Kreis Pinneberg

Die Spuren häuslicher Gewalt sichtbar machen

Jeder Fußabdruck symbolisiert ein Todesopfer: Wedels Gleichstellungsbeauftragte Magdalena Drexel (v. l.), Stadtinspektoranwärterin Lena Buddendick sowie Astrid Otto und Kathrin Nordmann vom Frauenhaus.

Jeder Fußabdruck symbolisiert ein Todesopfer: Wedels Gleichstellungsbeauftragte Magdalena Drexel (v. l.), Stadtinspektoranwärterin Lena Buddendick sowie Astrid Otto und Kathrin Nordmann vom Frauenhaus.

Foto: Maike Schade

Gut 140.000 Anzeigen bundesweit: Wedels Gleichstellungsbeauftragte und Frauenhaus-Team sensibilisieren für das Tabu-Thema.

Wedel.  Schier endlos zieht sich das weiße Bodenbanner über den Wedeler Rathausplatz, Meter um Meter voller Fußspuren. Sie stehen symbolisch für die 117 Frauen , die laut dem Bundeskriminalamt 2019 von ihrem Partner oder Ex-Partnern ermordet wurden – und für viele Kinder, die das gleiche Schicksal erlitten. Mit dieser Aktion wollen das Autonome Frauenhaus Wedel und die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Magdalena Drexel, auf das Ausmaß häuslicher Gewalt aufmerksam machen. Und das ist enorm, Tendenz stetig steigend. 1 41.792 Fälle häuslicher Gewalt wurden im vergangenen bundesweit zur Anzeige gebracht, 81 Prozent davon von Frauen.

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs: „Man geht davon aus, dass die Dunkelziffer 80 Prozent beträgt“, sagt Kathrin Nordmann vom Wedeler Frauenhaus. Ebenso unbekannt ist die Zahl der Kinder, die im Kontext von häuslicher Gewalt ermordet werden: „Die werden in keiner Statistik erfasst.“ Dabei seien die Auswirkungen von häuslicher Gewalt – das Miterleben ebenso wie das direkte Erleben – auf die psychische und soziale Entwicklung von Kindern massiv, so Nordmann weiter. „Aber es gibt kaum verlässliche Strukturen in unserem Hilfesystem, welche die Kinder langfristig auffangen und ihre psychosoziale Versorgung sicherstellen.“ Häusliche Gewalt äußere sich dabei keinesfalls immer körperlich. Auch ständige Demütigungen, soziale Isolation, Stalking oder das Verweigern von Geld zählten dazu.

Zahl der Anrufe bei Hilfetelefon gestiegen

Es gebe sie in allen Kulturen, sozialen Schichten und Altersklassen. „Auch in sehr wohlhabenden, bildungsnahen Haushalten“, unterstreicht Nordmann, „nur bekommt man es da häufig nicht so sehr mit.“ Zum einen deshalb, weil Einfamilienhäuser wesentlich mehr räumliche Distanz böten als eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus. Zum anderen, weil die Scham hier manchmal noch größer sei – „bei uns gibt es so was nicht“, werde hier häufig vorgeschoben.

Und diese Scham ist es auch häufig, die Frauen ihr Leid stumm ertragen lässt. „Wenn man bemerkt, dass bei einer Freundin etwas nicht stimmt, sollte man keinesfalls weggucken, sondern Hilfe anbieten“, sagt Nordmann. Auch mehrfach, wenn Probleme abgestritten werden. Bei körperlicher Gewalt sollte die Polizei informiert werden.

Der Lockdown im Frühling habe sich bemerkbar gemacht, sagt sie. So sei die Anzahl der Anrufe beim bundesweiten Hilfetelefon gestiegen. Im Wedeler Frauenhaus sei es dagegen „ungewöhnlich ruhig“ gewesen. Vielleicht hatten manche Frauen aus Angst vor einer Infektion Bedenken, in eine Gemeinschaftsunterkunft zu ziehen, vermutet Nordmann. Vielleicht fehlten aber auch die ermutigenden sozialen Kontakte.

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen

Anlass für die Aktion mit dem Banner ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November. Dass das Banner eine Woche früher ausgerollt wurde, habe praktische Gründe, so Kathrin Nordmann: „Eigentlich wäre am 25. November hier ja Weihnachtsmarkt gewesen...“ Der Tag zum Ausrollen ist (wettertechnisch) nicht optimal: Vergleichsweise wenige Menschen hasten im Regen vorbei. Dennoch nehmen sich viele von ihnen die Zeit, einen Blick auf das Banner zu werfen. „Schrecklich, was den Frauen angetan wird, ich kann das nicht verstehen“, sagt beispielsweise ein älterer Herr. Und ein anderer: „Ich wusste nicht, dass es so viele sind.“

Genau darauf wollten die Initiatorinnen den Blick lenken. Und klarmachen: Häusliche Gewalt ist keine Privatsache, sondern eine Straftat. Dass Mord an (Ex-)Partnerinnen dabei keinesfalls etwas ist, was nur irgendwo anders passiert, unterstreicht Frauenhaus-Mitarbeiterin Nordmann: „Es wurden schon mehrere frühere Bewohnerinnen des Wedeler Frauenhauses ermordet“, sagt sie. Das sei in Wedel nicht bekannt, weil die Frauen, die hier Zuflucht suchen, meist aus anderen Gegenden stammen – aus Sicherheitsgründen ist eine Unterbringung im Heimatort in der Regel nicht ratsam.

Und auch in Wedel selbst ist eine solch schreckliche Tat vor nicht allzu langer Zeit geschehen, erinnert die Gleichstellungsbeauftragte Magdalena Drexel: „Im Herbst 2016 hat ein Mann seine Frau, seine beiden Kinder und sich selbst getötet.“

Am 26. November wird das Banner in Pinneberg und am 27. November in Halstenbek nochmals ausgerollt.

Das bundesweite Hilfetelefon für Opfer häuslicher Gewalt ist 24 Stunden täglich unter 08000/11 60 16 kostenlos erreichbar. Vor Ort in Wedel bietet das Frauenhaus unter der Nummer 04103/145 53 Beratung und Unterstützung.