Kreis Pinneberg

Der Erfinder des Abbiege-Assistenten kommt aus Pinneberg

Michael Holleck aus Pinneberg leistet Pionierarbeit bei der Verkehrssicherheit. Für sein Wohnmobil hat er den ersten Abbiege-Assistenten und eine innovative Alarmanlage gebaut.

Michael Holleck aus Pinneberg leistet Pionierarbeit bei der Verkehrssicherheit. Für sein Wohnmobil hat er den ersten Abbiege-Assistenten und eine innovative Alarmanlage gebaut.

Foto: Katja Engler

Der Ex-Feuerwehrmann Michael Holleck hat auch seine Wunsch-Alarmanlage erfunden. Seine Innovationen sind heiß begehrt.

Pinneberg. Als Berufsfeuerwehrmann war der Pinneberger Michael Holleck (69) mehr als 38 Jahre auf Hamburger Straßen unterwegs. Als der Ruhestand losging, wollte er ein paar Dinge für sein Wohnmobil basteln, die er so, wie er sie sich vorstellte, nirgendwo fand, und die ihm das Leben sehr erleichtern würden. Es wurden weitreichende, durchaus innovative Erfindungen. Holleck ist Pionier bei der Arbeit an einem Abbiege-Assistenten für Lkw.

Feuer zu löschen, Verletzte aus Fahrzeugen zu fräsen oder ertrinkende Tiere aus Gewässern zu bergen, ist ein schwerer, stressiger Job. Wenn damit nach fast vier Jahrzehnten Schluss ist, sehnt sich ein ehemaliger Feuerwehrmann wahrscheinlich nach Ruhe und einer angenehmen Form der Abwechslung. Michael Holleck jedenfalls ging es so. Er wollte zunächst in sein Wohnmobil steigen und in die Sonne des Südens oder nach Skandinavien fahren, hin und wieder auch mal ohne seine Frau, die meist aber gerne mitfährt.

Pinneberger erfindetet seine Wunsch-Alarmanlage

Als er allein auf den Stellplätzen stand, konnte er nicht richtig abschalten. Er hatte so viele Horrorgeschichten von Campingplatz-Einbrüchen und Überfällen gehört, die gingen ihm nicht aus dem Kopf: „Ich will einfach nicht überfallen werden“, dachte er. Und ging los, um sich eine Alarmanlage zu kaufen. Weil er stets gründlich über die Dinge nachdenkt, wusste er auch schon, was er wollte: Eine, die schon dann drinnen Signal gibt, wenn die Einbrecher noch nicht im Wagen sind. Sowas gab es nirgends.

Alle Anlagen schlagen erst Alarm, wenn die Tür schon offen ist. „Wenn niemand zu Ende denkt, mach ich das eben selbst“, dachte Holleck und folgte damit einer seiner grundlegenden Lebensphilosophien: Sachen zu Ende denken.

Hollecks Ansatz: Einbrecher nutzen immer die Seitentür

Um herauszufinden, wie Einbrecher ticken, ging er zur spanischen Polizei, die bereit war, mit ihm zusammenzuarbeiten. Die zeigte ihm Einbrecher-Videos aus Überwachungskameras. Danach war Holleck klar, dass Einbrecher-Profis so gut geschult sind, dass sie fast jede Tür nach drei Minuten aufbekommen. Hauptvoraussetzung sei ein absolut sicherer Fluchtweg.

Daraus schloss Holleck, dass Einbrecher nie durch die (Bei-)Fahrertür kommen, sondern immer die Seitentür nutzen. Dort installierte er eine „brutal helle“ Signallampe als Vorwarnung, die per Sensor ausgelöst wird. Starte der Übeltäter draußen einen zweiten Versuch, löse das nach zehn Sekunden drinnen Alarm aus. Ist der Besitzer drin, kann er sich in so einem Moment mit barscher Stimme melden. Einbrecher suchten dann erfahrungsgemäß sofort das Weite, da sie nicht wüssten, wer drinnen sei, ein Bodybuilder oder ein wehrloser Rentner.

2015 ging er mit seiner Erfindung auf Camping-Caravan-Messe

2013 waren zwei Prototypen fertig, die er einbaute. Auf Stellplätzen erzählte er davon und merkte, wie groß das Interesse war. Er gründete mit seinem neuen Geschäftspartner, dem Kaufmann Andreas Matthes, die Firma H3M und produzierte tausend Stück. Die verkaufte er unterwegs für je 200 Euro. Das Geld deckte noch nicht mal die Kosten für die vielen Zertifizierungen und Patente.

2015 ging er mit seiner Erfindung in der Tasche auf eine Camping-Caravan-Messe nach Düsseldorf. Dort sprach er den Einkaufschef eines Branchenriesen an. Der erwiderte, mit Alarmanlagen könne er sein Haus pflastern. Aber er solle seine Chance haben. Die bekam Holleck, und das Gespräch war so erfolgreich, dass der große Wohnmobil-Hersteller seine „Carawarn“-Alarmanlage unter der eigenen Marke jetzt in Serie nimmt, wie Holleck erzählt. Das machte erst mal Mut, war eine Bestätigung.

Ein totes Kind im Arm – "das vergessen Sie nicht mehr"

Aber es gab noch etwas, das ihm keine Ruhe ließ: Die schlechte Sicht, wenn er mit seinem Riesen-Mobil unterwegs war. Dass er jemals einen Menschen beim Abbiegen übersehen könnte, war für ihn eine Horrorvorstellung, die von den Erinnerungen aus seinem Berufsleben überlagert wurde.

„Ich hab sehr viel Elend auf der Straße gesehen. Wenn Sie einmal ein totes Kind im Arm gehalten haben, das durch so etwas gestorben ist – das vergessen Sie nicht mehr. Wenn Sie dann wissen, dass das zu verhindern ist, werden Sie zum Überzeugungstäter“, sagt er. Er habe schon immer helfen wollen, sei auch zehn Jahre beim Roten Kreuz gewesen.

Holleck entwickelte schon vor fünf Jahren einen Abbiege-Assistenten

Schon als er ein Kind war, hat er am liebsten vor sich hin gebastelt. Alles selber gebaut. Flugzeuge aus Pappmaché konstruiert. Deshalb machte er auch zunächst eine Ausbildung zum Zahntechniker, bevor er zur Feuerwehr ging. Und jetzt, als frisch gebackener „Jung-Unternehmer“, macht er mit dem Erfinden und Zusammenbauen weiter.

Holleck entwickelte schon vor fünf Jahren einen Abbiege-Assistenten, dessen Überwachungsradius erst bei 28 Metern endet, also auch für Gelenkbusse und andere extrem lange Fahrzeuge geeignet ist. Er kann als Rangierhilfe sogar Anhänger oder hinten am Wohnmobil befestigte Fahrräder identifizieren und sich daran anpassen. Bis zu vier Kameras können auch Radfahrer erkennen, die schneller als Tempo 30 fahren. „Kein Mensch hat sich am Anfang dafür interessiert. Aber irgendwann kamen die vielen Unfälle mit Lkw in die Presse. Ich war schon bei der Berliner Stadtreinigung, die sich dafür interessiert hatten und unsere Prototypen testeten. Da rief plötzlich das Bundesverkehrsministerium an.“

Hollecks Abbiege-Assistenten haben viele Müllabfuhren im Ruhrpott

Von da an ging es rapide bergauf mit dem Projekt Abbiege-Assistent. Die beiden Männer von H3M, deren Firma inzwischen als GmbH unter dem Namen „H3M Zukunft mit Sicherheit“ firmierte, saßen im Ministerium an einem Tisch mit vielen wichtigen Playern und der Berliner Stadtreinigung. Eine glückliche Fügung. Denn die habe geschildert, wie zufrieden sie mit den Abbiege-Assistenten der beiden waren. So erzählt es Michael Holleck.

„Inzwischen sind wir also bekannt“, sagt er und weist darauf hin, dass auch viele Müllabfuhren im Ruhrpott, Unternehmen in Österreich und Tschechien und Teile des Militärs inzwischen den Abbiege-Assistenten der beiden einsetzen, auch die Firma Veolia zähle zu ihren Partnern. „Aber wenn Speditionen nicht per Gesetz gezwungen werden, schaffen sie meistens keinen an“, sagt Holleck.

Verdient haben er und sein Geschäftspartner bisher kaum an der Unternehmung. Weil viele einzelne Teile kostspielig zertifiziert und etliche Patente erworben werden mussten. „Ich hoffe, dass irgendwann Geld zurückfließt“, sagt Holleck. „Aber ich bin zufrieden. Es war mir schließlich immer wichtig, mich für das Gemeinwohl einzusetzen.“