Kreis Pinneberg

Schausteller in der Corona-Krise: Zeit, dass sich was dreht

Ein bisschen Spaß muss sein: Abendblatt-Mitarbeiterin Annika Bürck beim Probesitzen auf dem Karussell, das sich jetzt in der Pinneberger Innenstadt dreht.

Ein bisschen Spaß muss sein: Abendblatt-Mitarbeiterin Annika Bürck beim Probesitzen auf dem Karussell, das sich jetzt in der Pinneberger Innenstadt dreht.

Foto: Mareike Müller

Die Corona-Krise trifft Schausteller mit voller Wucht. Weihnachtsmarkt fällt aus. In Pinneberg gibt’s jetzt einen Ein-Karussell-Jahrmarkt.

Pinneberg.  Ein knallroter Feuerwehrwagen? Ein weißes Einhorn? Oder doch lieber das regenbogenfarben beklebte Motorrad? Die Wahl fällt schwer, selbst beim Probesitzen. Der Anblick ist ungewohnt. Und doch irgendwie noch vertraut. Ein Karussell! Jetzt steht es am Rande des Pinneberger Lindenplatzes und wirkt ein bisschen verloren, wie aus einer anderen Zeit. Es ist das erste Mal seit Dezember vergangenen Jahres, dass Karl-Ernst Hartkopf es wieder aufgebaut hat. Bald geht’s vorwärts, doch der Blick in die Zukunft ist ernüchternd.

„Wir haben noch niemals so eine Krise wie diese erlebt“, sagt Hartkopf. Vor allem seine Ehefrau Marylin Fackler und seine Schwiegermutter Edith Heidmann repräsentieren eine Schaustellerinstitution im Norden: die Dom-Dynastie aus Pinneberg. Aber Dom ist nicht in diesem Jahr.

„Der letzte Tag mit festen Einnahmen war der 23. Dezember vergangenen Jahres. Danach hatten wir bis März Winterpause, und dann kam der Lockdown” sagt Hartkopf. Und nun fallen auch der Winterdom und der Pinneberger Weihnachtsmarkt aus, die für das Unternehmen sonst eine feste Einnahmequelle bieten. Pirateninsel, Spielautomatenhalle und etliche Süßwarenstände, die für gewöhnlich bei diesen Events zum Einsatz kommen, müssen weiterhin im Lager bleiben..

Ein einsames, verloren wirkendes Karussell in Pinnebergs City – das ist beinahe symbolhaft für eine ganze Branche, die von der Corona-Politik besonders hart getroffen ist. Deutschlandweit leiden nach Angaben des Deutschen Schaustellerverbunds etwa 5300 Unternehmen unter der Krise. „Wir befinden uns in einer höchst dramatischen Situation“, sagt Nina Göllinger, Sprecherin des Verbands. Sie beobachte besorgniserregende Entwicklungen: „Im Moment stecken die meisten Betriebe den letzten Cent in ihr Unternehmen, um die Insolvenz noch abzuwenden.“ Dass Betriebe wie der der Pinneberger Dom-Dynastie Stände in Fußgängerzonen aufbauen dürften, sei inzwischen verbreitet. „Viele Städte haben es Schaustellern angeboten“, so Göllinger. Doch das komme allein schon aus Platzgründen nur für kleinere Stände infrage, beispielsweise für Süßwaren- oder Würstchenbuden. Oder eben für kleine Karussells wie das auf Pinnebergs Lindenplatz. „Bei einer Wasserbahn ist das eher schwierig“, sagt Göllinger.

Das Unternehmen der Dom-Dynastie, vor 75 Jahren gegründet, hat auch noch einen Crêpe-Stand vor der Rathauspassage aufgebaut. Zunächst ist geplant, dass beide Angebote bis zum 2. Januar täglich von 12 bis 19 Uhr geöffnet sind.

Dass die Stadt Pinneberg den Aufbau genehmigt hat, ist für den 47 Jahre alten Hartkopf zumindest ein kleiner Lichtblick: „Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben.“ Dass die Stadt nur eine sehr kleine Nutzungsgebühr erhebe, kommt den Schaustellern dabei sehr entgegen: „Eigentlich zahlen wir nur einen Obolus“, sagt Hartkopf.

Möglich sei das Ganze auch nur nach Einreichen eines genehmigungsfähigen Hygienekonzepts an die Stadtverwaltung, für dessen Einhaltung der Betreiber selbst zuständig ist, sagt Maren Uschkurat, Pressesprecherin der Stadt.

Haupteinnahmequelle für die Dom-Dynastie ist zurzeit das Back- und Süßwarengeschäft, das natürlich auch nicht auf Volksfesten steht, sondern am Firmensitz in der Flensburger Straße 7 in Pinneberg (wir berichteten). Doch dies allein reiche nicht zum Überleben des Familienunternehmens. Hartkopf sieht schlechte Zeiten bevorstehen: „Wir haben zwar bereits einen Kredit aufgenommen, doch je länger die Krise anhält, desto schwieriger wird es, ihn zurückzuzahlen.“ Von den zehn angestellten Mitarbeiter habe ein Teil schon in die Kurzarbeit gehen müssen. Und der Frühjahrs- und Sommerdom solle nach heutigem Stand ebenfalls nicht stattfinden, hat Hartkopf erfahren.

Der 47-Jährige freut sich über Möglichkeiten wie jetzt in Pinneberg. „Es ist eine große Hilfe, dass wir wieder vereinzelt Stände aufbauen dürfen“, sagt er, „aber das ist nicht mit den gewöhnlichen Einnahmen während eines Jahrmarktes zu vergleichen.“ sagt der 47-Jährige. Die Unwissenheit über den Verlauf der Krise lässt Ängste aufkommen, Hartkopf hofft auf Planungssicherheit: „Wenn es in der Zukunft so weitergeht wie jetzt, dann verlieren wir alles.“