine 60-Stunden-Woche

Auch Schulleiter Thomas Gerdes von der Grund- und Gemeinschaftsschule (GuGS) ist objektiv gesehen völlig überarbeitet. Er hat schon seit Längerem eine 60-Stunden-Woche. Aber er sieht es nicht ganz so dramatisch: „An unserer Schule sagen viele Eltern, dass sie klarkommen und diese Opfer jetzt bringen, um die Pandemie zu besiegen. Sie fühlen sich sehr gut betreut und beraten. Aber der ständige Wechsel ist wahnsinnig anstrengend für die Kinder, die Eltern und uns.“ Er meint den Zickzack-Kurs, den die Ministerien führen – mit ständig neuen Anordnungen, deren komplizierte und aufwendige Umsetzung langsam an die Substanz gehe. „Ohne mein tolles Kollegium und die tollen Eltern wären wir schon längst am Ende.“

Gerdes engagiert sich für die Digitalisierung aller Pinneberger Schulen, er ist auch Mitglied in einem IT-Arbeitskreis zur Ausstattung der Schulen. Seine GuGS hat überall WLAN und bereits eine gute Ausstattung mit Notebooks. „Diese Stadt hat sich nach Leibeskräften bemüht, die Schüler mit Endgeräten auszustatten. Da ist Pinneberg, glaube ich, führend im Kreis“, sagt er.

Notebooks haben lange Lieferzeiten

Probleme mit Endgeräten, schlechtem WLAN oder mangelnder Lehrerfortbildung haben noch die
Helene-Lange-Schule, die Johannes-Brahms-Schule, die Johann-Comenius-Schule und die Grundschule am Rübekamp. Heiner Koch, Fachdienstleiter für Bildung, Kultur und Sport im Pinneberger Rathaus, weiß das und wartet sehnlichst auf den 8. Februar, wenn die Ratsversammlung den Haushalt 2021 beschließen will. Mit den Vorbereitungen für den Ausbau des WLAN-Netzes an allen Schulen stehen er und sein Team in den Startlöchern. Sobald das Go aus Kiel kommt, wird ausgeschrieben: „Wir hoffen, dass wir genügend Firmen finden, die dann die Schulen mit den Netzwerkstrukturen ausstatten“, sagt Koch.

Ein anderes Problem seien die Lieferzeiten von Tablets und Notebooks. Einige seien im August 2020 bestellt worden: „146 Tablets haben wir schon an die Grundschulen ausgegeben, im Februar geben wir 286 Notebooks an die weiterführenden Schulen weiter.“ Es sei noch mal nachbestellt worden, weil es wegen Lieferengpässen notwendig geworden sei, auf andere, teurere Geräte umzuschwenken. Dafür seien weitere 70.000 Euro in den Haushalt eingestellt worden. „Von diesem Geld können noch mal 173 Geräte angeschafft werden. 71 bekommen wir sehr bald, der Rest folgt voraussichtlich im April“, sagt Heiner Koch. Zwei IT-Fachleute kümmern sich in der Verwaltung bereits ausschließlich um die Schulen, zwei weitere sollen 2021 hinzu kommen.

Endgeräte sind für Schüler in Corona-Zeiten unverzichtbar geworden, um an den Videokonferenzen als Teil des Unterrichts teilnehmen zu können. Zweite Unterrichtsebene: Es wird über die Online-Plattform Padlet kommuniziert, über die die Kinder sich Hausaufgaben und Arbeitsaufträge herausziehen.

GuGS setzt auf Wechselmodell auch für Abschlussklassen

Schüler der achten bis zehnten Klasse der Gemeinschaftsschulen sollen auf Wunsch des Ministeriums in der Schule lernen, „um die mittleren Schulabschlüsse nicht zu gefährden“, erklärt Gerdes. „Das können wir aber nicht leisten, weshalb wir Wechselunterricht anbieten: Ein Teil über Video, einer mit Padlet und einer über Anwesenheit. Dieser Wechsel schafft einen guten Austausch, da gibt es kaum Lücken.“

Der Schulleiter gibt zu bedenken, dass ausgerechnet in den Jahrgängen neun und zehn acht Schüler positiv auf Corona getestet worden waren. Folge: Jahrgang zehn musste komplett in Quarantäne, im Jahrgang neun zwei von drei Klassen. In den übrigen gab es nur eine Infektion. Im Homeoffice fällt gegenseitiges Anstecken flach, zudem „entsteht durch den Online-Unterricht eine deutlich größere Arbeitsruhe“, sagt Gerdes.

Kinder aus bildungsfernen Schichten eingefangen

Auch Kinder aus bildungsfernen Schichten, wo es zu Hause oft sehr beengt ist und die technische Ausstattung fehlt, kommen laut Uwe Sehrndt einigermaßen zurecht, „auch Kinder, die digital abgehängt waren. Da diese teilweise vor Ort beschult werden, wird das in einigen Schulen gut aufgefangen, aber nicht in allen“, sagt er. Momentan liegen den Eltern die Notenvergabe und die Abschlussprüfungen der Schüler im Magen, hat Uwe Sehrndt aus dem Kreiselternbeirat erfahren: „An einigen Schulen haben sich die Schüler verschlechtert. Das wird ein allgemeines Problem werden.“

Das stundenlange Starren auf Bildschirme ist zwar eine Krücke, um Unterrichtsausfall zu kompensieren, kann aber Präsenzunterricht nicht ersetzen. „Zum Lernen ist der soziale Kontakt unendlich wichtig“, sagt Uwe Sehrndt. „Die müssen wenigstens ein paar ihrer Mitschüler sehen, um sich untereinander austauschen zu können. Kinder wollen über den Schulhof laufen, sich schubsen, Ball spielen. Jetzt dürfen sie nicht mal in den Sportverein oder die Musikschule, sich nicht mit ihren Kumpels treffen – alles weg. Für die ist die Isolierung die Hölle. Das wird Nachwehen haben. Denn irgendwann landen die vor der Konsole. Wir Eltern müssen sie auffangen, sind damit aber überfordert.“

Pandemie wird gehen, gute Technik bleiben

Im Moment gehe es darum allerdings nicht, sagt Schulleiter Gerdes. „Sondern darum, die Pandemie zu besiegen. Im Schnitt bekommen die Schülerinnen und Schüler das Homeschooling gut hin. Die leiden nur darunter, dass sich das zieht wie Kaugummi.“

Findet wieder normaler Unterricht statt, wird die digitale Technik Lehrern und Schülern die Arbeit erleichtern, Material attraktiver und spontaner allen zugänglich machen, Lernprogramme, Filme, Fotos an die Wand werfen, um den Unterricht anschaulicher zu machen und vieles mehr. Sie wird den Unterricht also ergänzen und bereichern können.

Der nächste Schritt, um die digitalen Möglichkeiten im Unterricht vor Ort auszuweiten, sind so genannte Touch­panels oder Smartboards, also digitale Tafeln. „Die erste Lieferung erhalten wir hoffentlich noch in diesem Jahr“, sagt Heiner Koch. Weitere digitale Endgeräte sollen Anfang 2022 eintrudeln: „Wenn die Firmen mitspielen, werden wir im Laufe des nächsten Schuljahres einen großen Sprung machen und einen Großteil der Defizite beseitigen können.“

Wie sieht es in anderen Orten im Kreis Pinneberg aus? Wie gut läuft der digitale Unterricht an der Schule, die Ihre Kinder oder Enkelkinder besuchen? Schreiben Sie uns, schildern Sie Ihre Erfahrungen. Sie erreichen uns per E-Mail an pinneberg@abendblatt.de

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