Tatort war Pinneberg

Acht Jahre Haft für Tötung der Mutter gefordert

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Arne Kolarczyk
Irfan S. (40) zu Prozessbeginn im November vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Itzehoe.

Irfan S. (40) zu Prozessbeginn im November vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Itzehoe.

Foto: Arne Kolarczyk

Staatsanwältin beantragt außerdem, Irfan S. dauerhaft in die Psychiatrie einzuweisen. Verteidiger fordert einen Freispruch

Pinneberg/Itzehoe. Für die Tötung seiner Mutter soll Irfan S. acht Jahre in Haft. Das forderte Staatsanwältin Maxi Wantzen am Freitag vor dem Landgericht Itzehoe. Außerdem hat sie die dauerhafte Unterbringung des 40 Jahre alten Pinnebergers, der unter Schizophrenie leidet, in einer psychiatrischen Fachklinik beantragt. Verteidiger Jens Hummel sieht den Fall anders. Er hält den Angeklagten für unschuldig, er sei daher freizusprechen.

Der Prozess gegen Irfan S., der am 17. Mai seine ebenfalls an Schizophrenie erkrankte und schwer pflegebedürftige Mutter Nazim (71) in der gemeinsamen Wohnung an der Friedrich-Ebert-Allee in Pinneberg stranguliert haben soll, läuft bereits seit Mitte November vor der Schwurgerichtskammer. Zuletzt musste er wegen der Corona-Erkrankung einer Schöffin unterbrochen werden. Am sechsten Verhandlungstag hatten nun Staatsanwältin, Nebenklage und Verteidigung das Wort - und erstmals auch der Angeklagte selbst. Der nutzte das ihm zustehende letzte Wort, um zum ersten Mal Angaben zur Tat zu machen. "Ich fühle mich unschuldig", so Irfan S. Er sei "sehr traurig, dass meine Mutter verstorben ist und ich nicht mitbekommen habe, wo und wie sie beerdigt wurde".

Zuvor hatte Staatsanwältin Wantzen deutlich gemacht, dass sie nicht an die Unschuld des Angeklagten glaubt. "Der Tatvorwurf hat sich in der Beweisaufnahme bestätigt", so Wantzen. So sei die 71-Jährige durch eine Strangulation im Halsbereich zu Tode gekommen. Wie genau das vonstatten ging, habe nicht aufgeklärt werden können. Der 40-Jährige habe die Mutter entweder von hinten festgehalten und einen Unterarmwürgegriff angewandt oder ein Drosselungswerkzeug wie etwa ein Kissen oder ein Handtuch benutzt. Wantzen: "Es hat kein großer Kampf stattgefunden, beim Opfer waren keine Abwehrverletzungen feststellbar."

Der Angeklagte habe spontan gegenüber drei Polizisten geäußert, seine Mutter umgebracht zu haben. Er habe außer den Mitarbeiterinnen eines Pflegedienstes als einziger Zugang zur Wohnung gehabt und verfüge über ein Motiv. "Er war mit der Wohn- und der Pflegesituation überfordert", so die Staatsanwältin weiter. Das habe der 40-Jährige zuvor mehrfach so geäußert. Er habe mit Tötungsvorsatz gehandelt, Mordmerkmale seien nicht feststellbar.

Der Angeklagte sei aufgrund seiner Erkrankung nur vermindert schuldfähig, so Wantzen weiter. Aufgehoben sei seine Schuldfähigkeit jedoch nicht. Daher sei sowohl eine Haftstrafe zu verhängen als auch die Einweisung des 40-Jährigen, der laut einem psychiatrischen Gutachter weiterhin als gefährlich gelte, in eine Fachklinik zu verfügen.

Nebenklagevertreterin Anja Steinmüller, die die Tochter der Verstorbenen vertritt, schloss sich den Forderungen der Staatsanwältin an. "Meine Mandantin hatte viele Fragezeichen im Kopf und die Hoffnung, im Verfahren Antworten zu erhalten", so Steinmüller. Das sei teilweise auch gelungen. "Sie hat jetzt teilweise Einblick in die Welt ihres Bruders erhalten, den sie inzwischen als fremde Person empfindet." Sie wünsche ihm jedoch eine Heilung und eine Aufarbeitung seiner Vergangenheit. "Wir haben es hier ein Stückweit mit einer Tragödie zu tun. Ein psychisch kranker Mensch pflegt seine psychisch kranke Mutter", so die Nebenklagevertreterin weiter.

Irfan S. habe zwar nach Hilfe gerufen, "aber vielleicht nicht laut genug". Hinzu komme, dass der Pflegedienst nie viel Zeit für die 71-Jährige aufgewendet habe, obwohl diese in Pflegestufe IV eingestuft gewesen sei. Steinmüller: "Niemand hat hinterfragt, ob sie sich noch selber waschen, einkaufen und die Wäsche machen konnte."

Ähnlich argumentierte Verteidiger Hummel. "Wir haben es hier mit einer Anklage gegen einen Menschen zu tun, es ist aber gleichzeitig eine Anklage gegen unser Pflegesystem." Der Pflegedienst habe lediglich Fünf-Minuten-Termine in der Wohnung absolviert, obwohl ein erheblicher Pflegeaufwand vonnöten gewesen wäre. Auch der vom Gericht bestellte Betreuer der alten Frau habe darüber hinweggesehen, sodass ihr Tod quasi unter staatlicher Kontrolle erfolgt sei. Hummel nannte es "empörend und nicht hinnehmbar, dass man zwei psychisch kranke Menschen einfach mal hat machen lassen". Die gesamte Last habe der Angeklagte tragen müssen, der daran verzweifelt sei.

Dennoch machen es sich laut Hummel Staatsanwaltschaft und Nebenklage zu einfach, seinen Mandanten als Täter abzustempeln. Die Polizei habe eindimensional ermittelt, keinen alternativen Täter in Erwägung gezogen. So sei unklar geblieben, wie viele Schlüssel zur Wohnung der Pflegedienst hatte, zudem habe das Opfer immer mal wieder Schlüssel verloren. Die spontane Selbstbezichtigung des Angeklagten könne durch seine Krankheit ausgelöst worden sein. "Daraus auf ein Geständnis zu schließen, halte ich für problematisch."

Die genauen Tatumstände würden sich auch deswegen nicht mehr aufklären lassen, weil die Beamten keine Faserspuren an der Kleidung des Angeklagten gesichert hätten. Zudem lasse sich der Tatzeitraum auch nur sehr grob eingrenzen. Hummel geht weiterhin davon aus, dass bei der schwer kranken, pflegebedürftigen und sozial völlig isolierten Frau kein Lebenswillen mehr vorhanden gewesen sei. "Sie befand sich in einem desaströsen körperlichen Zustand, der sich immer weiter verschlimmerte." Daher sei auch nicht auszuschließen, dass durch seinen Mandanten eine Tötung auf Verlangen ausgeführt worden sei.

Alles in allem, so Hummel, könne nicht mit der für eine Verurteilung erforderlichen Sicherheit aufgeklärt werden, was sich in der Wohnung ereignet habe. "Die zusammengetragenen Aspekte reichen nicht für die Täterschaft meines Mandanten aus, es gibt keine objektiven Beweise." Daher sei Irfan S. freizusprechen und auch der bestehende Unterbringungsbefehl für die Psychiatrie aufzuheben.

Aufgrund der weit auseinandergehenden Anträge der Parteien sah sich die Schwurgerichtskammer am Freitag angesichts der fortgeschrittenen Zeit nicht mehr in der Lage, ein Urteil zu verkünden. Dieses wird nun am 1. Februar erfolgen.

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