Prozess

Pinneberg: Angeklagter gesteht brutalen Raub auf Ehepaar

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Arne Kolarczyk
Das ZDF hat in der Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ den Raubüberfall auf das Pinneberger Ehepaar vom 20. Februar nachgestellt. Die Eheleute konnten sich später selbst befreien.

Das ZDF hat in der Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ den Raubüberfall auf das Pinneberger Ehepaar vom 20. Februar nachgestellt. Die Eheleute konnten sich später selbst befreien.

Foto: Saskia Pavek / ZDF

Senioren aus Pinneberg waren in ihrem Haus überfallen worden. Sie sagten zum Prozessauftakt als Zeugen aus.

Pinneberg/Itzehoe.  Zweimal wurde ein Rentner-Ehepaar aus Pinneberg in seinem Haus überfallen. Der Fall schaffte es am 18. November in die ZDF-Fahndungssendung „Aktenzeichen XY… ungelöst.“ Am Montag mussten die 75 und 76 Jahre alten Opfer als Zeugen vor dem Landgericht Itzehoe aussagen. Mit Pio R. (47) wurde einer der Täter des zweiten Überfalls vom 20. Februar dieses Jahres ermittelt.

Der Mann aus Hildesheim ist mehrfach vorbestraft. Er legte zu Beginn des Verfahrens ein Geständnis ab. Ob es auch glaubwürdig ist, muss das Gericht bewerten. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass beide Taten – der Überfall vom 30. Mai 2017 wurde nie aufgeklärt – zusammenhängen könnten. Das stritt der Angeklagte indes ab. Das Ehepaar sei am 20. Februar 2020 zum Zufallsopfer geworden, weil er Geld für Drogen brauchte, so der 47-Jährige. „Ich wusste nicht, dass beide schon einmal überfallen worden waren.“

Betrüger stahlen Goldschmuck im Wert von 100.000 Euro

Sein Mandant sei „nach seiner Haftentlassung in alte Verhaltensweisen abgerutscht“, so Verteidiger Peter Grün. Er sei abhängig von sogenannten Flummis (Rohpynol-Tabletten), Heroin und auch Alkohol gewesen, habe nach Beendigung seiner Ehe bei einem Freund gewohnt und am Tattag weder Drogen noch Geld gehabt. Er habe sich dann mit einem Bekannten aus der Drogenszene in Hamburg getroffen und sei ziellos durch die Gegend gefahren, bis sie auf das Haus an der Straße Beim Ratsberg gestoßen seien. „Das sah vornehm aus“, so Pio R., außerdem sei es aufgrund hoher Hecken nicht einsehbar gewesen.

„Ich war beim Mülleimer und auf dem Rückweg zur Haustür, als ich zwei Männer die Auffahrt hochkommen sah. Einer hatte ein gelbes Paket in der Hand“, so Opfer Ulrich G. (76). Er sei nicht misstrauisch gewesen und habe an der offenen Haustür gewartet. „Einer fragte nach einem Kugelschreiber.“ Dann habe der Zweite plötzlich versucht, an ihm vorbei ins Haus zu gelangen. „Ich habe versucht, ihn aufzuhalten, da wurde ich schon ins Haus auf die Truppe geschubst, meine Brille flog weg.“ Da sei ihm klar gewesen, dass es sich erneut um einen Überfall handelt.

Im Mai 2017 hatten sich drei Männer als Polizisten ausgegeben, dem Ehepaar einen falschen Durchsuchungsbeschluss für ihr Haus präsentiert und Goldschmuck im Wert von 100.000 Euro gestohlen. „Das Weißgold und die Perlen haben sie damals nicht mitgenommen“, so Ehefrau Christa G. (75).

Täter fragte immer wieder nach Gold und einem Tresor

Sie berichtete, wie sie und ihr Mann bei der zweiten Tat von den Räubern („Die haben russisch gesprochen“) in den Keller gedrängt worden waren. Sie seien mit Klebeband gefesselt worden, und die Täter hätten ihnen Hemden über den Kopf geworfen. Sie sei auch getreten und geschubst worden, sei in der Folge gestürzt und habe sich den Kopf an einer offen stehenden Schublade gestoßen. „Einer hat mich an den Hals gefasst, da dachte ich, mein letztes Stündlein hat geschlagen.“

Einer der Täter habe immer wieder nach dem Gold gefragt, das im Keller im Tresor liegen sollte. „Er sagte zu meinem Mann, dass er mich in den Nebenraum führt und kaputt macht, wenn er das Versteck nicht verraten würde.“ Sie hätten jedoch weder Gold („Das haben die beim ersten Mal alles mitgenommen“) noch einen Tresor gehabt, lediglich einen kleinen Safe mit Unterlagen. „Irgendwann wurde es mir zu bunt und ich habe gesagt, wo mein Schmuck ist.“ Doch den hätten die Räuber ebenso wenig gewollt wie das Silber aus dem Wohnzimmer oder das Portemonnaie des 76-jährigen mit 150 Euro. „Nur meine Uhr aus dem Badezimmer haben sie mitgenommen.“ Die habe sie zuvor für 1500 Euro gebraucht erworben.

Angeklagter entschuldigt sich für Tat beim Ehepaar

„Wir haben die Uhr am Hauptbahnhof für 250 Euro verkauft. Für das Geld haben wir Heroin gekauft“, räumte der Angeklagte, der den Namen seines Mittäters nicht preisgeben wollte, ein. Der habe mit russischem Akzent gesprochen, er könne einige Worte Russisch und habe den Akzent des Mittäters imitiert, um eine falsche Fährte zu legen. Die Tat sei nicht geplant gewesen. „Es ging uns darum, schnell an Geld zu kommen.“ Er sei davon ausgegangen, dass sie dafür einen Einbruch verüben würden, so Pio R. in seinem Geständnis. Allerdings musste er auf Nachfrage einräumen, dass beide Sturmhauben und Panzertape dabei hatten, was für einen Einbruch nicht gerade üblich ist „Im Nachhinein verstehe ich das selbst nicht, wie ich mich auf so eine Tat einlassen konnte.“

Immerhin bewies Pio R. die Größe, sich bei dem Rentner-Ehepaar für seine Tat zu entschuldigen. Und die nahmen an. Dem Angeklagten droht eine Haftstrafe von nicht unter fünf Jahren. Höchstwahrscheinlich wird er zudem in eine Entziehungsanstalt eingewiesen, da er aufgrund seiner Drogen- und Alkoholabhängigkeit einen Hang zu Straftaten aufweist. Das Urteil fällt am 10. Dezember.

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