Tatort Pinneberg

Urteil: Sechs Jahre Haft für die Tötung der eigenen Mutter

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Arne Kolarczyk
Irfan S. versteckt zum Auftakt des Verfahrens im November sein Gesicht hinter einem Aktenordner.

Irfan S. versteckt zum Auftakt des Verfahrens im November sein Gesicht hinter einem Aktenordner.

Foto: Arne Kolarczyk

Schwurgerichtskammer des Landgerichts Itzehoe weist psychisch kranken Täter Irfan S. (41) zunächst zur Therapie in die Psychiatrie ein.

Pinneberg/Itzehoe. Irfan S. nahm am Montag das Urteil zur Kenntnis, ohne mit der Wimper zu zucken. Dem 41-Jährigen war offenbar schon vorher klar, wohin ihn sein Weg führen würde: zunächst in die Psychiatrie, dann in Haft. Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Itzehoe befand den psychisch erkrankten Pinneberger für schuldig, Mitte Mai seine pflegebedürftige Mutter in der gemeinsamen Wohnung erstickt zu haben. Wegen Totschlags, begangen im Zustand verminderter Schuldfähigkeit, verhängten die Richter sechs Jahre Haft und verfügten zudem die Einweisung des Angeklagten in den Maßregelvollzug.

Es war ein besonderer Fall, mit dem sich das Gericht seit Mitte November an sieben Prozesstagen befassen musste. Denn sowohl der Täter als auch das 71 Jahre alte Opfer waren beide an Schizophrenie erkrankt und lebten in einer Zwei-Zimmer-Wohnung an der Friedrich-Ebert-Allee in einer Art Schicksalsgemeinschaft. 2017 war Irfan S. zu seiner Mutter gezogen, um diese nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes zu unterstützen. Ein enges Verhältnis verband beide nicht. Der heute 41-Jährige war erst in einem Heim und dann mit seinen Geschwistern bei einem Onkel aufgewachsen. Hinzu kam, dass Nazim A. (71) nur Urdu sprach, ihr Sohn jedoch die pakistanische Nationalspreche nicht beherrschte.

"Der Angeklagte war mit der Wohnsituation und der Pflege seiner psychotischen und körperlich ungepflegten Mutter überfordert", so der Vorsitzende Richter Dominik Groß. Hinzu komme, dass Irfan S. selbst seit 2011 an Schizophrenie leiden würde, er jedoch die ihm verordneten Medikamente eigenmächtig abgesetzt habe. Groß: "Bei ihm vermischte sich zunehmend tatsächliches Erleben mit psychotischen Zuständen." In der Folge sei bei dem 41-Jährigen immer häufiger ein aggressives Verhalten zu beobachten gewesen, was sich gegen Mitarbeiter des Pflegedienstes, unbeteiligte Passanten auf der Straße, aber auch gegen seine Mutter gerichtet habe.

So sei Irfan S. im Oktober 2019 wegen eines Angriffs auf einen Pfleger verurteilt worden. Ende 2019 sei ihm dann in einem Gewaltschutzverfahren, angestrengt vom gesetzlichen Betreuer der Mutter, vorläufig untersagt worden, diese zu misshandeln. Weil die 71-Jährige jedoch bei einem Vor-Ort-Termin des Gerichts in der Wohnung Ende Februar wirre Angaben machte, sei dieses Verfahren eingestellt worden. Letztmalig sei es dann zwei Wochen vor der Tat zu einem Polizeieinsatz in der Wohnung gekommen, als Nachbarn aufgrund eines lautstarken Streits die Polizei riefen.

Auch am Tattag, dem 17. Mai 2020, vernahmen Nachbarn gegen Mittag zehn bis 30 Minuten lang laute Schreie eines Mannes und das Wimmern einer Frau aus den Räumen, zudem soll es so geklungen haben, als ob Gegenstände durch die Gegend flogen. "Wir halten es für möglich, dass dies die Tatzeit war", so Groß weiter. Genau beweisen lasse sich dies jedoch nicht. Laut Rechtsmedizin habe der Todeszeitpunkt zwischen dem Mittag und 1.30 Uhr nachts gelegen. Am Morgen des Tattages habe eine Mitarbeiterin des Pflegedienstes Nazim A. noch in der Wohnung angetroffen, mittags und spätnachmittags nicht mehr. Das sei jedoch nicht ungewöhnlich gewesen und das Zimmer des Angeklagten sei vom Pflegedienst nie betreten worden.

"Wir gehen nach der Beweisaufnahme davon aus, dass der Angeklagte die Handgelenke seiner Mutter fesselte und gegen ihren Hals einwirkte im Wissen, sie dadurch zu töten", so der Vorsitzende Richter. Irfan S. habe entweder ein Drosselungswerkzeug wie ein Kissen benutzt oder alternativ einen Unterarmwürgegriff angewandt. Nachdem der Tod eingetreten sei, habe er die Fesseln gelöst und seine Mutter auf ihrem Bett drapiert. Die Tote sei dann am Morgen des 18. Mai vom Pflegedienst gefunden worden.

"Der Angeklagte hat sich im Verfahren nicht zur Sache eingelassen und in seinem letzten Wort die Tat bestritten", so Groß weiter. Die Kammer habe jedoch angesichts der Gesamtschau der Umstände keinen Zweifel an der Täterschaft des 41-Jährigen. Dieser habe sich zum Auffindezeitpunkt der Leiche in der Wohnung befunden. Diese sei verschlossen und aufgeräumt gewesen und es habe keine Anhaltspunkte gegeben, dass sich zwischenzeitlich andere Personen in den Räumen befunden hätten. Groß: "Und der Angeklagte hatte ein Motiv, er wollte sich aus der für ihn belastenden Situation des Zusammenlebens mit seiner Mutter befreien."

Irfan S. habe nach seiner Festnahme zwei Polizisten gegenüber eingeräumt, dass er seine Mutter umgebracht habe und habe diese Aussage wenig später gegenüber einer weiteren Beamtin wiederholt. Groß: "Wir halten die Beamten für glaubwürdig." Der 41-Jährige habe mit direktem Vorsatz gehandelt und seine Tatausführung habe "eine gewisse Planung vorausgesetzt". Durch seine Erkrankung sei er zwar in der Lage, das Unrecht seines Tuns einzusehen, seine Steuerungsfähigkeit sei jedoch erheblich eingeschränkt. Daher sei die Strafe zu mildern. Und weil Irfan S. unbehandelt "eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt", müsse er zunächst in der geschlossenen Psychiatrie therapiert werden und im Anschluss die verbliebene Reststrafe absitzen.

Staatsanwältin Maxi Wantzen, die acht Jahre Haft und eine Unterbringung gefordert hatte, will nicht in Revision gehen. Verteidiger Jens Hummel, der auf Freispruch plädiert hatte, kündigte jedoch an, Rechtsmittel gegen das Urteil prüfen zu wollen.

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