Kreis Pinneberg

Flecken nach Turmsanierung – Kritik in Rellingen ist groß

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Katja Engler
Von links: Architektin Christine Johannsen, Dirk Jonkanski vom Landesamt für Denkmalpflege und Wieland Witt, Vorsitzender des Rellinger Heimatvereins vor der östlichen Turmfassade, die frisch restauriert wurde..

Von links: Architektin Christine Johannsen, Dirk Jonkanski vom Landesamt für Denkmalpflege und Wieland Witt, Vorsitzender des Rellinger Heimatvereins vor der östlichen Turmfassade, die frisch restauriert wurde..

Foto: Katja Engler

Materialgerechte Renovierung der Kirche enttäuscht die Erwartung. Warum Denkmalschutz nicht immer schön ist.

Rellingen.  Die achteckige Barockkirche in Rellingen als architektonisches Juwel des Ortes hat nach ihrer Sanierung irritierte Betrachter zurückgelassen. Das Ergebnis ist befremdlich fleckig, kaum verwunderlich, dass sich darüber nun ein Disput entsponnen hat. Weil es sich um einen der wenigen kirchlichen Zentralbauten handelt, deren Erscheinungsbild noch fast unverfälscht erhalten ist, hat der Denkmalschutz ein besonderes Auge auf das Bauwerk. Mit großer Sorgfalt wurde beim Restaurieren und Austauschen maroder Materialien darauf geachtet, dass ja nichts schiefgeht. Jüngstes Beispiel: das Turm-Mauerwerk.

Uneinigkeit herrscht nun aber über die Art und Weise, wie einige, die Granitsteine freilegende Teile des ansonsten backsteinernen Turms verfugt wurden. „Der Turm sieht jetzt unmöglich aus“, sagt Wieland Witt, Vorsitzender des Heimatvereins. „Die manuelle Fugenausbesserung an Klinkerfassaden erfordert neben handwerklichem Geschick und einer pigmentierten Verfugung viel Einfühlungsvermögen. Die Stabilität wieder herzustellen, ist natürlich gut. Aber Aussehen und Würde eines Denkmals sollen dabei nicht vor die Hunde gehen!“ Harte Worte, mit denen er nicht allein ist: „Das sieht aus wie unprofessionelle Flickschusterei“, schimpft Rolf-Rüdiger Schmidt (CDU), Mitglied im Heimatverein und im Bauausschuss.

Rellinger Kirchturm ist ein Werk der Barockbaukunst

Weil die Wogen hoch schlagen, kam es am Donnerstag zu einem Austausch. Dabei war der Bauleiter Heiko Seidel, der spezialisiert ist auf mittelalterliche Gipstechniken und erklärt, warum die Entscheidung für das jetzige Erscheinungsbild mit den breiten, hellen Fugen und Fehlstellen so getroffen wurde. Im Vorweg hatte sein Team die betroffenen Gebäudeteile genauestens untersucht, denn „es sollte möglichst materialidentisch saniert werden“, so Seidel.

Der barocke Baumeister Cai Dose hatte sein achteckiges Meisterwerk 1756 samt mittelalterlichem Turm mit den vorhandenen Resten einer romanischen Feldsteinkirche verbunden. Um einen einheitlichen, harmonischen Gesamteindruck zu erreichen, sorgte er dafür, diesen Granitsteinturm, so gut es ging, mit Backsteinen zu ummanteln.

Seidels Kollegin, die Architektin Christine Johannsen, holt ein historisches Foto von 1900 hervor, das belegt: An den kritischen Stellen wird schon lange uneinheitlich ausgebessert. Diese beiden Feldsteinstellen des Turms beruhen darauf, dass erst bei einer großen Sanierung 1869/70 zwei Grabkapellen von dem Drosten Heinrich Dietrich von Barkenthin und dem Juristen Dietrich Reinking, die außen am Turm angebracht waren, abgebrochen worden waren.

Mörtel war brüchig und musste dringend ersetzt werden

Auch der stellvertretende Leiter des Kieler Landesamts für Denkmalpflege, Dirk Jonkanski, ist persönlich erschienen. Er hat nun die schwierige Aufgabe, den Spezialisten nicht in den Rücken zu fallen, aber das Problem zu erkennen: „Schon Cai Dose musste sich mit dem Vorhandenen arrangieren. Das Mittelalterliche sollte nicht herausknallen. Also hat Dose versucht, das Ganze zu vereinheitlichen“, erklärt er zunächst.

Seidel berichtet, er habe, als das Gerüst gestanden habe, entdeckt, wie heterogen die Bindemittel zwischen den Granitfeldsteinen des Turms zusammengesetzt waren. „Dort haben sich Materialien so vermischt, dass sie immer brüchiger wurden“, sagt er. Diese Mörtelmassen aus unterschiedlichen Bauphasen der Kirche habe er „so weit zurückgebaut, wie sie brüchig waren“.

Das war dringend notwendig, denn die unterschiedlichen Mörtelsorten aus diversen Jahrhunderten kollidieren mitunter so, dass es gefährliche treibmineralische Reaktionen gibt. Repariert wurde deshalb mit einem uralten, verlässlichen Material, mit so genanntem Hochbrandgips. Einem im Mittelalter verwandten Mörtel, der erst seit 15 Jahren wieder von wenigen Spezialbetrieben im alten Verfahren hergestellt wird.

Der gewählte Gips könnte farblich angepasst werden

Ein baustatisches oder sonstiges Problem wird es also mit Hochbrandgips nicht geben, denn er ist bewährt. Aber ein ästhetisches ist schon da. Hochbrandgips lässt sich nämlich kaum einfärben. Der Referent im Dezernat Bauwesen des Landeskirchenamtes, Felix Seibert, sagt zu dem Arbeitsergebnis: „Hier wurde fach- und denkmalschutzgerecht saniert. Aber aus ästhetischen Gründen die Farbe des Mörtels anzupassen, wäre denkmalgerecht zulässig.“

Auch Landesamtleiter Jonkanski sieht das so. Schließlich sei es nicht wünschenswert, dass nur noch auf die Reparaturstellen geschaut werde. „Die Reparatur drängt sich jetzt sehr ins Auge. Es gibt aber die Möglichkeit, die hellen Flächen und Batzen mit lasierender, graugetönter Farbe optisch zurückzudrängen. Das kriegen wir wieder hin. Da kann man nachbessern.“ Wie genau, darüber muss im Frühling die Rellinger Gemeinde entscheiden.

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