Militärgeschichte

Helgolands unterirdische Welt: Baustart fürs Bunkermuseum

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Nico Binde
Geweckte Erinnerung: Die Helgoländerin Erni Rickmers hielt sich 2012 die Ohren zu, als eine Radio-Originalaufnahme des „Big Bang“ durch den Bunker schallt, die jetzt zum Museum werden soll.

Geweckte Erinnerung: Die Helgoländerin Erni Rickmers hielt sich 2012 die Ohren zu, als eine Radio-Originalaufnahme des „Big Bang“ durch den Bunker schallt, die jetzt zum Museum werden soll.

Foto: Christian Charisius / dpa

Militärgeschichte der Hochseeinsel soll erklärt werden. Mehr unterirdische Wege werden für Besucher zugänglich. Das ist noch geplant.

Helgoland. Die Stationen von Helgolands neuer Attraktion tragen Namen wie „Fliegerbomben“ oder „Angst“: Nach vier Jahren Planung hat auf Insel nun der Bau eines neuen Bunkermuseums begonnen. Damit sollen die bisher nur auf 400 Meter frei zugänglichen Bunkeranlagen deutlich ausgeweitet werden.

Im Mittelpunkt der Schau wird die Aufarbeitung der Militärgeschichte des Eilands stehen. Die weitgehend unterirdische Anlage ist als Freizeitergänzung für Tagestouristen und Langzeitbesucher geplant. Im Jahr 2022 soll das 2,5 Millionen Euro teure Projekt eröffnet werden.

Premiere: Bereits in der Ortsmitte soll ein Zugang sein

Erstmals könnten Gäste dann schon aus der Ortsmitte Zugang zu geschichtlichen Themen der Insel erhalten. Extra dafür soll der bestehende Stollen einen neuen Eingang im Unterland bekommen. Bisher starteten die herkömmlichen Bunkerführungen auf dem Oberland. Laut Museumsleiter Jörg Andres diene die Neuaufstellung der Bunkeranlagen dem wachsenden Interesse der Besucher an historischem Stoff. Die Kapazitäten dafür seien schon jetzt „ausgelastet“.

„Der Bereich des Kulturtourismus gehört zu den am schnellsten wachsenden überhaupt“, sagt Andres. „Mit mehr als 20.000 Besuchern unserer Bunkerführungen können wir den Bedarf nicht im ausreichenden Maße abdecken.“ Deshalb soll nun neben einem komplett neuen Eingang an 14 Stationen die bewegte Geschichte des Felsens in der Nordsee anschaulich gemacht werden. Schon am Eingang wird ein Monitor zeigen, wohin die Museumsreise geht.

Die neuen Stationen des Museums werden größtenteils in Schwarz-Weiß gehalten. Das Segment „Zeitkapsel“ etwa schildert den Tag der Kapitulation am 8. Mai 1945 aus acht Perspektiven, unter anderem aus der von Konrad Adenauer. An der Station „Hören“ werden originale Nachrichtenschnipsel aus Volksempfängern die Situation im Bunker in Kriegstagen spiegeln. Andere Dokumentationssegmente in den weit verzweigten Stollen tragen Namen wie „Angst“, „Fliegerbomben“, „Zuflucht“ oder „Widerstand“.

Das mehrere Kilometer lange Geflecht aus Gängen und Schutzräumen gehört zu den letzten Mysterien der Insel. Bekanntlich bot die Bunkeranlage den meisten Helgoländern am 18. und 19. April 1945 Schutz vor schweren Bombenangriffen, die sich gegen die Marinebasis und die Festung richteten. Zwei Jahre später sollte die Anlage mit einer der größten Explosionen der Weltgeschichte, der Operation „Big Bang“, zerstört werden. Doch die Zivilschutzbunker überstanden im Gegensatz zu anderen Inselteilen die gewaltige Detonation.

Das wieder erweckte touristische Interesse an diesem Kapitel soll mit dem neuen Museumsbunker nun bedient werden. Zumal die Zeit von Tagestouristen auf der Insel wegen mehrstündiger An- und Abreise naturgemäß knapp ist. Bisher konnten sie meist nicht an den beliebten Bunkerführungen teilnehmen. Für sie wird nun ein kurzer, bequemer Weg in den Bunker geschaffen.

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Wegen des hohen Interesses hat die Gemeinde Helgoland vor vier Jahren mit dem Förderverein Museum Helgoland und der Kurverwaltung begonnen, die Erweiterung des Museums zu planen. Die nun gestarteten Arbeiten orientieren sich dabei größtenteils an der Machbarkeitsstudie den vielsagenden Projekts „Drunter und Drüber“. Gefördert wird das Vorhaben von der EU, dem Land Schleswig-Holstein und der Gemeinde.

Auch einige Exponate des Helgoländer Museums werden wohl neu geordnet. Zudem soll es Erklärungen und Familienstationen geben. Im Grunde wird ein unterirdischer Weg durch die Helgoländer Geschichte ermöglicht, vor allem aus militärhistorischer Sicht.

Die schon heute begehbare Bunkeranlage im Unterland wird damit zu einem „Dokumentationszentrum für Militärgeschichte“. Die 14 geplanten Stationen werden diesen Teil für Besucher erlebbar machen – mit Kampffliegern an der Bunkerdecke oder Nischen, die die Zwangsarbeit thematisieren.

Museumsleiter Jörg Andres sieht darin eine sinnvolle Ergänzung zu den im Oberland stattfindenden Bunkerführungen. Der neue Zugang zu bislang ungenutzten Bunkergängen und dem damit verbundenen Neubau eines zeitgemäßen Dokumentationszentrums sei in jedem Fall ein touristischer Gewinn.

Eigentlich sollten die Arbeiten für den unterirdischen Museumsneubau schon im Jahr 2018 beginnen. Doch wie schon bei der Hafensanierung von Deutschlands einziger, zum Kreis Pinneberg gehörender Hochseeinsel zog sich die umfangreiche Kampfmittelsondierung des im Zweiten Weltkrieg stark bombardierten „roten Felsens“ in die Länge. Nun haben die zwei Jahre dauernden Arbeiten mit 24-monatiger Verzögerung begonnen.

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