Kreis Pinneberg

Was die Mützenmacherin aus der Marsch antreibt

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Kitty Haug
Nina Lupp in ihrem Atelier in Hetlingen.

Nina Lupp in ihrem Atelier in Hetlingen.

Foto: KITTY HAUG / Kitty Haug

Als sie an Krebs erkrankte, nähte sich die Hetlingerin Nina Lupp schöne Kopfbedeckungen. Heute liefert sie sogar nach Übersee.

Hetlingen.  Jede Kommode ist anders. Kein Stuhl gleicht dem anderen. Und auch die Tische haben ihren eigenen Charakter. Mit Kreidefarbe gibt Nina Lupp jedem Teil seinen eigenen Charme. „Habseligkeiten vom Deich“ nennt die 58-Jährige ihre kleine Werkstatt in Hetlingen. Am Eckhorst, in einem ehemaligen Bauernhof, schenkt sie in Workshops alten Möbeln neues Leben. Aber das ist längst nicht alles. Stichwort: neues Leben.

Ein paar Räume weiter stehen zwei Nähmaschinen, ein Zuschneidetisch und Fadenrollen. In den Regalen stapeln sich bunte Stoffe. Doch was wie eine normale Schneiderwerkstatt aussieht, ist es nicht. Denn hier schneidert die ausgebildete Bankkauffrau keine Kleider oder Hosen, sondern Mützen für Krebspatienten, die während einer Chemo- und Strahlentherapie ihre Haare verlieren. Auch Kranke, die am kreisrunden Haarausfall leiden, gehören zu ihren Kunden. ,,Feel Good-Mützen“ (Wohlfühl-Mützen) nennt sie die Maßanfertigungen in allen Formen und Farben. Anfragen kommen aus ganz Deutschland, aber auch aus der Schweiz, Italien, Luxemburg, sogar aus Brasilien und den USA.

Die Diagnose 2006 ist ein Schock

Fünf Jahre kämpfte Nina Lupp selbst gegen den Krebs. Am 31. Januar 2006 erhielt sie die Diagnose Brustkrebs. „Das war ein Schock“, sagt die Frau mit den braunen Haaren. Es folgen eine Operation, Chemotherapien und Bestrahlung. Sie verliert ihre damals noch schulterlangen Haare, aber nicht den Mut. „Ich wollte nicht sterben“, sagt sie. Heute erinnert ein kleines Foto in ihrem Flugblatt an ihre Leidenszeit. Es zeigt Lupp ohne Haare, aber mit einem Lächeln: „Denn auch wenn der Kopf kahl ist, sollte er hoch getragen werden.“

Um den kahlen Kopf zu verstecken, lässt sie sich eine Perücke anfertigen. Doch der „Fiffi war unbequem, auf Dauer drückt so eine Perücke“, sagt sie. Mützen haben meistens einen Gummizug, „sehen nach Chemo aus und lassen dich erst recht krank wirken.“ Auch die Tücher gefallen ihr nicht. So greift sie zu Stoff und Schere, entstaubt ihre Nähmaschine und fängt an, Mützen zu nähen. Vier Tage dauert es, bis sie „den richtigen Schnitt“ findet. „Nähen konnte ich schon immer“, sagt sie, denn der Vater war Herrenschneider und ließ sie als Kind und Jugendliche Kleinigkeiten aus Stoffresten nähen; mal ein kleines Stofftier oder später ein neues T-Shirt.

Andere Patientinnen zeigen Interesse

Lupp trägt ihre Mützen dann täglich, auch im Wartezimmer in der Onkologie. Dort sprechen sie andere Patientinnen auf die Kopfbedeckungen an. „Die Menschen begegneten mir anders. Nicht der Krebs war das Thema, sondern meine Mützen.“ Viele wollen auch eine Feel-Good-Mütze. Also beginnt Lupp zu nähen.

Und das Nähen lenkt sie ab. Aus ihrer Notlösung wird ein Geschäftsmodell. Ohne Ausbildung wird sie als Schneiderin anerkannt, meldet ein Gewerbe an, entwirft eine Webseite und verteilt ihre Prospekte in Krankenhäusern und Arztpraxen. Betriebswirtschaftliches Wissen hatte sie sich bei ihren vorherigen beruflichen Stationen angeeignet. Während Lupp Mütze um Mütze näht, kämpft sie selbst noch immer gegen den Krebs. „Das Nähen war ein Stück Therapie, ich hatte etwas zu tun“, sagt Lupp.

Persönlicher Kundenkontakt ist wichtig

Ihr Ehemann stellt sie nach dem Behandlungsende vor die Frage, ob sie es aushalten könne, nach ihrer Gesundung weiter mit der Krankheit Krebs konfrontiert zu werden. Sie kann. Und näht weiter. „Das Gefühl, Frauen zu helfen, die dasselbe durchgemacht haben wie ich, motiviert mich.“

Mittlerweile hat sie Sommer-, Winter- und weiche Nachtmützen im Sortiment, sogar die passenden Schals können erworben werden. Online bestellen lassen sich die Kopfbedeckungen aus dem Internet allerdings nicht. „Mir ist der persönliche Kontakt zu den Frauen wichtig“, sagt Lupp. Jede Mütze ist „ein individuelles Produkt für die individuelle Zeit“. Da ist der Kopfumfang wichtig, die Augenfarbe, oder ob jemand ein blasser oder dunkler Hauttyp ist. Natürlich steht sie auch als Gesprächspartnerin zur Verfügung, erzählt ihren Kundinnen von ihren eigenen Erfahrungen mit der Krankheit.

Jeder Besuch ist eine Geschichte, die ihr nahegeht. Oft fließen Tränen. Für ihren starken Willen, ihre Kreativität sowie ihr Engagement für Leidensgenossinnen erhielt Lupp den „Pulsus Award“ in der Kategorie Kämpfer des Jahres 2012, dem Gesundheitspreis der Techniker Krankenkasse. Und bereits viermal wurde sie von der Hutmacher-Innung mit dem ersten Platz gekürt.

In Mal-Workshops alte Möbel aufwerten

Vor zehn Jahren stieß Lupp dann auf Kalk- und Kreidefarben. Sie entdeckte diese eigene Welt der Kolorierung für sich, strich alles, was ihr unter die Finger kam, und experimentierte mit vielen unterschiedlichen Techniken. Seit drei Jahren bietet sie Frauen, die geheilt sind, nun sechsstündige Mal-Workshops an, in denen kleine Möbelstücke aufgewertet werden.

Nicht das Objekt steht hier im Mittelpunkt, sondern der Entstehungsprozess, die Freude am Ausprobieren, am Spiel mit Farben und Formen. Der Erfahrungsaustausch in der Gruppe Gleichgesinnter regt zusätzlich an und eröffnet neue Horizonte. Und so ist auch das Malen eine der Art Therapie für die Hetlingerin, denn „die Arbeit mit den Farben lenkt von den Schicksalen der Frauen ab“.

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