Alles nochmal von vorn

Prozess gegen Elmshorner Geldautomaten-Sprenger abgebrochen

| Lesedauer: 5 Minuten
Arne Kolarczyk
Am 28. Mai haben die Täter einen Geldautomaten der Commerzbank Elmshorn in die Luft gesprengt. Es entstand hoher Schaden.

Am 28. Mai haben die Täter einen Geldautomaten der Commerzbank Elmshorn in die Luft gesprengt. Es entstand hoher Schaden.

Foto: Arne Kolarczyk

Schöffengericht verweist den Fall nach vier Prozesstagen an das Landgericht, weil die dortigen Richter höhere Strafen verhängen können

Elmshorn/Itzehoe. Nach vier Verhandlungstagen ist der Prozess gegen die mutmaßlichen Geldautomatensprenger von Elmshorn abgebrochen worden. Das Schöffengericht Itzehoe, vor dem sich Samet A. (28) und Mauro B. (23) seit dem 12. November verantworten mussten, hat den Fall an das Landgericht Itzehoe abgegeben.

Hintergrund: Ein Schöffengericht kann maximal eine Haftstrafe von vier Jahren verhängen. Die beiden Angeklagten müssen sich wegen Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion sowie Diebstahl in besonders schwerem Fall verantworten, dafür ist ein Gefängnisaufenthalt von bis zu 15 Jahren möglich. "Aufgrund des hohen Schadens ist das Gericht zu dem Schluss gekommen, dass auch eine Strafe von mehr als vier Jahren möglich ist", so Frederike Milhoffer, Sprecherin des Landgerichtsbezirks Itzehoe. Daher sei der Fall an das nächsthöhere Gericht abgegeben worden.

Neue Verhandlungstermine gibt es laut Milhoffer noch nicht. Viel Zeit kann sich das Gericht nicht mehr lassen. Die beiden Niederländer sitzen seit ihrer Festnahme am 28. Mai wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft. Laut Strafprozessordnung muss das Verfahren spätestens sechs Monate nach der Inhaftierung beginnen, nur in Ausnahmefällen ist eine längere Frist möglich. In diesem Fall ist der angefangene Fall vor dem Schöffengericht wertlos, die bisher erfolgte Beweisaufnahme inklusive aller Zeugenaussagen muss vor dem Landgericht komplett wiederholt werden. Vermutlich wäre es besser gewesen, wenn die Staatsanwaltschaft den Fall gleich vor dem Landgericht angeklagt hätte.

Spannend dürfte sein, wie sich die Angeklagten in dem neuen Verfahren verhalten. Beide hatten vor dem Schöffengericht über ihre Verteidiger eine Einlassung zu den Tatvorwürfen verlesen lassen. Dabei behauptete Samet A., nicht an der Sprengung des Geldautomaten beteiligt gewesen zu sein. Er will lediglich einen zusätzlichen Fluchtwagen von Holland nach Deutschland gebracht und beim Austausch der Fahrzeuge in die Fänge der Polizei geraten sein. Laut seiner Einlassung ist einer der Haupttäter mit dem von ihm bereitgestellten Fluchtwagen abgehauen.

Mauro B. hatte dagegen über seinen Verteidiger eingeräumt, für die Sprengung angeheuert worden zu sein. Er stamme aus armen Verhältnissen, sein Ziel sei es gewesen, so viel Geld wie möglich zu verdienen, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Während der Prozesstage vor dem Schöffengericht hatten sich die Verteidiger Astrid Denecke und Ole Baumann immer wieder Wortgefechte mit der Vorsitzenden Richterin Katja Komposch geliefert.

Das gipfelte am zweiten Prozesstag in einem Befangenheitsantrag gegen die Richterin, die bei der verlesenen Einlassung von Samet A. "süffisant gelächelt" haben soll. Der Befangenheitsantrag wurde jedoch abgelehnt, weil Richter nicht zur Mimiklosigkeit verpflichtet sind, wie es in dem Beschluss des Gerichts sinngemäß hieß. Als problematisch erwies sich auch, dass Untersuchungsergebnisse des Landeskriminalamtes zu Prozessbeginn nicht vorlegen und erst im laufenden Verfahren umfangreiche Gutachten nachgereicht wurden.

Laut der Anklageschrift betrat der Duo um 3.59 Uhr an besagtem 28. Mai den Vorraum der Bank mit der Adresse Schulstraße 26. Dann soll alles ganz schnell gegangen sein. Während vermutlich Mauro B. die Monitoreinheit eines Geldautomaten mit einem Hebelwerkzeug aufbrach, soll sein Komplize Samet A. aus den zwei mitgebrachten Gasflaschen ein Acetylen-Sauerstoffgemisch in den Automaten geleitet haben. Anschließend legten sie ein Kabel bis vor die Eingangstür, schlossen dieses an ein Elektroimpulsgerät, auch als Elektroschocker bekannt, an und brachten das Gasgemisch mittels eines elektrischen Funkens zur Explosion.

Um 4.01 Uhr, zwei Minuten nachdem die Angeklagten den Vorraum betreten hatten, erschütterte ein lauter Knall die Elmshorner Innenstadt und weckte zahlreiche Anwohner auf. Durch die Druckwelle der Explosion wurden nicht nur zwei Fassadenfenster und die Decke des Vorraums völlig zerstört. Auch der Geldautomat wurde derart in Mitleidenschaft gezogen, dass die Männer Zugriff auf das Fach mit den Geldscheinen erhielten. Laut Anklage griffen sie in die durch die Sprengung entstandene Öffnung und rafften so viele Geldscheine wie möglich zusammen. Dabei erbeuteten sie ausschließlich 10-, 20- und 50-Euro-Scheine – von ihnen allerdings jede Menge. Die Höhe der Beute betrug 112.020 Euro.

Die Täter flüchteten mit einem PS-starken Audi-Sportwagen, dessen Kennzeichen - die Nummernschilder waren am Vortag gestohlen worden - sich ein Zeuge merken konnte. Die Flucht inklusive Verfolgungsjagd und Einsatz eines Polizeihubschraubers endete wenig später in einem Carport in Rellingen, wo die Täter den Wagen verstecken wollte. Dort auch dort hatte ein Zeuge die Ankunft des Fahrzeuges bemerkt. Samet A. und Mauro B. flüchteten zu Fuß auf den Rellinger Friedhof, wo sie sich in einer Hecke versteckten und von der Polizei festgenommen wurden. Das erbeutete Geld wurde zum großen Teil im Auto und bei den beiden Männern sichergestellt. Lediglich wenige Tausend Euro fehlten. Durch die Wucht der Explosion war in der Commerzbank ein hoher Schaden entstanden.

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