Kreis Pinneberg

Erinnerung an Widerstandskämpfer der ersten Stunde

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Burkhard Fuchs
Die Schutzformnation, der Kampfverband der SPD, vor der Friedrich-Ebert-Schule in Uetersen im März 1933 mit ihrem Anführer Victor Andersen direkt unterhalb des Fahnenträgers.

Die Schutzformnation, der Kampfverband der SPD, vor der Friedrich-Ebert-Schule in Uetersen im März 1933 mit ihrem Anführer Victor Andersen direkt unterhalb des Fahnenträgers.

Foto: Burkhard Fuchs / Heimatverband / Kreisjugendring / Burkhard Fuchs

Im Jahrbuch des Heimatverbands: der Uetersener Victor Andersen, der unter den Nationalsozialisten litt und für Demokratie stritt.

Uetersen.  Er war sein Leben lang überzeugter Sozialdemokrat und erbitterter Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Für seinen Einsatz gegen den Faschismus musste Victor Andersen mit Folter, Schikane, jahrelanger KZ-Haft, Isolation und Dienst an der Kriegsfront teuer bezahlen. Der Heimatverein des Kreises Pinneberg hat dem großen Uetersener Kämpfer für die Demokratie ein Kapitel im aktuellen Heimatbuch 2021 gewidmet.

Vor 75 Jahren, im ersten Nachkriegsjahr, wurde Andersen der erste Jugendpfleger des Kreises Pinneberg, der er 26 Jahre lang blieb. Der Kreisjugendring würdigte die Verdienste seines Gründungsvaters von 1947, indem er die Jugendbildungsstätte in Barmstedt zwei Jahre nach dessen Tod 1997 zum „Victor-Andersen-Haus“ ernannte.

Weltoffenheit wurde ihm in die Wiege gelegt

Jens Victor Emanuel Andersen, wie er mit vollem Namen hieß, war Zeit seines Lebens ein weltoffener Demokrat. „Ich bin Europäer“, erklärte er kurz vor seinem Tod in einem langen Gespräch dem Autor dieser Zeilen sein politisches Selbstverständnis.

1907 im dänischen Haderslev geboren, das damals zum deutschen Kaiserreich gehört, mit einer schwedischen Mutter Emmy und einem italienischen Großvater namens Victor Emanuel Sperrati, der mit einer Norwegerin verheiratet ist, wird Andersen diese Weltoffenheit quasi in die Wiege gelegt. Zu Hause spricht man überwiegend Dänisch, Schwedisch und Plattdeutsch, notiert die Autorin Sigrid Kaßbaum aus Tornesch im Heimatbuch.

1909 zieht die Familie nach Uetersen

1909 zieht die Familie nach Uetersen um, wo Vater Peter Andersen jahrzehntelang die SPD anführt. Von 1918 bis zur Machtergreifung der Nazis 1933 ist der gelernte Bäcker Vorsitzender des SPD-Ortsvereins und nach dem Krieg erster Bürgervorsteher Uetersens. Auch er wird mehrfach verhaftet und überlebte das KZ Neuengamme.

Sohn Victor, wie er seit seiner Einschulung mit seinem zweiten Vornamen gerufen wird, tritt bereits mit 17 im Jahr 1924 in die SPD ein. Er lernt in der Maschinenfabrik Hatlapa Maschinenschlosser und arbeitet bis zu seiner Einberufung an die Front im Juli 1943 immer mal wieder für den Schiffsausrüster, der während des Krieges für die Rüstungsindustrie systemrelevant ist. Auch als Leichtmatrose auf Elbe-Küstenschiffen ist der spätere leidenschaftliche Segler unterwegs. Andersen ist schlank, drahtig und sehr sportlich. Der Mann, der 75 Jahre lang dem TSV Uetersen angehören wird, lernt in jungen Jahren Boxen und Jiu Jitsu und lässt sich zum Schwimmmeister ausbilden; 1929 bis 1932 arbeitet er in der Jürgen-Frenzel-Schwimmhalle und im Freibad Oberglinde in Moorrege.

Saalschlachten mit SA-Sturmtruppen geführt

Andersens Demokratieverständnis lässt sich von Gewalt nicht abschrecken. Im Gegenteil. Eine Demokratie, noch dazu die junge deutsche in den 1920ern, muss wehrhaft sein gegen ihre Feinde von rechts und ganz links, so sein Selbstverständnis. Noch während der Weimarer Demokratie tritt er dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold bei, einem Kampfbündnis von SPD, DDP und Zentrum, das sich mit ganzer Kraft den rechten und nationalen Kampfbünden wie dem Stahlhelm oder der SA der Nazis widersetzt.

Als Anführer der Schutzformation (Schufo) der SPD liefern sich Andersen und seine Gefolgsleute regelmäßig Saalschlachten mit den SA-Sturmtruppen. „Da blieb kein Augen trocken, kein Stuhl und Tisch mehr ganz“, erinnerte er sich Jahrzehnte später an diese aufregende und aufrührende Zeit, wenn die politischen Gegner mit ihren Kampftruppen im „Stadt Hamburg“, dem heutigen
„Cap Polonio“, in Pinneberg aufeinandertrafen.

Kurz vor Weihnachten 1934 wird Andersen verhaftet

Als die SPD im Juni 1933 von den Nazis verboten wird, macht Andersen sofort im Untergrund mit seinem antifaschistischen Widerstand weiter. Er gehört der Elmshorner Gruppe „Waterkant“ an, in der sich Sozialisten, Kommunisten und Sozialdemokraten zur Einheitsfront gegen das NS-Regime zusammengefunden haben. Sie halten Dutzende konspirative Treffen ab, organisieren den Widerstand der ersten Stunde, verfassen Flugblätter und Artikel und verteilen Essensmarken an die durch Massenarbeitslosigkeit notleidende Bevölkerung.

„Ich beschloss, illegal weiter zu arbeiten“, zitiert Autorin Kaßbaum, wie sich Andersen fünf Jahrzehnte später an diese Zeit des Umbruchs erinnerte. „Aber wie. Im Februar 1933 begannen bei uns die Haussuchungen und Verhaftungen. Meine erste Verhaftung erfolgte am 2. Mai 1933.“ Für einige Wochen kommt er ins KZ nach Glückstadt, wird aber wieder entlassen.

Eine Woche vor Weihnachten 1934 ist es dann vorbei mit dem Widerstand Andersens gegen das Nazi-Regime. Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) verhaftet ihn direkt an seinem Arbeitsplatz bei Hatlapa, wo er für 422 Reichsmark im Monat als Fräser arbeitet. „Die kamen mit Schlapphut, Ledermantel und hochgeschlagenem Kragen“, erzählte Andersen 1995. Auf dem Polizeirevier wird er schwer misshandelt und verliert drei Zähne.

Carl von Ossietzky getroffen

Über das KZ Fuhlsbüttel und das Zuchthaus Rendsburg gelangt er in das KZ Esterwegen und das dortige Strafgefangenenlager Aschendorfer Moor, wo damals politische Häftlinge unter grausamsten Verhältnissen zum Torfstechen gezwungen werden. Erst ein Jahr später wird Andersen offiziell wegen angeblicher Anstiftung zum Hochverrat zu vier Jahren Haft verurteilt, die er dann im KZ Esterwegen südlich von Papenburg am Küstenkanal nahe der holländischen Grenze verbringt, wo er auf Carl von Ossietzky trifft. Jenen Journalisten, Pazifisten und Herausgeber der Weltbühne, der 1938 an in diesem KZ-Straflager erlittenen Misshandlungen stirbt – zwei Jahre, nachdem ihm der Friedensnobelpreis zugesprochen worden ist. Auch das „Lied vom Moorsoldaten“ ist in diesem ersten KZ der Nazi-Diktatur entstanden.

Zusammen mit Andersen werden in dem Prozess von 1935 insgesamt 268 Widerstandskämpfer aus dem Raum Elmshorn wegen angeblichen Hochverrats verurteilt, 31 von ihnen aus Uetersen. „Das Recht war verdreht“, bemerkt Heimatbuch-Autorin Kaßbaum: „Der Angeklagte musste seine Unschuld beweisen. Die Menschen wurden in höchstens zwei Tagen abgeurteilt, wobei die Hauptverhandlung nur wenige Stunden in Anspruch nahm.“

Die Familie Andersens leidet schwer in dieser Zeit, hat kaum Geld. Seine erste Frau Minna trennt sich von ihm. Die Töchter Hilde und Emmi wachsen bei den Großeltern beziehungsweise einer anderen Familie auf. Victor Andersen heiratet 1942 erneut. Mit Elli Richlich hat er mit Marlies und Dagmar wieder zwei Töchter. Im Januar 1939 ist er aus der Haft entlassen worden. Und Max Hatlapa, der ihn wieder einstellt, bewahrt ihn zunächst vor dem Fronteinsatz. Das Nazi-Regime erklärt anfangs politische Gefangene für „wehrunwürdig“.

Von der Front in die Kriegsgefangenschaft

Doch das ändert sich mit dem Kriegsverlauf. Im Juni 1943 wird Andersen mit 8000 anderen „Politischen“ in das Strafbataillon 999 einberufen. Er kommt zunächst nach Baden-Württemberg, wo das ASB-Mitglied eine Sanitätsausbildung absolviert. Dann muss er an die Front nach Korfu, wo er zunächst Glück hat. Er sollte den dortigen Kommandanten Oberleutnant Polte im Beiwagen einer 600er Victoria über die griechische Insel fahren und hat viel Freizeit, wie er sich erinnerte.

Doch dann wird er an die Front zum Einsatz gegen die Partisanenkämpfer in Albanien gerufen. Es wird scharf geschossen. Rückzug ist angesagt. „Wir Deutschen waren nur noch Hasen da“, erzählte Andersen 50 Jahre später.

Im April 1946 kommt Andersen frei

Bereits im Oktober 1944 befreit die britische Armee das östliche Mittelmeer von der Wehrmacht. Andersen wird mit Tausenden Kameraden im Stadion der süditalienischen Stadt Tarent gefangen gehalten. Wieder hat Andersen Glück. Es herrscht dort eine Zweiklassengesellschaft: Offiziere und Sanitäter werden besser behandelt als normale Soldaten. Er hat Anspruch auf Rasiercreme, Seife und 125 Zigaretten (Chesterfields) die Woche. Die er erst ablehnt, dann aber als wichtiges Tauschmittel begreift.

Erst ein Jahr nach Kriegsende im April 1946 wird Andersen aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Nun beginnt für ihn ein zweiter, noch viel längerer Kampf – gegen die westdeutsche Bürokratie. Zwar wird er 1951 vom Sonderhilfsausschuss des Kreises Pinneberg als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt. Aber seine Rückenschmerzen und seine Kurzatmigkeit durch eine im Krieg erlittene Wirbelsäulenverletzung und Malaria-Erkrankung werden lange Zeit nicht anerkannt. Erst 1970 erhält Andersen eine angemessene Entschädigung.

Tochter erinnert sich an einen liebevollen Vater

Seine zweite Ehe geht auch in die Brüche. Er heiratet 1976 ein drittes Mal, nämlich Hildegard Waltraute Grosse, die ihm bereits 1955 die fünfte Tochter Anne-Kathrin geschenkt hat und mit der er inzwischen in Prisdorf lebt. Sie haben sich im Fünf-Städte-Heim auf Sylt kennen- und lieben gelernt, wo beide als Betreuer arbeiteten. Andersen ist von 1946 bis 1972 erster Kreisjugendpfleger des Kreises Pinneberg und gründet 1947 den Kreisjugendring.

Anne-Kathrin Andersen, die einzige Tochter Andersens, die heute noch lebt, erinnert sich an ihren „liebevollen Vater“, wie sie erzählt. „Er war im Laufe der Jahre milder, gelassener geworden.“ Er habe kaum über seine KZ-Zeit gesprochen. Sie aber auch wenig danach gefragt. „Das würde ich heute anders machen“, bedauert die Lehrerin, die seit 30 Jahren für die Diakonie und VHS in Pinneberg arbeitet und Flüchtlingen in Alphabetisierungskursen Deutsch als Zweitsprache beibringt.

Sie ist stolz auf ihren Vater und dankbar, dass der trotz seines Kriegs- und KZ-Traumas sich nicht wie andere Heimkehrer in sich zurückgezogen hat. Bis zu seinem Tod im Mai 1995 ist Victor Andersen nicht müde geworden, vor allem Schüler vor der Gefahr von Rechts zu warnen. „Wir haben damals gesagt und geschrieben: ‚Wählt diesen Mann und ihr habt den Krieg‘“, war dabei sein Credo, erzählte Andersen über seine Gespräche mit der Nachkriegsjugend in den Schulen. Ob er denn „Hellseher“ gewesen sei, hätten die ihn gefragt. „Nein. Ich habe 1926 Hitlers ‚Mein Kampf‘ gelesen und den Mann ernst genommen“, pflegte er zu antworten. „Der verwirklicht, was er sagt.“

Worte, die heute wieder wichtiger zu werden scheinen, glaubt seine Tochter Anne-Kathrin.

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