Kreis Pinneberg

Abbild eines ganz besonderen Uetersener Lehrers

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Katja Engler
Der Maler Theodor Schultz malte 1874 ein Porträt von Johann Nikolaus Anton Kirchhoff.

Der Maler Theodor Schultz malte 1874 ein Porträt von Johann Nikolaus Anton Kirchhoff.

Foto: Katja Engler

Ein restauriertes Gemälde zeigt Johann Nikolaus Anton Kirchhoff, wie ihn der Maler Johann Theodor Schultz sah. Wer beide waren.

Uetersen. Wer wie Ute Harms im Haus Langes Tannen ein regionalhistorisches Museum leitet, ist eigentlich ständig auf der Suche nach Kunstwerken, Mobiliar oder sonstigen Objekten, die es ihr ermöglichen, einen der Erzählstränge der Stadtgeschichte weiterzuführen. So kommt es, dass die promovierte Kunsthistorikerin immer wieder mit Museumsleuten, Historikern Autoren, Sammlern, Händlern, Archivaren oder Bibliothekspersonal über gesellschaftliche, geistige, kulturhistorische oder wirtschaftliche Komponenten im Spiegel des Museums ins Gespräch kommt.

Auf diese Weise ereignete sich der Glücksfall, dass ein Hamburger Architekt und Galerist ein Gemälde kaufte, das ideal in das Museum Langes Tannen passt. Der Galerist hatte sich schon einige Jahre aus privaten Gründen weiter gestreuter Ahnenforschung mit jenem Mann beschäftigt, der das Bild gemalt hatte: Er hieß Johann Theodor Schultz (1817– 1893) und verbrachte einige wichtige Jahre in Uetersen. Sechs Gemälde und zwei Zeichnungen sind von ihm bekannt, fünf befinden sich in Uetersen, und seit der Galerist es dem Museum vermacht hat, nun auch das sechste, das jetzt frisch restauriert auf einer Staffelei im Herrenhaus prangt.

Museum hatte schon fünf Schultz-Gemälde

Im Nebenzimmer des Museums, das die großbürgerliche Wohnkultur des 19. Jahrhunderts repräsentiert, blicken bereits der ehemalige Hausherr Dr. Jacob Lange und seine Frau Sabine Adelarde würdevoll und streng gekleidet aus ihren ovalen Rahmen. Es sind ebenfalls Porträts aus der Hand von Johann Theodor Schultz. Die übrigen bekannten Bilder befinden sich im Trauzimmer des Uetersener Rathauses, sie zeigen die Uetersener Wohltäterin Cäcilie Bleeker und ihren Mann Anton Georg, und in der Klosterkirche, für die Schultz den früheren Kirchenpropst Johann Christian Bröker in Öl verewigte.

Das Gemälde, das jetzt dank einer Spende der Uetersener Haspa durch eine grundlegende Restaurierung in neuem Glanz erstrahlt, zeigt dagegen den Uetersener Johann Nikolaus Anton Kirchhoff, der seine Kindheit in Uetersen verbrachte, später die Stadt verließ, Rechtsanwalt wurde und von 1862 an als Bürgermeister die Geschicke der Stadt Kiel lenkte.

Maler und Gemalter hatten enge Beziehung zu Uetersen

„Das Gemälde hat in doppelter Hinsicht große Bedeutung für das Museum Langes Tannen“, sagt die Museumschefin Ute Harms, „denn sowohl der Dargestellte als auch der Maler standen in enger Beziehung zur Stadt Uetersen.“ Weder über Kirchhoff noch über den späten Künstler Johann Theodor Schultz konnte Ute Harms trotz aller Bemühungen viel herausbekommen, obwohl sie schon seit Monaten danach forscht.

Dennoch hat sie einiges ans Tageslicht befördert. Schultz war 1839 als Privat- und Hilfslehrer nach Uetersen gekommen. 15 Jahre später gründete er ein privates Lehrinstitut für Knaben, wo er ein für damalige Verhältnisse und den allgemeinen Hang zu autoritärem Handeln sehr fortschrittliches, offenes Konzept umsetzte. Denn die Schülerschaft kam aus allen gesellschaftlichen Schichten, mehr noch, sie kam aus anderen Weltgegenden. Unterrichtet wurden dort schleswig-holsteinische Bauernkinder, aber auch Sprösslinge aus gutbürgerlichen Familien, die teilweise aus Hamburg kamen. In den oberen Klassen nahmen auch die Töchter der Honoratioren teil.

Das absolut Besondere war die Internationalität: Die Hälfte der Schüler kam aus der Gegend, die andere aus Nord- und Südamerika, Frankreich, Österreich. Die Zeitungen der damaligen Zeit druckten Dankesbekundungen zufriedener Eltern ab, und jedes Jahr gab es ein Schulfest. Das klassizistische Gebäude nahe dem Uetersener Kloster steht noch heute.

Kirchhoff ließ Politisierung des Schulunterrichts zu

Einer der Schüler war Johannes Schmarje, nach dem später in Hamburg eine Straße benannt wurde. Dieser Schmarje verfolgte, vielleicht auch, weil er in Schultz’ Institut so viele spannende Mitschüler kennenlernte, nicht die von seinen Eltern gewünschte bürgerliche Laufbahn, sondern heuerte mit 17 Jahren auf einem Walfänger an. Mit Anfang 20 absolvierte er ein Lehrerstudium, mit 26 bekamen er und seine Freundin ein uneheliches Kind, später unterrichtete er an der Altonaer Berufsschule und wurde Schriftsteller.

In seinen Lebenserinnerungen fand die Kirchenmusikerin und Autorin Elsa Plath-Langheinrich folgenden Bericht von seiner Schulzeit in Schultz’ Lehrinstitut: „Turnen und Turnspiele, Schwimmen, Schlittschuhlaufen und Fechtübungen. Bei einigermaßen erträglicher Witterung machten wir jeden Sonnabend einen Dauermarsch...“ Im Keller gebe es eine Werkstatt für Holz- und Papparbeiten, unterm Dach dagegen wüchsen diverse Sammlungen aus dem Pflanzen- und Tierreich.

Auch soll sich Schultz über die damalige Vorschrift hinweggesetzt haben, in vaterländischer Geschichte nur dänische Geschichte zu lehren. Im Gegenteil soll er eine gewisse Politisierung des Schulunterrichts während der Dänenzeit zugelassen haben, die dann ja letztlich auch zur Loslösung Schleswig-Holsteins führte.

Von Uetersen zog Schultz nach Dresden weiter

Zehn Jahre später hatte Schultz auch davon die Nase voll. Er verpachtete sein Institut an einen anderen Lehrer und ging nach Dresden, um an der dortigen Kunstakademie zu studieren, in deren Magazin Ute Harms tatsächlich die Zeichnung eines Frauenkopfes fand. 1869 führte der Seminarist Albert August Friedrich Ramm die Schule weiter. Sie existierte bis zum Jahr 1900.

Wie lange Schultz malte, ob es bei der Porträtmalerei blieb, hat die Museumsfrau bisher nicht herausfinden können. Fest steht, dass Schultz von 1872 bis zu seinem Tod 1893 mit seiner Frau Anna auf der Hamburger Uhlenhorst wohnte. Vielleicht hat sein ehemaliger Schüler Schmarje ihn dort sogar mal besucht.

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