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Zwei Inder versorgen Uetersen mit Masken

Raminial Desai dalip Kumar (39) und seine Frau Sonal Desai Kumar (35) sind von elf Jahren aus Indien nach Uetersen gekommen. In der Corona-Krise haben sie 600 Masken genäht. 

Raminial Desai dalip Kumar (39) und seine Frau Sonal Desai Kumar (35) sind von elf Jahren aus Indien nach Uetersen gekommen. In der Corona-Krise haben sie 600 Masken genäht. 

Foto: Anne Dewitz

Adventskalender, Maske 3: Familie Kumar fand vor elf Jahren in Uetersen eine neue Heimat. In der Corona-Krise wollte sie helfen.

Uetersen.  Die Nähmaschine rattert im Gleichtakt. Sonal Desai Kumar sitzt am Tisch in der Stube und zieht den Stoff unter der hüpfenden Nadel hindurch. Auf der Stirn trägt sie einen roten Bindi – für verheiratete Hindufrauen obligatorisch.

Die Region zwischen den Augenbrauen gilt im hinduistischen Glauben als sechstes Chakra und Sitz des geheimen Wissens. Für Verheiratete. Der Duft von Räucherstäbchen vor einem Schrein erfüllt den Raum. Fast könnte man meinen, die Szene spiele sich irgendwo in Indien ab und nicht mitten in Uetersen.

Jeder Handgriff ist Routine

Die Arbeit geht der 35-Jährigen leicht von der Hand. Jeder Handgriff sitzt, ist Routine geworden. Das war nicht immer so. Doch mittlerweile haben sie und ihr Mann Raminial Desai dalip Kumar (39) seit Beginn der Corona-Pandemie schätzungsweise 600 Masken genäht – zu Spitzenzeiten bis zu 60 Stück am Tag. Alles für den guten Zweck.

Das Ehepaar, das vor elf Jahren aus Indien nach Deutschland geflüchtet war, möchte den Menschen ihrer Wahlheimat etwas zurückgeben. Daheim in Gujarat, dem westlichsten Bundesstaat Indiens, hatte die Familie Probleme mit einigen Politikern bekommen und sich nicht mehr sicher gefühlt.

Ihre Kinder kennen Indien nur aus Erzählungen

Die Kumars entschieden sich für die Flucht nach Deutschland. Mit einem Flugzeug landeten sie zunächst in Berlin. Über Lübeck und Neumünster, wo sie jeweils mehrere Monate in Erstaufnahmelagern unterkamen, führte ihr Weg 2009 nach Uetersen, wo sie nun leben. Ihnen wurde eine Wohnung zugewiesen. 2010 haben die Kumars ein Mädchen bekommen, vier Jahre später einen Jungen. Die Kinder gehen in Uetersen zur Schule, kennen Indien nur aus Erzählungen ihrer Eltern.

Die müssen sich alle drei Monate in Elmshorn bei der Ausländerbehörde melden. Dann wird ihre Duldung um drei Monate verlängert. Ihr Asylantrag kann nicht bearbeitet werden, weil Kumar sich nicht ausweisen kann. Ohne die Papiere, kann die deutsche Behörde nicht über einen Asylantrag entscheiden. Asylanträge von Flüchtlingen aus Indien haben generell wenig Aussicht auf Erfolg.

Das Ehepaar Kumar muss erst eine Nähmaschine besorgen

Elf Jahre in der Warteschleife, ohne Arbeitserlaubnis, ohne Gewissheit. Aber auch elf Jahre, in denen das Paar viel Unterstützung erfahren hat. „Wir haben viel Zeit und wollten uns bei den Uetersenern für ihre Hilfe bedanken“, sagt Raminial Desai dalip Kumar. Im ersten Lockdown im März ging er zum Rathaus, um dort einen Zettel ans Schwarze Brett zu pinnen: „Brauchen Sie während des Corona-Lockdowns Hilfe?“ stand darauf; verbunden mit dem Angebot, zum Beispiel bei Einkäufen zu helfen oder Essen zu kochen und vorbeizubringen. „Ich habe vorher auch schon unserer älteren Nachbarin bei den Einkäufen geholfen“, sagt er.

Der Zettel fiel CDU-Ratsfrau Anne Lamsbach in die Hände. Sie engagiert sich mit anderen Uetersener Kommunalpolitikern in der Initiative „Uetersen hilft“. Hier werden Hilfsbedürftige und Helfer zusammengebracht. „Frau Lamsbach rief uns an und fragte, ob wir dringend benötigte Masken nähen könnten“, erzählt der Hindu. Masken sind während des ersten Lockdowns Mangelware. Kumar sagt seine Hilfe zu. Dabei haben die Kumars noch nie mit der Nähmaschine genäht. Genau genommen, haben sie noch nicht einmal eine. Doch der Wille zu helfen ist groß.

Rathaus, Altenheime, Polizei und Schulen beliefert

Sie besorgen eine gebrauchte Nähmaschine, Stoffe und Gummiband und versuchen sich zu Hause an den ersten Masken. Zuerst geht es nur langsam voran, doch mit jeder neuen Maske geht es besser. Am Ende beliefern sie Rathaus, Altenheim, Polizeistation und die Schulen ihrer beiden Kinder mit den selbstgenähten Mund-Nasen-Bedeckungen, die andere vor dem Coronavirus schützen sollen.

Weitere 100 Masken nähten sie für das indische Konsulat in Hamburg. Sie verteilten ihre selbstgenähte Masken auch in der Uetersener Fußgängerzone an Passanten - gegen eine freiwillige Spende. „Am Ende kamen 90 Euro zusammen, die wir der Uetersener Tafel gespendet haben“, sagt Raminial Desai dalip Kumar. Es sei ihnen eine Herzensangelegenheit, Menschen in Not zu helfen. Aber auch den Uetersenern ihre Dankbarkeit für all das Gute, was sie in der Rosenstadt erfahren haben, zu zeigen.