Kreis Pinneberg

Streit um Bau der XXL-Gastrasse geht online

So sah das dann aus: Die Videokonferenz von Deutsche Umwelthilfe, Food & Water Europe und ARGE Umweltschutz Haseldorfer Marsch zum Bau der LNG-Gastrasse. Hier spricht Staatssekretär Tobias Goldsachmidt.

So sah das dann aus: Die Videokonferenz von Deutsche Umwelthilfe, Food & Water Europe und ARGE Umweltschutz Haseldorfer Marsch zum Bau der LNG-Gastrasse. Hier spricht Staatssekretär Tobias Goldsachmidt.

Foto: Thomas Pöhlsseen / Thomas Pöhlsen

Hitzige Debatten in Dorfgasthöfen sind nicht möglich. Lassen sie sich per Videokonferenz führen, und wie fühlt sich das an?

Hetlingen.  Vielleicht wäre es den meisten gar nicht aufgefallen. Das Lächeln, das über das Gesicht von Bürgermeister Michael Rahn huschte, als von seinem Dorf Hetlingen als geopolitischem „Nabel der Welt“ gesprochen wurde. Doch die neuen Zeiten machen’s möglich. Denn die Informationsveranstaltung zum geplanten Bau einer XXL-Gastrasse von Brunsbüttel nach Hetlingen konnte Corona-bedingt nicht in einem Dorfgasthof an der Unterelbe stattfinden. Es gab sie nur online, mit scharfen Kamerabildern.

Die Organisatoren der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Food Water Europe und der Arbeitsgemeinschaft (Arge) Umweltschutz wagten das Experiment am Donnerstag. Via Videokonferenz informierten sie alle, die online waren. Das Lächeln des Bürgermeisters, der den Abend moderierte, wäre in der sonst vertrauten Festsaal-Umgebung untergegangen. Hier war es bestens zu sehen.

Redebeiträge elektronisch anmelden

So manches war anders. Elektronisch sollten die Redebeiträge angemeldet werden. Wer sich in der neuen digitalen Welt noch nicht zurechtfand, konnte sich aber auch per Handzeichen bemerkbar machen. Dem Redner wurde dann sein Mikrofon freigeschaltet, womit Wortgefechte ausgeschlossen waren. Nicht nur formal, auch inhaltlich unterschied sich die Diskussion. Es wurde mehr argumentiert als gestritten. Die Vorträge zogen sich. Parallel zur Videokonferenz wurde in einem Chat eine zweite Diskussion geführt. Und mit gut 30 Teilnehmern war die Zahl der Diskutierenden deutlich kleiner als üblicherweise im Dorfgasthof.

Zum Nabel der Welt hatte Andy Georgi Hetlingen erklärt, denn in dem 1400-Enwohner-Dorf soll die von Brunsbüttel kommende Mega-Trasse an das europäische Gasnetz angeschlossen werden. Im Elbhafen ist ein LNG-Terminal in Planung, über den Frackinggas aus den USA importiert werden soll, so der Umweltschützer. Hintergrund sei ein Deal zwischen US-Präsident Donald Trump und dem damaligen EU-Ratspräsidenten Jean-Claude Juncker. Trump hatte als Reaktion auf den Bau der Ostsee-Pipeline Nordstream 2 Strafzölle angedroht. Um dies zu verhindern, sicherte Juncker den Bau von Terminals zu, über die sich die US-Frackingindustrie einen neuen Markt erschließen sollte. Das verflüssigte Erdgas aus den USA werde aber nicht auf dem schrumpfenden europäischen Gasmarkt gebraucht, erklärte Georgi. Es sei auch klimaschädlicher als andere Erdgase. Derzeit sind LNG-Anlandestationen auch in Stade und Wilhelmshaven geplant. Die Trasse Brunsbüttel-Hetlingen wird von der Deutschen Tochter der Niederländischen Gasunie vorangetrieben. Den Terminal will der Staatskonzern mit zwei anderen Unternehmen aus Holland realisieren.

In Sorge ums Entwässerungssystem der Marsch

Nach dem Motto „Global denken und regional handeln“ agiert die Arge, erklärte Boris Steuer. Durch den Trassenbau werde das ausgeklügelte Entwässerungssystem der Marsch Schaden nehmen, das für die Landwirte existenziell wichtig sei, prophezeite er. Wasserwege würden zerschnitten, Moore zerstört. „Landwirte und Naturschützer sind gegen die Gastrasse“, so Steuer.

Dass eine Videokonferenz Emotionalität nicht ausschließt, stellte Landwirt Hans-Peter Stegert aus Moorrege unter Beweis. Er kritisierte die Duldungsanordnung vom Land, wonach er Mitarbeiter der Gasunie für Vorarbeiten auf sein Land lassen muss. „Da wird das Eigentumsrecht beschnitten“, so der Ökobauer. Begründet wird das mit der Dringlichkeit, dass die Trasse bis 2022 fertiggestellt werden soll. Tatsächlich hat die Gasunie ihren Zeitplan geändert. Bis 2022 soll eine Grundsatzentscheidung her.

Landes-Grüne und grüne Basis sind unterschiedlicher Meinung

Rahn befragte dazu den sichtlich überraschten Grünen Staatssekretär Tobias Goldschmidt aus dem Kieler Umweltministerium. Der Regierungsvertreter verwies auf die geltende Rechtslage, wonach Grundeigentümer bei solchen Infrastrukturvorhaben Zugang zu gewähren haben. Und er führte an, dass sich CDU, FDP und Grüne in ihrem Koalitionsvertrag darauf verständigt hatten, den Terminalbau positiv zu begleiten. Der ebenfalls von Rahn befragte Grüne Landtagsabgeordnete Bernd Voß erklärte, dass Gas auch im Zeitalter der erneuerbaren Energien gebraucht wird, um Wind- und Sonnenlöcher zu stopfen.

Von der Basis bekamen die Grünen Gegenwind. Die Wedeler Ortsvorsitzende Petra Kärgel erklärte, sie habe dem Koalitionsvertrag mit wenig Informationen zu LNG zugestimmt, doch in der Zwischenzeit viel dazugelernt. Sie fordert von den Landes-Grünen „einen eiskalten Wind gegen die Investoren. Wir wollen erneuerbare Energien.“ Und der stellvertretende Vorsitzende der Grünen Dithmarschen, Gerd Weichelt, verwies auf seinen Antrag für den Landesparteitag am 31. Oktober in Büddelsdorf, Terminal und Gastrasse abzulehnen. Die Landtagsabgeordneten sollen sich neu positionieren. Zufrieden zeigte sich Steuer mit der Videokonferenz-Premiere. Die Diskussion mit anderen Parteien sei eröffnet.