Kreis Pinneberg

Geldautomat gesprengt – zwei Täter vor Gericht

| Lesedauer: 5 Minuten
Arne Kolarczyk
Am Morgen des 28. Mai ist die Commerzbankfiliale in  Elmshorn abgesperrt. Im Innern haben Arbeiter damit begonnen, die bei der Explosion entstandenen Schäden zu beseitigen.

Am Morgen des 28. Mai ist die Commerzbankfiliale in Elmshorn abgesperrt. Im Innern haben Arbeiter damit begonnen, die bei der Explosion entstandenen Schäden zu beseitigen.

Foto: Arne Kolarczyk

Die Männer sollen in der Commerzbank Elmshorn 112.020 Euro erbeutet haben. Sie wurden nach einer Verfolgungsjagd gefasst.

Elmshorn/Itzehoe.  In Handschellen werden Samet A. (28) und Mauro B. (23) am Donnerstag in den großen Saal des Amtsgerichts Itzehoe geführt. Die beiden Niederländer sollen für einen spektakulären Kriminalfall in Elmshorn verantwortlich sein: Laut Anklage sprengten sie in der Nacht zum 28. Mai einen Geldautomaten der Commerzbank in die Luft und erbeuteten dabei 112.020 Euro. Lange Freude an dem Geld hatten sie nicht – die Männer wurden nach einer Verfolgungsjagd per Hubschrauber in Rellingen festgenommen.

Seitdem sitzen die Niederländer in zwei unterschiedlichen Haftanstalten. Zum Prozessauftakt sahen sich die Männer zum ersten Mal nach der Tat wieder. Und auch das Wiedersehen war nur von kurzer Dauer: Das Verfahren wurde nach der Verlesung der Anklageschrift auf den 25. November vertagt. Dann erhalten die Angeklagten auch Gelegenheit, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Bisher haben sie dies nicht getan. Laut ihren Verteidigern – Samet A. bietet gleich drei auf – wollen sie „vielleicht“ aussagen.

Täter sprengten Automaten mithilfe von Gas

Die Anklage lautet auf Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion sowie Diebstahl in besonders schwerem Fall. Dafür ist eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren möglich. Das Schöffengericht, vor dem verhandelt wird, kann allerdings nur bis maximal vier Jahre Haft verhängen.

Um 3.59 Uhr betrat das Duo laut der Anklageschrift den Vorraum der Bank mit der Adresse Schulstraße 26. Dann soll alles ganz schnell gegangen sein. Während vermutlich Mauro B. die Monitoreinheit eines Geldautomaten mit einem Hebelwerkzeug aufbrach, soll sein Komplize Samet A. aus den zwei mitgebrachten Gasflaschen ein Acetylen-Sauerstoffgemisch in den Automaten geleitet haben. Anschließend legten sie ein Kabel bis vor die Eingangstür, schlossen dieses an ein Elektroimpulsgerät, auch als Elektroschocker bekannt, an und brachten das Gasgemisch mittels eines elektrischen Funkens zur Explosion.

Um 4.01 Uhr, zwei Minuten nachdem die Angeklagten den Vorraum betreten hatten, erschütterte ein lauter Knall die Elmshorner Innenstadt und weckte zahlreiche Anwohner auf. Durch die Druckwelle der Explosion wurden nicht nur zwei Fassadenfenster und die Decke des Vorraums völlig zerstört. Auch der Geldautomat wurde derart in Mitleidenschaft gezogen, dass die Männer Zugriff auf das Fach mit den Geldscheinen erhielten. Laut Anklage griffen sie in die durch die Sprengung entstandene Öffnung und rafften so viele Geldscheine wie möglich zusammen. Dabei erbeuteten sie ausschließlich 10-, 20- und 50-Euro-Scheine – von ihnen allerdings jede Menge. Die Höhe der Beute betrug 112.020 Euro.

Die Täter versuchten zunächst zu entkommen

Offenbar verfügte der Geldautomat nicht über Farbpatronen, die die Banknoten nach der Sprengung einfärben und somit unbrauchbar machen. Laut den Zeugen rannten drei Männer aus der Bank, sprangen in einen Fluchtwagen und rasten davon. Die Polizei löste sofort eine Großfahndung aus, ließ einen Hubschrauber aufsteigen und schickte alle verfügbaren Streifenwagen auf die Suche nach den Flüchtigen.

Wenig später wurde das Fluchtfahrzeug in Rellingen lokalisiert. Dort wurde den Tätern offenbar klar, dass sie den Hubschrauber nicht abhängen können. Sie ließen den Wagen stehen und flüchteten zu Fuß. Polizisten nahmen zwei Männer – die jetzigen Angeklagten – noch in der Nähe des Fluchtwagens fest. In dem Fahrzeug fand sich die gesamte Beute der Automatensprengung.

Die Flucht vor der Polizei ist nicht Bestandteil der Anklage. Die Staatsanwaltschaft wirft Samet A. und Mauro B. allein die Sprengung des Geldautomaten und den Diebstahl der 112.020 Euro vor. Vermutungen, dass die 23 und 28 Jahre alten Männer für weitere Taten dieser Tat im Norden verantwortlich sein könnten, ließen sich bislang nicht erhärten. 2019 waren in Schleswig-Holstein fünf, 2018 neun Geldautomaten in die Luft gejagt worden.

Zwei Komplizen wurden bei einer weiteren Tat verhaftet

Dennoch könnten die Angeklagten Mitglieder einer größeren Bande von Niederländern sein, die sich in Deutschland auf Taten dieser Art spezialisiert haben und immer wieder Filialen der Commerzbank ins Visier nehmen. Sie sind stets mit hochmotorisierten Fluchtwagen ausgestattet und kehren laut den Erkenntnissen des Landeskriminalamtes nach erfolgreicher Tat in die Niederlande zurück.

Zwei weitere mutmaßliche Mitglieder wurden am 29. Juli in Henstedt-Ulzburg festgenommen, nachdem sie zuvor einen Geldautomaten der Commerzbank-Filiale in Bad Bramstedt in die Luft gesprengt hatten. Die Täter lieferten sich ebenfalls eine Verfolgungsjagd mit der Polizei, für die sogar die A 7 gesperrt wurde. In Höhe Norderstedt durchbrachen die Männer eine Polizeisperre. Zwei Beamte konnten in letzter Sekunde vor dem heranrasenden Fluchtwagen zur Seite sprangen, einer gab mehrere Schüsse auf das Fahrzeug ab, ohne es dadurch zu stoppen.

In Elmshorn entstand durch die Explosion erheblicher Schaden in der Bankfiliale. Die Reparatur der in Mitleidenschaft gezogenen Geräte und des zerstörten Vorraums nahm mehrere Tage in Anspruch. Verantwortliche der Commerzbank dürften in dem Gerichtsverfahren eine Rolle spielen. Das Schöffengericht hat zunächst fünf weitere Verhandlungstermine angesetzt – einen ende November, drei im Dezember und den letzten am 5. Januar. Ob es dann zu einer Urteilsverkündung kommen kann, muss der Prozessverlauf zeigen. Zum nächsten Verhandlungstag hat das Gericht bisher vier Zeugen geladen.

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