Kreis Pinneberg

Angeklagter stört Prozess, Verteidigung will neue Richterin

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Arne Kolarczyk
Nach dem Anschlag ist die Commerzbank-Filiale in Elmshorn mit Polizeiband abgesperrt.

Nach dem Anschlag ist die Commerzbank-Filiale in Elmshorn mit Polizeiband abgesperrt.

Foto: Arne Kolarczyk

Angeklagte will nur angeheuerter Fluchtwagen-Fahrer gewesen sein, mit der Sprengung des Geldautomaten habe er nichts zu tun.

Elmshorn/Itzehoe.  Samet A. wippt ständig nervös mit den Füßen – und stört die Verhandlung vor dem Schöffengericht Itzehoe immer wieder mit Zwischenrufen. Selbst Verteidigerin Astrid Denecke gelingt es kaum, ihren Mandanten unter Kontrolle zu halten. Weil sich die Juristin zudem mehrere Wortgefechte mit der Vorsitzenden Richterin Katja Komposch liefert, endet der zweite Verhandlungstag um die Geldautomatensprengung in der Elmshorner Commerzbank nach sechseinhalb Stunden mit einem Befangenheitsantrag gegen die Richterin.

Zuvor hat Denecke im Namen ihres Mandanten eine Einlassung verlesen. Demnach will der 28-Jährige an der Sprengung des Geldautomaten am 28. Mai nicht beteiligt gewesen sein. Er sei dazu angeheuert worden, einen zweiten Fluchtwagen aus den Niederlanden in die Nähe des Tatortes zu bringen und dort an die Automatensprenger zu übergeben. 3000 Euro habe er dafür erhalten sollen. „Das Geld war zu verlockend.“

Er habe einen Audi A 3 geliefert und von nichts gewusst

Er habe auch nicht gewusst, für was für eine Straftat er den Fluchtwagen – einen Audi A 3 – bereitstellen sollte. „Ich dachte, es würde sich um einen Einbruch oder so handeln.“ Laut seiner Einlassung wurde er zunächst in die Nähe der Bankfiliale an der Schulstraße bestellt und dann nach Rellingen umgeleitet.

Dort habe er kurz nach 4 Uhr nachts auf einem Privatgrundstück an der Hauptstraße gewartet, als ein schwarzer Mercedes vorgefahren sei. Einem der Männer habe er den Audi-Schlüssel übergeben, dieser sei mit dem Wagen davongefahren. Zu diesem Zeitpunkt sei bereits ein Hubschrauber über ihnen gekreist. Er sei dann mit dem zweiten Mann aus dem Auto („Den habe ich da erst kennengelernt“) zu Fuß geflüchtet. Beide hätten sich auf dem Rellinger Friedhof versteckt, wo sie dann kurze Zeit später festgenommen worden seien.

Festnahme auf Rellinger Friedhof

Wie die Festnahme ablief, berichtete Harun Ö. (35) vom Revier Uetersen. Er war mit zwei Kollegen an der Verfolgung des eigentlichen Fluchtfahrzeugs, ein schwarzer Mercedes AMG, beteiligt. Als der Wagen in Rellingen aufgefunden worden sei, hätten sie sich dorthin aufgemacht und seien am Friedhof vorbeigekommen. „Ich dachte, dass bei dem Fluchtwagen schon genügend Kollegen sind und wir uns doch mal auf dem Friedhof umsehen könnten.“

Kaum hätten sie das Gelände betreten, seien ihnen in 30 bis 40 Meter Entfernung zwei Männer aufgefallen. „Wir versuchten, diese aus drei Ecken einzukreisen.“ Als erstes hätten sie Samet A. festgenommen. Der zweite Angeklagte Mauro B. (23) – er hat in dem Prozess bisher nicht ausgesagt – habe sich hinter einem Müllcontainer versteckt. „Bei der zweiten Person haben wir extrem viel Geld und den Mercedes-Schlüssel gefunden.“ Bei Samet A. sei eine Umhängetasche mit Banknoten aus dem Geldautomaten entdeckt worden.

Welche Rolle spielt eine Umhängetasche?

Genau diese Umhängetasche, so berichtete LKA-Ermittler Norbert L. (60), habe einer der Täter bei der Sprengung des Automaten getragen. Das würden die Videoaufnahmen aus dem Vorraum der Bank zeigen. In dem Geldautomaten hätten sich 157.000 Euro befunden, bis auf 2700 Euro sei alles wiederbeschafft worden. „Ich gehe davon aus, dass er in dem Tatfahrzeug gefahren ist“, legte sich der Ermittler in Bezug auf Samet A. fest und verwies auch auf die Handydaten des Angeklagten, die exakt zu den GPS-Daten des Mercedes-Fluchtwagens passen würden. Laut dem LKA-Mann gab es außer den beiden sichergestellten Handys der Angeklagten noch ein drittes Gerät, das in allen fraglichen Funkzellen auftauchte. Dieses sei bis heute verschwunden.

Verteidigerin Denecke wies auf die Aussage ihres Mandanten hin, der die Umhängetasche kurz vor der Autoübergabe von dem flüchtigen Haupttäter bekommen haben will. Dies sei sein Lohn für die Bereitstellung des zweiten Fluchtwagens gewesen. Laut Denecke gibt es keine Spuren in der Bank, die auf ihren Mandanten weisen. Zudem passe die Bekleidung, die er bei der Festnahme trug, nicht zur Kleidung der beiden Personen auf dem Video der Bank.

LKA und BKA untersuchen noch

Die Täter trugen Masken und Handschuhe. Umfangreiche Untersuchungen etwa der Kleidung der Festgenommenen sowie Fasergutachten aus dem Fluchtwagen sind teilweise noch beim LKA und dem BKA anhängig. Einen Tag vor dem zweiten Prozesstag gingen bei Gericht weitere umfangreiche Unterlagen ein, die noch nicht allen Prozessbeteiligten zur Verfügung standen.

Denecke hatte daraufhin gefordert, erst nach vollständiger Durchsicht der Unterlagen die Zeugenvernehmung zu starten. Das hatte Richterin Komposch jedoch abgelehnt. Als sie Denecke eine sofortige Unterbrechung und ein Gespräch mit ihrem Mandanten nicht zugestand und bei dessen Einlassung laut der Verteidigerin „süffisant lächelte“, konterte diese mit einem Ablehnungsantrag gegen die Richterin. Über den wird beim nächsten Mal entschieden. Bis zum 5. Januar sind noch drei Termine angesetzt. Die dürften vermutlich kaum ausreichen,

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