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Tornesch will aus seiner Mitte heraus wachsen

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Anne Dewitz
Torneschs Bürgermeisterin Sabine Kählert.

Torneschs Bürgermeisterin Sabine Kählert.

Foto: Sebastian Becht

Agenda 2021, Teil 5: Gutachten soll klären, inwieweit sich Gewerbe und Industrie aus dem Zentrum an den Rand umsiedeln lassen.

Tornesch.  Torneschs Einnahmen aus Gewerbesteuern sind auf sechs Millionen Euro zurückgegangen. Zu besten Zeiten waren es mal 12,5 Millionen Euro. „Jetzt sind wir eine Fehlbedarfskommune“, sagt Bürgermeisterin Sabine Kählert. Das gab es bislang noch nicht. Dahinter stecken zum einen unternehmerische Entscheidungen einiger ortsansässiger Firmen, zum anderen steigende Kosten für öffentliche Aufgaben wie die Kinderbetreuung. „Zwar hat der Finanzausgleich im Land unsere Lage schon verbessert, aber die Bereitstellung von Kitaplätzen ist mit drei Millionen Euro Defizitanteil der Löwenanteil in unserem Haushalt.“ So steigen unter anderem Grundstückspreise und Baukosten für neue Kitas. Was tut sich in der Stadt?

Tornesch am See: Das Quartier Tornesch am See nimmt weiter Gestalt an. Der Lüttensee ist ausgehoben. Im Januar werden die Entwässerungsgräben zu den Wohnhäusern gezogen. Im Februar wird schrittweise Wasser in den See gelassen. 2000 Wasserpflanzen verschiedener Arten werden gepflanzt. Bis Ende März sollen alle Arbeiten am Gewässer abgeschlossen sein. Im Umfeld des Sees entstehen nach Fertigstellung der Wohnungen Seeterrassen und Parkanlagen mit einem Abenteuerspielplatz sowie ein Strandabschnitt mit einem Wasserspielplatz. Direkt am See baut die Behrendt Gruppe aus Hamburg fünf Wohnhäuser. Bis spätestens zum Sommer 2022 entstehen hier 13 Maisonetten im Stadthaus-stil und 39 Eigentumswohnungen. Sie sollen ab Frühjahr 2022 fertig sein.

Bike-and-ride-Anlage: Die Abstellanlage an der Ahrenloher Straße in Fahrtrichtung Elmshorn wurde gerade erst erweitert und erneuert. Nun geht es auf der gegenüberliegenden Seite weiter. Die Planungen der Nah.SH zum Bau eines dritten und vierten Gleises zwischen Elmshorn und Pinneberg haben auch Auswirkungen auf den geplanten Standort der Fahrradgarage am Tornescher Bahnhof. Der Holzschuppen weicht einer modernen Bike-and-ride-Anlage mit 270 Stellplätzen und 110 Schließfächern. Im Außenbereich entstehen weitere 76 Stellplätze und 55 Schließfächer. Die neue Anlage kostet 870.000 Euro. In der Summe enthalten ist auch Geld für den Neubau einer WC-Anlage mit selbstreinigender Toilette, da die einzige öffentliche Toilette am Bahnhof mit der Garage abgerissen wird. Nah.SH übernimmt rund 600.000 Euro, und die Metropolregion Hamburg fördert mit 70.000 Euro. „Bis zur Umsetzung der Fahrradgarage war es ein langer Weg, aber die alte Planung war überholt, und es galt, eine bessere Förderung und mehr Abstellplätze zu erreichen“, erläutert Kählert. Der Ausbau der alten Garage hätte die Stadt mehr gekostet, nämlich 350.000 Euro.

Rathaus: Das Tornescher Rathauses soll saniert werden. Es geht vor allem um Brandschutz. Auch die Einbruchmeldeanlage und die Sicherheitsbeleuchtung werden erneuert, ebenso die Netzwerkverkabelung. Dafür stehen eine Million Euro bereit. Geplant ist, im laufenden Betrieb zu sanieren.

Gewerbegebiet Oha II: Der Flächennutzungsplan für den „Businesspark Tornesch“ wurde geändert. Damit ist der Weg frei für die Erweiterung nördlich des Asperhorner Weges. Auf einer 26,6 Hektar großen Fläche an der nordöstlichen Stadtgebietsgrenze von Tornesch plant die Stadt die Erweiterung des Businessparks Oha I um Oha II. „Die Planungen werden 2021 fortgesetzt“, sagt Kählert. Ziel von Politik und Verwaltung sei es auch, dem ortsansässigen Unternehmen Altonaer Wellpappe mit 250 Mitarbeitern ein weiteres Wachsen in Tornesch zu ermöglichen, Schwerlastverkehr aus dem Ort zu nehmen und die bisherigen Gewerbeflächen für die innerstädtische Entwicklung zu nutzen. Angesiedelt werden sollen darüber hinaus überregional bedeutsame Unternehmen.

Stadtzentrum: Industriebetriebe sollen aus dem Stadtkern an den Stadtrand an der Autobahn 23 in Tornesch-Oha verlagert werden. Die Stadt Tornesch könnte Land mitten in der Stadt gewinnen und diese für Wohnbebauung nutzen. Es geht dabei um die Industrie- und Gewerbefläche. Allein die Altonaer Wellpappe, die hier rund 400 Mitarbeiter beschäftigt, macht 8,5 Hektar dieser Fläche aus. Ein Gutachten wurde in Auftrag gegeben, das die Möglichkeiten und Konsequenzen einer solchen Industrie-Umsiedlung analysiert.

B-Plan 96: Die HellermannTyton Gruppe ist in 39 Ländern tätig, produziert an 13 Standorten auf der Welt und beschäftigt etwa 5400 Mitarbeiter. Am Standort Tornesch sind es mehr als 1000 Mitarbeiter. Hier will das Unternehmen um zusätzliche Gewerbehallen, Büro- und Verwaltungsgebäude sowie Stellplätze auf dem Gebiet zwischen den Straßen Großer Moorweg, Schäferweg, Spritzloh und Brandskamp erweitern. Seit HellermannTyton von einem amerikanischen Unternehmen aufgekauft wurde, fallen kaum Gewerbesteuern für die Stadt ab. Zu Spitzenzeiten gehörte das Unternehmen zu den großen Gewerbesteuerzahlern. „Dass Hellermann Tyton keine Gewerbesteuern zahlt, ist leider gesetzeskonform. So können konzerninterne Ausgleiche vorgenommen werden. Jedoch geht es auch um Arbeitsplätze – und wenn bestenfalls die Mitarbeitenden im Ort wohnen, um die Einkommensteueranteile“, sagt Kählert. Dem Flächennutzungsplan wurde zwischenzeitlich seitens des Ministeriums zugestimmt.

Kita-Ausbau: Die Wabe-Kindertagesstätte Weltenbummler bietet Platz für circa 40 Krippenkinder und für etwa 60 Elementarkinder. Hier sollen in diesem Jahr 50 weitere Plätze entstehen. Anträge auf Förderung sind gestellt. Die Kita der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde wird saniert und um einem Anbau erweitert. Dort ist Platz für zwei weitere Gruppen. „Damit decken wir den Elementarbereich zu 100 Prozent ab. Bei der Krippenbetreuung erreicht Tornesch immerhin eine Bedarfsdeckung von 70 Prozent“, sagt Kählert. 18 Tagesmütter schaffen 90 weitere Betreuungsplätze.

Ganztagsbetreuung an Schulen: „Bis 2025 sollen alle Schulen Ganztagsangebote haben“, sagt Kählert. Die Johannes-Schwennsen-Schule ist zwar Torneschs kleinste Schule, war aber 2019/20 landesweit Referenzmodell für andere Ganztagsschulen. Die Grundschule an der Esinger Straße stößt angesichts des prognostizierten Wachstums der Grundschülerzahlen in den kommenden Jahren an ihre räumlichen Grenzen. „Tornesch ist familien- und kinderfreundlich und will auch in der Zukunft alle ortsansässigen Kinder mit einem qualitativ hochwertigen Schulplatz versorgen können”, sagt Kählert. Deshalb haben Verwaltung und Politik eine Schulraumbedarfsanalyse angeschoben. Ziel ist es, den Standard und über Schülerzahlen den Bedarf zu ermitteln. Daraus abgeleitet wird, ob Schulanbauten oder gar ein Neubau erforderlich werden.

Die seit 17 Jahren an der Fritz-Reuter-Schule bestehende Betreuungsklasse kann dem wachsenden Bedarf nicht mehr entsprechen, und so wurde gemeinsam mit Erzieherinnen, Schulleitung, Eltern und Politik der Übergang in eine Ganztagsschule beschlossen. Von den 380 Schülern nehmen etwa 170 das Angebot wahr. Bislang war die Betreuungsklasse privat organisiert, doch nun soll der Träger, der auch die Schulbegleiter am Vormittag sicherstellt, die Ganztagsbetreuung übernehmen. Alle Mitarbeiterinnen der ehemaligen Betreuungsklasse wurden übernommen. Dieses Modell wird in Kooperation mit dem Kreis Pinneberg zwei Jahre getestet.

In diesem Zusammenhang ist es notwendig, eine Mensa anzubauen. Bislang wird das Essen geliefert. Gleichzeitig werden die Räume der bisherigen Betreuungsklasse saniert, die WCs erweitert und Änderungen am Schulgebäude vorgenommen

2021 geht es um die Umsetzung. Die Kosten werden derzeit auf etwa 1,5 Millionen Euro geschätzt. Hilfreich ist das Förderprogramm des Bundes, das in einem ersten Schritt rund 175.000 Euro in Aussicht stellt. Allerdings sind sowohl für den Bau und die Abrechnung der Fördermittel ein sehr enger Zeitrahmen bis zum Ende des Jahres 2021 gesetzt. „Das setzt ein sehr straffes Vorgehen voraus, bei dem es bitte keine Probleme im Ablauf geben darf“, sagt die Bürgermeisterin. Sollten nämlich die Fristen nicht eingehalten werden, entfällt das Fördergeld.

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