Ortsentwicklung

Rellingen hat jetzt einen neuen Masterplan

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Katja Engler
Der Blick von oben (oder von außen) hilft manchmal bei den Zielen für die Entwicklung: Rellingen von der schmalen Plattform über der Kuppel der Kirche aus gesehen.

Der Blick von oben (oder von außen) hilft manchmal bei den Zielen für die Entwicklung: Rellingen von der schmalen Plattform über der Kuppel der Kirche aus gesehen.

Foto: Katja Engler

Nach 14 Monaten ist das Ortsentwicklungskonzept so gut wie fertig. Was drin steht, und warum die Politik das letzte Wort hat.

Rellingen. Der lange Weg ist nun vollbracht: Aus dem großen Wunschkonzert, das aus mehreren hundert Vorschlägen und Kritikpunkten von Rellinger Bürgerinnen und Bürgern sowie 14 Monaten Grundlagenarbeit zusammengefügt wurde, hat das beauftragte Beratungsbüro Cima jetzt das nahezu fertige Ortsentwicklungskonzept erstellt. Ab sofort ist es über die Homepage www.oek-rellingen.de einsehbar – mit der Ermunterung an die Einwohner, sich dazu zu äußern. Am 11. Februar wird es von 19 Uhr an auf digitalem Wege über Zoom vorgestellt, und Bürger, die sich über einen link einloggen (anzufordern über h.poppner@rellingen.de), können dann virtuell darüber diskutieren.

„Ich war erfreut, dass die digitale Beteiligung so gut angenommen wurde. Das hatte ich so nicht erwartet“, sagt Bürgermeister Marc Trampe. Zum einen habe das Konzept Bekanntes bestätigt, etwa dass „in Rellingen der Verkehr unter den Nägeln brennt und dass wir da Probleme in allen Ortsteilen haben“, so Trampe. Andererseits solle das Konzept auf gar keinen Fall für die Schublade sein, sondern spürbare Veränderungen in Gang setzen: „Ich möchte, dass es Ende März von der Gemeindevertretung beschlossen wird.“ Was dann als erstes umgesetzt werde, entscheide die Politik, „wir werden aber gleich einen Zeitplan vorlegen, denn wir wünschen uns einen nahtlosen Übergang“, sagt der Bürgermeister. Er habe konkrete Vorschläge.

Da einige Veränderungen an die Grenzen des Eigentumsrechts, die Belange von Nachbargemeinden oder die Zuständigkeit von Land und Bund stoßen oder mit Interessenkollisionen zu tun haben, will Trampe sich zunächst „auf die Dinge konzentrieren, die wir beeinflussen können.“ Erfreulicherweise geht das Entwicklungskonzept weit über Allgemeinplätze hinaus, leitet stets nachvollziehbare, konkrete Vorschläge ab und rechnet zugleich vor, was deren Umsetzung kostet. Ein unschätzbarer Vorteil. Die Punkte im Einzelnen:

Gemeinschaftstreffpunkte

Keine noch so gute Neuerung ist sinnvoll, wenn sie leer bleibt. Attraktive Orte, die den Zusammenhalt stärken und zu Kreativität ermutigen, sind eine zentrale Grundvoraussetzung für eine gute Weiterentwicklung eines Ortes, aber oft Mangelware. In dieser Hinsicht wurde in Rellingen einiges auf den Weg gebracht: Die Bücherei zieht bald um in den Appelkamp und wird multifunktional umgebaut, die Hälfte der künftigen Fläche wird als Bildungsort zur Verfügung stehen, sozusagen als öffentliches Wohnzimmer für alle, wofür die Vernetzung der Akteure immer wichtiger wird.

Auch die neue Krupunder Bücherei wird künftig frei nutzbar sein. Da ein neues Gemeindehaus im Zentrum gebaut werden soll, wird mit dem alten auch der beliebte Jugendkeller verschwinden, den der dortige sehr engagierte Diakon geleitet hat. Die Frage, wo ein neuer hin soll, steht weiter im Raum.

Andererseits wird das Jugendzentrum Oase neben der Caspar Voght Schule nahezu doppelt so groß. Draußen soll Platz zum „Chillen“ und für Gemüsebeete sein, der Verkehrsübungsplatz soll wieder aktiviert werden, und ein Dirt Park soll dort entstehen. Das ist ein Parcours für BMX-Radler. Die Planungskosten stehen bereits im Haushalt 2021. Wichtig ist, dass auch das beliebte Turnerheim, ein wunderschönes, mit Reet gedecktes altes Haus, nicht ins Hintertreffen gerät. Dessen Erhalt ist teuer und sollte öffentlich finanziert werden.

Verkehr

Da der Durchgangsverkehr allenfalls zu steuern, aber nicht zu verhindern ist und das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln nur im Verbund mit anderen Gemeinden verändert werden kann, ist der innergemeindliche Autoverkehr in den Blick gerückt: „Die Förderung sicherer Fuß- und Radwegeanbindungen und ein attraktives ÖPNV-Angebot sind obligatorisch“, heißt es. Eine Verkehrswende im Kleinen sieht das Büro Cima darin, möglichst viele Rellinger vom Auto aufs Fahrrad zu locken oder sie für das Zu-Fuß-Gehen zu erwärmen. Eine Fahrradroute von Pinneberg nach Schnelsen ist bereits in Planung.

Möglichst viel Verkehr aus der Ortsmitte herauszuhalten, ist ein vorrangiges Ziel, um diese aufwerten zu können. Zwingend gehören dazu breitere Fuß- und Fahrradwege, die barrierefreie Zugänglichkeit und genügend Möglichkeiten, Fahrräder sicher anzuschließen, so das Konzept. Teurer sind Vorschläge, die nahe Autobahn 23 betreffend: Durch Lückenschlüsse der Lärmschutzwände, Flüsterasphalt, Geschwindigkeitsbegrenzung oder sogar eine Überdeckelung lasse sich der Verkehrslärm von dort reduzieren.

Naturschutz

Hier geht das Konzept selten ins Detail. Grün sollte möglichst insektenfreundlich angepflanzt werden, Schottergärten zurückgedrängt und Dächer begrünt werden, indem zukünftige Bebauungspläne solche Dinge festschreiben. Dem könnten Aufklärungskampagnen zu ökologisch wertvoller Bepflanzung und Vogelschutz dienen, auch schlagen die Berater die Entwicklung einer Rellinger Blühmischung für verschiedene Bodenarten vor. Blühstreifen könnten über Patenschaften besser in Schuss gehalten werden und die Gemeinschaft stärken.

Ortskern beleben

Im Ortskern rund um Edeka Böge und den Arkadenhof gegenüber dem Rathaus herrscht eine schwierige, festgefahrene Gemengelage. Eine Umgestaltung kann „nur im Zusammenspiel mit den Eigentümern (...) erfolgen“, so das Beratungsbüro. Das Areal hinter und neben dem dem Supermarkt wirkt heruntergekommen, und im etwas altbackenen Arkadenhof stehen seit Jahren Ladenlokale leer. Die Eigentümer der dazu gehörigen Wohnungen waren von dem jetzt nochmal vehement geäußerten Wunsch nach mehr Lebendigkeit im Arkadenhof und einem besseren Gastronomie-Angebot bisher nicht zu entflammen. Aber muss das so bleiben?

Die Berater sagen, das Gelände sei als Ganzes zu betrachten, mit Tanzschule, Gastro, Apotheke. Der überwiegende Teil der Investitionen sei privat zu tätigen. Statt Restaurants schlagen sie alternativ eine Kaffeerösterei, eine Chocolaterie, einen Teeladen oder ein Reformhaus vor. So oder so lässt sich beim Mobiliar wirksame Kosmetik betreiben: Neue Bänke, Mülleimer, Beleuchtung, Fahrradständer, neue Wasserspiele, Beete und ein neuer Bodenbelag könnten einiges hermachen, jeden Monat eine öffentliche Aktion im Ortszentrum, ehrenamtlich organisiert, würde mehr Menschen in die Ortsmitte holen.

Tolle Ideen sind auch zum Sportplatz hinterm Rathaus gekommen. Dieser könne zum „Bewegungstreffpunkt für alle Generationen und Fitnesslevels“ werden – durch neue Trainingsstationen, und eine erneuerte Laufbahn. Und ganz generell könnten hübsche Plätzchen unter freiem Himmel durch das Aufstellen von Bänken einladender werden. Ob dagegen die Anrainer an das Mühlenau-Ufer bereit wären, einen Teil ihres Grundstücks zu räumen und für einen öffentlichen Spazierweg zur Verfügung zu stellen, ist fraglich. Aber schön wär’s...

Und was Kinder angeht: Die meisten Spielplätze, so das Konzept, sind fast nur mit Geräten für Kleinkinder ausgestattet, ältere Kinder langweilen sich dort. Da gibt’s eindeutig Nachholbedarf.

Bauen und Wohnen

Die Konkurrenz um freie Flächen wird sich zukünftig noch verstärken. Das macht eine gute Konfliktmoderation von Anfang an zwingend notwendig. Zwar sei das Wohnen im Einfamilienhaus mit Garten die vorherrschende Wohnform, aber mit anderen Wohnformen sehe es mau aus. Es fehle an einem Grundmaß an bezahlbarem Wohnraum, und in der Mitte der jeweiligen Ortsteile an Mehrgenerationenhäusern, Senioren-WG’s, barrierefreien Appartements und anderen alternativen Wohnformen.

Gewerbe

Beim Halten von Gewerbetreibenden im Ort und bei der Ansiedlung neuer Unternehmen betont das Büro, dass die letzten verfügbaren Flächen an Betriebe zu vergeben seien, „die den bestmöglichen Beitrag zu einem zukunftsfähigen Gewerbestandort leisten können“. Auch sei über energetische Quartierskonzepte nachzudenken, um das energetische Potenzial von Gewerbebetrieben für die direkte Nachbarschaft nutzbar machen zu können, etwa durch die Nutzung von Abwärme. Kurzum: Wer sich auf den raren Flächen ansiedelt, muss seinen Beitrag für die Allgemeinheit bringen.

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