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Carawarn: So macht ein Pinneberger Lastwagen sicherer

| Lesedauer: 6 Minuten
Katja Engler
Michael Holleck hat für sein Wohnmobil den ersten Abbiegeassistenten und eine innovative Alarmanlage gebaut.

Michael Holleck hat für sein Wohnmobil den ersten Abbiegeassistenten und eine innovative Alarmanlage gebaut.

Foto: Katja Engler

Michael Holleck und Partner gewinnen Europäischen Innovationspreis. Wie ihr Abbiegeassistent auch vor Einbrüchen schützt.

Pinneberg. Es ist ein kleines, unscheinbares Gerät mit einer großen, womöglich lebensrettenden Wirkung. Es heißt Carawarn. Ein Rechtsabbiegeassistent für Lastwagen, auf den längst große Fuhrparkbetreiber in ganz Europa setzen.

Erfunden hat es der Pinneberger Michael Holleck, ein pensionierter Berufsfeuerwehrmann. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner, dem Kaufmann Andreas Matthes, hat er dafür nun den Europäischen Innovationspreis bekommen. Ursprünglich hatte Holleck das Teil rein privat für sein Wohnmobil gebastelt.

Norddeutsches Unternehmen entwickelt Rechtsabbiegeassistenten

„Wir sind als kleines norddeutsches Unternehmen absolut stolz, weil da die großen Player mitspielen“, sagt Andreas Matthes. Langsam nähert sich ihre in Breitenberg (Kreis Steinburg) Firma „H3M Zukunft mit Sicherheit“ der Gewinnzone. „Auch die Feuerwehr in Schleswig-Holstein baut jetzt flächendeckend unseren Abbiegeassistenten ein“, ergänzt Holleck.

Wegen der hohen Entwicklungs-, Zertifizierungs- und Patentkosten hatten sie lange Zeit kaum Geld verdient. Viele Müllabfuhren im Ruhrpott, Unternehmen in Österreich und Tschechien und Teile des Militärs setzen den Abbiegeassistenten des norddeutschen Unternehmens inzwischen ein, auch der große Entsorger Veolia zähle zu ihren Partnern. „Aber wenn Speditionen nicht per Gesetz gezwungen werden, schaffen sie meistens keinen an“, sagt Michael Holleck.

Als Feuerwehrmann schlimme Unfälle gesehen

Seine Motivation, so ein hilfreiches Gerät zu entwickeln, war speziell, denn die Horrorvorstellung, einen Menschen beim Abbiegen mit einem Riesengefährt zu übersehen, wird bei ihm von den Erinnerungen an sein Berufsleben als Feuerwehrmann in Hamburg überlagert. „Wenn Sie einmal ein totes Kind im Arm gehalten haben, das durch so etwas gestorben ist – das vergessen Sie nicht mehr. Wenn Sie dann wissen, dass das zu verhindern ist, werden Sie zum Überzeugungstäter.“

Der Abbiegeassistent von Holleck ist sogar für Gelenkbusse und überlange Fahrzeuge geeignet. Er könne als Rangierhilfe Anhänger oder hinten am Wohnmobil befestigte Fahrräder identifizieren und sich daran anpassen. Bis zu vier Kameras könnten auch Radfahrer erkennen, die schneller als Tempo 30 fahren. Automatisch wechsele der Abbiege- in den Spurwechselassistenten. Auch ein spezielles Rückfahrsystem hat Holleck gerade für einen der Branchenriesen entwickelt.

Das Interesse war zunächst gering

„Kein Mensch hat sich am Anfang für unseren Abbiegeassistenten interessiert. Aber irgendwann kamen die vielen Unfälle mit Lkw in die Presse. Und dann rief eines Tages das Bundesverkehrsministerium an“, erinnert sich der Pinneberger.

Sein Motto sei stets gewesen, die Dinge zu Ende zu denken, und zwar aus der Praxis heraus, sagt der Freizeit-Ingenieur, der schon als Kind immer vor sich hin gewerkelt und Flugzeuge aus Pappmaché konstruiert hat. So war es beim Abbiegeassistenten, und so war es auch bei der Alarmanlage, die Holleck ebenfalls für sein Wohnmobil selbst gebaut hat, nachdem er nirgends eine fand, die so war, wie er sich das vorstellte.

Hin und wieder fährt er nämlich auch mal ohne seine Frau los in den sonnigen Süden oder nach Skandinavien. Als er mal wieder so einsam auf seinem Stellplatz im Dunkeln stand, war ihm mulmig zumute. Er hatte so viele gruselige Geschichten von Campingplatz-Einbrüchen und Überfällen gehört, die gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf: „Ich will einfach nicht überfallen werden“, dachte er damals.

Weil er nirgends eine Alarmanlage fand, die das konnte, was er wollte, legte er selbst los. Holleck wollte nämlich eine, die schon dann drinnen Signal gibt, wenn die Einbrecher noch außen zugange sind.

Verstehen, wie Einbrecher ticken

Alle Alarmanlagen, die Holleck gesehen hatte, schlugen erst Alarm, wenn die Tür schon offen war. Das wollte er besser machen. Nachdem er sich bei der spanischen Polizei schlau gemacht hatte, wie Einbrecher im Allgemeinen vorgehen, war ihm klar, dass fast jeder innerhalb von drei Minuten überall reinkommt. Das Wichtigste sei für sie aber ein absolut sicherer Fluchtweg.

Daraus schloss der Bastler, dass Einbrecher nie durch die vorderen Türen kommen, sondern immer die Seitentür nutzen. Dort installierte er eine brutal helle Signallampe als Vorwarnung, die per Sensor ausgelöst wird. Starte der Übeltäter draußen einen zweiten Versuch, löse das drinnen nach zehn Sekunden Alarm aus.

Ist der Besitzer drinnen, kann er sich in so einem Moment mit barscher Stimme melden. Einbrecher suchten dann erfahrungsgemäß sofort das Weite, da sie nicht wüssten, wer drinnen sei: ein Bodybuilder oder ein wehrloser Pensionär. 2013 hatte Holleck seine Prototypen fertig. Unterwegs auf den Campingplätzen erzählte er davon und traf auf reges Interesse.

Erste Geschäfte auf Campingplätzen

Also gründete er mit seinem neuen Geschäftspartner die Firma H3M und produzierte 1000 Stück. Die verkaufte er unterwegs für je 200 Euro. Das Geld deckte noch lange nicht die Kosten für die vielen Zertifizierungen und Patente. 2015 ging Holleck mit seiner Erfindung in der Tasche auf eine Camping-Caravan-Messe, wo er den Einkaufschef eines Branchenriesen ansprach. Tatsächlich bekam er ein Gespräch – mit der Folge, dass seine Carawarn-Alarmanlagen unter der eigenen Marke in Serie gegangen sind.

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Das Tollste ist, dass Holleck inzwischen in der Luxusvariante beide Systeme zusammengeführt hat: Die Alarmanlage hat er also in den Luxus-Abbiegeassistenten integriert. Für LKW-Fahrer ist das ein unglaublicher Fortschritt, den laut Holleck bisher keine andere Firma anbietet: „Wenn der LKW-Fahrer den Motor ausschaltet, schalten die Sensoren außen am Fahrzeug auf das Security Sleep System um, das drinnen meldet, wenn sich draußen jemand an der Plane oder am Dieseltank zu schaffen macht“, erklärt Holleck.

Genau für diese intelligente Koppelung zweier Systeme, die er beide erfunden hat, hat der Pinneberger nun den Europäischen Innovationspreis bekommen. Er gehört damit zur Erfinder-Elite in diesem Bereich. Aber Holleck bleibt trotzdem auf dem Teppich, obwohl ihm seine Begeisterung schon anzumerken ist. „Ich bin zufrieden“, sagt er bescheiden. „Es war mir schließlich immer wichtig, mich für das Gemeinwohl einzusetzen.“

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