Kreis Pinneberg

Mutter stranguliert – Pfleger des Opfers macht sich Vorwürfe

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Arne Kolarczyk
Der Gebäudekomplex des Landgerichts in Itzehoe (Symbolbild).

Der Gebäudekomplex des Landgerichts in Itzehoe (Symbolbild).

Foto: Bodo Marks / dpa

Der Betreuer der 71-Jährigen hatte gegen den angeklagten Sohn des Opfers schon zuvor Anzeige erstattet – ohne Erfolg.

Pinneberg/Itzehoe.  „Wir haben uns doch am Anfang gut verstanden. Wenn Sie Ihrer Mutter noch etwas Gutes tun wollen, dann reden Sie.“ Mit diesen Worten wendet sich Mahmut E. direkt an den Mann auf der Anklagebank. Doch der hat keine Lust auf diese Art von Ansprache. Irfan S. (40) hält sich eine Akte vor das Gesicht, als könne er auf diese Weise das Gespräch beenden.

Mahmut E. (57) war Betreuer der Mutter des Angeklagten . Nazim S. wurde 71 Jahre alt – und laut Anklage Mitte Mai von ihrem Sohn in der gemeinsamen Pinneberger Wohnung getötet . Ein Tod, den Mahmut E. gern verhindert hätte. „Ich mache mir Vorwürfe“, sagte er am Montag vor dem Landgericht Itzehoe. Dort muss sich der Sohn, der zu den Vorwürfen weiterhin schweigt, wegen Totschlags verantworten.

Angeklagter brach Pfleger der Mutter die Nase

Am zweiten Prozesstag gab der Betreuer an, alles versucht zu haben, um Irfan S. aus der Wohnung entfernen zu lassen. „Ich hatte ein ungutes Gefühl.“ Der 57-Jährige hatte Anfang April 2019 das Mandat als Betreuer der psychisch kranken Frau übernommen – und war nach eigenen Angaben zunächst froh, dass der Sohn mit in der Wohnung lebte. „Wir hatten zu Beginn ein Gespräch, das ich als sehr angenehm empfunden habe.“

Das änderte sich jedoch, als Irfan S. einem Mitarbeiter des Pflegedienstes, der seine Mutter betreute, die Nase brach. „Er sagte mir, der Mann sei betrunken gewesen und gegen eine Tür gelaufen.“ Geglaubt habe er ihm dies nicht. „Ich war so wütend, weil es schwer ist, überhaupt einen Pflegedienst zu finden, da bin ich in die Wohnung gefahren.“

Nachdem der Angeklagte geöffnet hatte, sei er schnurstracks in das Zimmer der Mutter marschiert. „Sie saß total ängstlich auf ihrem Bett.“ In diesem Zustand habe er seinen Schützling zuvor noch nie gesehen. Irfan S. sei sofort nach ihm in das Zimmer seiner Mutter gestürzt. „Ich hatte ein ungutes Gefühl, so als ob mir etwas passieren könnte“, so der Zeuge. Er habe so schnell wie möglich die Wohnung verlassen und den Entschluss gefasst, den Sohn aus der Wohnung zu entfernen.

Pfleger erstatte Anzeige gegen Angeklagten – ohne Erfolg

Das sei zunächst daran gescheitert, dass er keine Betreuungsvollmacht in Wohnungsangelegenheiten hatte. Diese zu beantragen und genehmigt zu bekommen, sei zeitaufwendig gewesen. Im Anschluss fanden laut dem Betreuer zwei Ortstermine des Gerichts in der Wohnung statt, an denen auch der Sohn teilnahm. Doch trotz Einsatz eines Dolmetschers habe Nazim S. nur unzusammenhängendes Zeug geredet. „Man konnte mit ihr nicht kommunizieren.“

Als bei dem Betreuer die Meldung des Pflegedienstes einging, dass Nazim S. einer Mitarbeiterin von einem Würgevorgang durch ihren Sohn berichtet habe, sei er zur Staatsanwaltschaft gegangen und habe Strafanzeige gegen Irfan S. erstattet. „Die ist eingestellt worden, ohne dass er überhaupt angehört wurde. Im Nachhinein habe ich mich über die Staatsanwaltschaft sehr geärgert.“ Letztlich strengte Mahmut E. eine Räumungsklage gegen Irfan S. an. Bevor diese verhandelt werden konnte, kam es zum Ableben von Nazim S..

Mandy M. (32) war die Mitarbeiterin des Pflegedienstes, der sich das spätere Opfer anvertraute. „Ich konnte mit ihr nur mit Mimik und Gestik kommunizieren.“ Die 71-Jährige habe eines Tages sehr verstört gewirkt und auf die Frage, was los sei, beide Hände um den eigenen Hals gelegt. „Sie hat eine ganz eindeutige Würgegeste gemacht und ängstlich auf den Flur geschaut.“ Dort befand sich Irfan S., der das Gespräch mithörte.

Mit einem Urteil wird am 11. Dezember gerechnet

„Ich habe zu ihr gesagt, dass ich ihr einen Termin bei ihrem Hausarzt organisiere, wenn sie Halsschmerzen hat.“ Sofort danach sei der Angeklagte ins Zimmer gestürzt, habe sie schmerzhaft am Arm gepackt und zur Tür gezerrt. „Ich habe Angst gehabt und es danach abgelehnt, wieder in die Wohnung zu gehen.“

Maqpool A. (43) ist der Cousin des Angeklagten und hatte ihn und seine Mutter mehrmals vor der Tat besucht. „Ich hatte nie das Gefühl, dass sie Angst vor ihm hatte oder er sie schlagen würde.“ Schwester Tasnim S. gab an, mit ihrem Bruder zuletzt 2017 Kontakt gehabt zu haben. 2010/2011 habe sie eine Zeitlang mit ihm zusammengelebt und damals bereits bemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt.

Rechtsmedizinerin Anna Lena K. (35) hat die Leiche der Frau noch in der Wohnung untersucht und sie auch einen Tag später obduziert. „Todesursächlich war ein Strangulationsvorgang.“ Wie dieser ausgeführt worden ist, könne sie nicht sagen. Auch der Todeseintritt lasse sich nur grob auf ein neunstündiges Zeitfenster eingrenzen. Nazim S. sei nach ihrem Tod regelrecht auf ihrem Bett drapiert worden. Mit einem Urteil wird am 11. Dezember gerechnet.

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